9.01.2019
Kommentar

Warum es einen Altenpflege-Tarifvertrag braucht

Krisensicherer Wachstumsmarkt: mit der Pflege kann man Geld verdienen. Doch was, wenn Anbieter die Qualität der Rendite opfern? Eine gesetzliche Gewinnbremse und ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag könnten Abhilfe schaffen, findet Renate Haller.
Pflege

Der Pflegemarkt wächst, und das schnell. 2015 verzeichnete er einen Umsatz von rund 50 Milliarden Euro, 2030 sollen es mehr als 80 Milliarden sein. Weil die Menschen immer älter werden, ist der Markt zudem krisenfest. Kein Wunder, dass er nicht nur Investoren anzieht, denen es in erster Linie um das Wohl der Pflegebedürftigen geht.

Knapp die Hälfte der Pflegeheime ist in privater Trägerschaft. Das ist gut so. Der schnell wachsende Bedarf an Heimplätzen ist allein von freigemeinnützigen Trägern wie Diakonie, Caritas oder Arbeiterwohlfahrt nicht zu schaffen. Private Träger wollen aber auch Geld verdienen. Übel wird das nur dann, wenn der Gewinn wichtiger ist als gute Pflege und gute Arbeitsbedingungen. Was tun?

Einen guten Teil der Heimkosten übernimmt die Pflegeversicherung. Deren Ziel kann es nicht sein, zu zweistelligen Renditen beizutragen. Deshalb kann es sinnvoll sein, die Höhe der Renditen gesetzlich zu begrenzen. Das wäre ein Eingriff in den Markt, würde aber all jene abschrecken, die Pflegeheime kaufen und wieder verkaufen, sobald sie hohe Gewinne abgezogen haben.

Zudem müssen Altenpflegerinnen und -pfleger mehr verdienen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte schon im März 2018 einen Tarifvertrag für die Altenpflege an. Rund 80 Prozent der Heime und Pflegedienste sind nicht tarifgebunden. Das liegt auch daran, dass bei Diakonie und Caritas, zwei Schwergewichte im Pflegebereich, das kirchliche Arbeitsrecht gilt – das den Pflegekräften zwar den Streik verwehrt, dafür aber Löhne am oberen Ende der Skala bietet.

Attraktivere Gehälter sind notwendig

An einem allgemein verbindlichen Pflegetarif für alle anderen haben aber gerade private Anbieter kein Interesse. Rainer Brüderle (FDP), Präsident des Arbeitgeberverbands der deutschen Sozialwirtschaft, hält ihn für einen "schwerwiegenden Eingriff in die Tarifautonomie". Das mag sein, aber das Ziel rechtfertigt in diesem Fall das Mittel: attraktivere Gehälter für einen Berufszweig, der nachgefragt ist und jahrelang vernachlässigt wurde.

Derzeit liegen die Einkommensunterschiede je nach Träger und nach Region bei mehreren Hundert Euro pro Monat.

Zum höheren Gehalt gehört eine angemessene Wertschätzung für die Menschen, die sich um Alte kümmern. Die stellt sich möglicherweise ein, wenn jüngere Generationen aufhören zu verdrängen, dass sie selber alt werden. Dass die Skandale um einige Heime viel schneller jeden Einzelnen treffen können, als ihm oder ihr lieb ist. Dass es gilt, heute Verantwortung zu übernehmen, um nicht morgen von überlasteten, unterbezahlten Pflegekräften mehr schlecht als recht versorgt zu werden.

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