10.10.2020
Kommentar

Über den Umgang mit fragwürdigen Darstellungen und Benennungen

Der "Mohr" als Namensgeber für Apotheken, Straßen oder als Wappen sorgt derzeit bundesweit für Streit. Handelt es sich dabei um Rassismus oder nicht? Ein Kommentar von Timo Lechner.

Vielleicht gibt es eines Tages einen Impfstoff gegen Corona – kein Kraut gewachsen scheint aber gegen Umbenenneritis und Zerstörungswut: Da werden Denkmäler oder U-Bahn-Schilder umstrittener Personen beschmutzt oder gestürzt oder jahrhundertealte "Judensau"-Darstellungen an Kirchen geistig schon weggeklopft.

Die Chance, anhand solcher Beispiele Geschichtsstunden zu halten und verstehen zu lernen, wird vertan. Wir erleben die Renaissance des reformatorischen Bildersturms als Wellness-Programm für das Gewissen.

Gerade geht’s dem Mohr an den Kragen: Aus dem Namen von Apotheken und Straßen soll der Zankapfel der Sprachkreuzritter ebenso verschwinden wie nach rund 500 Jahren auch aus dem Coburger Stadtwappen, weil die Initiatoren einer Online-Petition in der Darstellung eines dunkelhäutigen Menschen rassistische Ressentiments erfüllt sehen.

Den Mohr hatten die Nazis 1934 auch schon aus dem Wappen getilgt. Allerdings wohl aus gegenteiligen Gründen.

Namensnennungenn beziehen sich auf den heiligen Mauritius

Dabei könnte man gerade am Begriff "Mohrenkopf" und seiner Etymologie so viel erklären. Wappenabbildungen oder die Namensnennungen bei Apotheken und Straßen beziehen sich auf den heiligen Mauritius, der im 3. Jahrhundert im oberägyptischen Theben geboren wurde.

Der Anführer der aus Christen bestehenden Thebaischen Legion starb einst den Märtyrertod – und war eben von dunklem Antlitz. Seine sterblichen Überreste wurden im 10. Jahrhundert in einer Coburger Kirche gelagert, Mauritius seither auch in der oberfränkischen Stadt verehrt.

Ähnlich, wie die rund 100 Mohren-Apotheken in Deutschland in ihrem Namen ihre Wertschätzung gegenüber der maurischen Bevölkerung ausdrücken wollten, die als Förderer der modernen Pharmazie galten.

Deutungshoheit des Sagbaren

Anders verhält es sich beim Biskuit-Gebäck "Mohrenkopf", eine Übersetzung des französischen "Tête de Nègre". Also eine Verballhornung des vom Mauren zum Mohren gewordenen Mauritius und dessen Hautfarbe.

Erklärt oder ergründet wird dieser Unterschied aber von der Sprachpolizei ebenso wenig wie  Skulpturen oder Benennungen nicht im Kontext ihrer Zeit gesehen werden sollen.

Es bleibt der bittere Nachgeschmack, dass es den Mahnern eher um die Deutungshoheit des Sagbaren und damit die Führung im gesellschaftlichen Diskurs geht.

Oder sie machen es wie die drei Affen, die sich die Hände vor Augen, Ohren und Mund halten: Was man nicht sieht, hört oder bespricht, ist nicht da – das Unrecht oder die Peinlichkeit, der man sich nicht stellen, die man nicht diskutieren will. Chance vertan.

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Kommentar

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Die feministische Theologin Eske Wollrad (Hannover), hat den Übersetzern der revidierten Lutherbibel 2017 Rassismus vorgeworfen, weil in Jeremia 13,23 der Begriff "Mohr" benutzt wird. Hier wird mit zu großem Besteck hantiert, findet Thies Gundlach in seinem Gastkommentar. Gundlach ist einer der drei theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamts der EKD. Er leitet dort das Referat "Theologische Grundsatzfragen".
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