18.04.2018
Kommentar

Facebook-Skandal: Soziale Medien brauchen Regeln

Die "soziale Infrastruktur" Facebook braucht endlich Regeln. Kommentar von Wolfgang Lammel
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Delete Facebook? Datenkraken wie Facebook zu löschen, löst das Problem nicht: Der digitale öffentliche Raum darf auf Dauer nicht ohne öffentliche Kontrolle organisiert bleiben.

Wenn eine Situation unkontrollierbar zu werden droht, holt man sich gern den Dichterfürsten in den Zeugenstand. "Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los" ist das wohl bekannteste Zitat aus Goethes 221 Jahre alten Ballade "Der Zauberlehrling" und dient nicht nur in Stammtischdebatten als zeitlos einsetzbare Allzweckwaffe.

Es wäre eine Leichtigkeit, eben jenes Zitat dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg um die Ohren zu schlagen. Der Datenskandal, mit dem sich das globale Netzwerk derzeit auseinandersetzen muss, bietet dafür eine Steilvorlage. Millionen von Facebook-Nutzerdaten wurden von einem Privatunternehmen abgegriffen, das damit Entscheidungsprozesse wie die US-Präsidentschaftswahl 2016 beeinflusst haben soll.

Nun ist es das Geschäftsmodell von Facebook, dass es seine beträchtlichen Werbeeinnahmen auf der Grundlage von Nutzerprofilen generiert. Die kostenlose Plattform bezahlen die Teilnehmer mit der Preisgabe privater Informationen und persönlicher Vorlieben. Angesichts aktuell rund 2.1 Milliarden (!) aktiver Nutzer weltweit sprengt das Unternehmen freilich nicht nur die Vorstellungskraft von technischem Aufwand und finanziellen Umsätzen.

Die im Kern hervorragende Idee, Menschen über das Internet virtuell und grenzenlos miteinander in Verbindung zu bringen, stößt an Grenzen, deren Existenz lange verdrängt worden war. Die Idee einer globalen "Community", von der Zuckerberg in der vorigen Woche bei seiner Anhörung vor dem US-Kongress immer noch schwärmte, zerbrach nicht an Auswüchsen wie Hassparolen, Propaganda und Falschnachrichten; erschütternd ist vielmehr die Erkenntnis, dass die Privatsphäre (deren Schutz die Nutzer ja bewusst selbst gelockert haben) zur Spielwiese für kommerziell agierende Unternehmen werden kann, deren Auftraggeber nicht weniger als die politische Manipulation von Bürgern beabsichtigen.

Seine "Unschuld", sollte es sie jemals gegeben haben, hat Facebook längst verloren. Umso wichtiger ist es, für die sozialen Medien ein Regelwerk zu schaffen, sozusagen eine Straßenverkehrsordnung für die Datenautobahnen dieser Welt. Eine Herkulesaufgabe: Der Blogger Sascha Lobo nannte Facebook treffend eine völlig neuartige "digitale soziale Infrastruktur" und forderte dafür die Ausrichtung nach demokratischen und menschenrechtlichen Prinzipien.

Bei Goethe brachte der "alte Hexenmeister" den Schlamassel in Ordnung, den der Zauberlehrling angerichtet hatte. Ob es die Politik schafft, die Herausforderung ohne Hexerei zu meistern?

 

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