15.10.2020
Gastbeitrag von Elke Müller

"Mein Vater infizierte sich mit dem Coronavirus – unter Tränen ließen wir ihn gehen"

Religionspädagogin Elke Müller hat ihren Vater verloren. Der 86-jährige Rentner starb drei Tage, nachdem er sich mit dem Coronavirus infiziert hatte. In einem Gastbeitrag beschreibt Müller, wie sie und ihre Familie den Tod des Mannes erlebten - um ihm und allen Menschen, die aktuell ähnliche Situationen erleben müssen, eine Stimme zu geben.

Dieses Bild ist im April 2019 entstanden. Es zeigt meinen Vater und mich auf meiner Hochzeit. Es war ein schönes Fest und ich glaube, er war an diesem Tag beinahe so glücklich wie ich. Ein Jahr später mussten wir von ihm Abschied nehmen.

Mein Vater infizierte sich mit dem Coronavirus und starb nach nur drei Tagen im Krankenhaus.

Unsere Familie konnte sich auf diesen plötzlichen Tod nicht vorbereiten. Innerhalb weniger Stunden mussten wir entscheiden, ob wir unseren Vater künstlich beatmen lassen.

Einen rüstigen 86- jährigen Rentner, der eine Woche zuvor noch in der Werkstatt meines Bruders gestanden war und Ketten für Motorsägen geschärft hatte.

Die Diagnose schockte uns.

Wir hatten Angst, waren verzweifelt und überfordert. Ich stand in unserer Küche und telefonierte pausenlos mit meiner Mutter, meinen Geschwistern und dem Arzt auf der Intensivstation.  

Was sollten wir tun? In meiner Hilflosigkeit blickte ich immer wieder zum Kruzifix an der Wand. Von dort kamen nur zwei Worte: "Gehen lassen".

Ich hätte mir etwas anderes gewünscht, aber so oft ich nach oben zu Jesus ans Kreuz blickte, kamen immer wieder diese beiden Worte. 

Die Entscheidung: "Gehen lassen."

Unter Tränen ließen wir unseren Vater gehen. Wir entschieden uns gegen eine künstliche Beatmung. Wir wollten in den Sterbeprozess nicht eingreifen, ihn weder verlängern noch verkürzen.

Eine seit langen Jahren bestehende Patientenverfügung erleichterte uns die Entscheidung.

Das Gehen lassen war schmerzvoll. Dennoch wurde uns ein innerer Friede geschenkt. Wir wussten, dass wir nach dem Willen unseres Vaters entschieden hatten. Er wollte gehen.

Wenige Monate vor seinem Tod hatte er in sein Tagebuch geschrieben: "Ich habe Sehnsucht nach der Ewigkeit. Wie schön es bei Jesus wohl sein muss?" 

Sterben im Krankenhaus

Die Umstände seines Sterbens waren dramatisch. Neben meiner Mutter durfte nur noch eine Person aus unserer Familie zu ihm.

Wir entschieden uns für unseren Bruder. Für meine Schwester und mich war es unerträglich, nicht persönlich Abschied nehmen zu können, nur weil es an Schutzkleidung fehlte.

Wir schrieben Abschiedsbriefe. Ich begleitete meinen Bruder ins Krankenhaus. Die Atmosphäre auf der Intensivstation war beängstigend.

Innerhalb von 24 Stunden wurden drei weitere Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten, ins Krankenhaus eingeliefert.

Am Sterbebett

Mein Bruder kam mir in dieser angespannten Situation vor wie ein Fels in der Brandung. Ruhig und konzentriert folgte er den Anweisungen des Pflegepersonals, zog die Schutzkleidung an und setzte die Atemschutzmaske auf.

Fünfzehn kostbare Minuten saß er bei meinem Vater am Sterbebett.  Er kam weder weinend noch niedergeschlagen aus dieser letzten Begegnung zurück, sondern gestärkt und dankbar.

Unser Vater starb friedlich, wenn auch alleine, einen Tag später. 

Die Trauerfeier

Die Trauerfeier hielt ein Freund unserer Familie. Am Ende las er Worte von Frère Roger Schutz – dem Gründer von Taizé:

"Am Abend unseres Lebens wird es die Liebe sein, nach der wir beurteilt werden. Die Liebe, die wir allmählich in uns haben wachsen und sich entfalten lassen, in Barmherzigkeit für jeden Menschen."

Diese Erkenntnis hatte mein Vater diesem Freund Jahre zuvor mit folgendem Gruß geschrieben: "Lieber Markus,  versuchen wir danach zu handeln und zu leben und möge uns am Ende Christus gnädig sein."

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