Wissenschaft
Das Abwasser ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, sagt Forscher Jörg Drewes von der TU München. Seit einem Jahr sucht er deshalb dort nach Corona. Mit Erfolg: Seine Tests erkennen Viren früher – und sollen so größere regionale Ausbrüche verhindern.
Professor Jörg Drewes vom Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universität München
Professor Jörg Drewes vom Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universität München (TUM).

Mit Corona-Tests im Abwasser von Kläranlagen lassen sich Viren nachweisen, Tage bevor Infizierte Symptome einer Infektion spüren. Außerdem sind sie unabhängig von der Testbereitschaft der Menschen, sagte Professor Jörg Drewes vom Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universität München (TUM) dem Evangelischen Pressedienst (epd). Seit einem Jahr untersucht er in einem Pilotprojekt in mehreren bayerischen Kommunen sowie in Karlsruhe die Ausscheidungen der Menschen auf SARS-CoV-2. Der Abwasser-Forscher hofft auf eine breitere Anwendung und Finanzierung seines "Frühwarnsystems". Denn er ist sicher: Die nächste Pandemie wird kommen.

Herr Drewes, wo liegen die Vorteile Ihrer Abwasser-Corona-Tests im Vergleich zum klinischen Schnell- oder PCR-Test?

Drewes: Der Vorteil ist, dass Sie damit die Gesamtbevölkerung objektiv erfassen. Denn jeder muss mal auf die Toilette - unabhängig von der Bereitschaft sich einem Test zu unterziehen. Außerdem liegen die Befunde sieben bis zehn Tage vor den Ergebnissen der klinischen Tests, die vom RKI gemeldet werden. Daher bekommt man frühzeitiger eine Einschätzung, wie sich die Infektionslage entwickelt. Und das Monitoring hilft bei der Eingrenzung von Ausbrüchen und der Cluster-Nachverfolgung.
Die Umweltwissenschaften nutzen Abwasser-Überwachung schon lange, etwa zum Konsum illegaler Drogen oder dem Verbrauch von Pharmaka in der Bevölkerung. Das Abwasser ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und das gilt auch für das Vorkommen von Pathogenen in Ausscheidungen – wie Noroviren oder SARS-CoV-2.

Werden die Abwasser-Tests dann eine vierte Corona-Welle verhindern können?

Drewes: Nein. Aber wir können zumindest sagen, wann sie sich entwickelt und in welchen Stadtteilen, Gemeinden und Kommunen. Und damit einen Beitrag leisten, diese frühzeitig einzudämmen.

Macht es Sinn, solche Abwasser-Analysen auch "nach Corona" beizubehalten?

Drewes: Das Programm fortzusetzen ist auf jeden Fall sinnvoll. Der Probenaufwand liegt bei sechs bis 24 Stunden, bis man die Befunde hat. Die analytischen Kosten liegen bei circa 300 Euro. Das ist alles relativ, denn Sie bekommen so eine Gesamteinschätzung für die Bevölkerung, die so nur durch eine Vielzahl von klinischen Tests möglich wäre. Daher sind die Kosten eher gering und sollten von den Ländern getragen werden - als Beitrag zur öffentlichen Gesundheitsvorsorge.
Und die nächste Pandemie wird kommen. Aber die Analytik lässt sich leicht auf andere Pathogene wie Noro- oder Grippeviren anpassen. Oder auf das Vorkommen von Antibiotika-Resistenzen. Abwasser-Monitoring ist damit ein Frühwarnsystem für das Auftreten neuer Infektionskrankheiten.

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