21.03.2018
Kommentar

Rassismusvorwurf: Kann der biblische "Mohr" gehen?

Die feministische Theologin Eske Wollrad (Hannover), hat den Übersetzern der revidierten Lutherbibel 2017 Rassismus vorgeworfen, weil in Jeremia 13,23 der Begriff "Mohr" benutzt wird. Hier wird mit zu großem Besteck hantiert, findet Thies Gundlach in seinem Gastkommentar. Gundlach ist einer der drei theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamts der EKD. Er leitet dort das Referat "Theologische Grundsatzfragen".
»Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken?« - Bei der Übersetzung von Jeremia 13,23 ging es den Revisoren des Luthertextes darum, das hebräische Sprachbild plausibel wiederzugeben.
»Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken?« - Bei der Übersetzung von Jeremia 13,23 ging es den Revisoren des Luthertextes darum, das hebräische Sprachbild plausibel wiederzugeben.

Die Geschäftsführerin des Evangelischen Zentrums Frauen und Männer, die feministische Theologin Eske Wollrad (Hannover), hat den Übersetzern der revidierten Lutherbibel 2017 Rassismus vorgeworfen, weil in Jeremia 13, 23 der Begriff "Mohr" benutzt wird. Was ist dazu zu sagen?

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) warnt immer wieder vor Skandalisierungen und Tribunalisierungen im Netz, im Diskurs oder auch im Umgang miteinander. Das schließt aber offenbar nicht aus, dass innerhalb der EKD mit viel zu großem Besteck hantiert wird:

Den Bibelübersetzer/innen der Lutherbibel 2017 wird "Rassismus" und "Rassifizieren" vorgeworfen. Man kann über die Übersetzung einer Stelle streiten, aber mit der Skandalisierungskategorie "Rassismus" ist jede sachliche Diskussion auf die Ebene der Gesinnung gehoben. Das ist gerade bei schwierigen exegetischen Fragen nicht hilfreich.

Die 2017 vom Rat der EKD herausgegebene revidierte Übersetzung der Heiligen Schrift nach Martin Luther hat an einer Stelle im Alten Testament das Wort "Mohr" benutzt. "Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken?" (Jeremia 13, 23) Der Sinn dieses Bildes ist mit Händen zu greifen: So wenig Israel von seinen Sünden lassen kann, so wenig kann ein Panther seine Flecken und ein Schwarzer seine Hautfarbe wechseln – so Jeremia, ein Autor aus dem 7. Jahrhundert vor Christus.

Die Unwandelbarkeit ist das sogenannte "tertium comparationis", der Vergleichspunkt des Bildwortes. Es geht nicht um die Abwertung einer Rasse, sondern um die Unwandelbarkeit einer Hautfarbe. Die Beibehaltung des "Mohr" ist hier einzig, die Lutherbibel 1984 kannte noch 15 solcher Mohr-Wortgruppen, verteilt auf 13 Bibelstellen (Eingabe "Mohr", dann unter "Filtern" nach "Bibeltexte" und "Lutherbibel 1984" filtern). In der Lutherbibel 2017 wurden diese Stellen durch "Kusch" oder "Äthiopien" ersetzt.

Bei der Übersetzung von Jeremia 13, 23 ging es darum, das hebräische Sprachbild plausibel wiederzugeben. Man kann darüber streiten, ob der "Mohr" ein zu belasteter Begriff ist. Oftmals werden ja alte Formulierungen herbeigerufen, um die Unhaltbarkeit dieses Wortes zu demonstrieren; z. B. wird "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" aus dem Jahr 1783 von Friedrich Schiller oft zitiert: "Der Mohr hat seine Arbeit getan. Der Mohr kann gehen"; wird dieser Satz auch aus Schillers Stück gestrichen?

Es ist zwar noch nicht ausgemacht, dass es an dieser Stelle nicht noch Veränderungen geben wird, doch dazu müsste man zur Sachebene zurückfinden und nicht unsere aktuellen Wertungen voranstellen. Es gilt zu klären, ob Texttreue, Lutherklang und Verstehbarkeit besser auszudrücken sind als in der vorliegenden Form. Dass aber die mir bisher bekanntgewordenen Alternativvorschläge sachlich und sprachlich mehr überzeugen, kann ich noch nicht behaupten.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an den Vizepräsidenten des Kirchenamts der EKD, Thies Gundlach, sonntagsblatt@epv.de

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