Biographie
Obwohl die schrecklichen Ereignisse 55 Jahre zurückliegen, kann Pfarrer August Eckardt sie nicht vergessen. Der ehemalige Gefängnispfarrer von Landsberg am Lech hat 1948 und 1949 insgesamt 65 von den Amerikanern zum Tod verurteilte Kriegsverbrecher auf ihrem Weg zum Galgen begleitet. Der 91-Jährige lebt im Seniorenhof von Neunkirchen am Sand. Die zehn Monate als Gefängnispfarrer in Landsberg sind unauslöschlich in seiner Seele verankert.

Der alte Herr fährt mit dem Auto zum Einkaufen, versorgt sich morgens und abends selbst. Er erzählt lebhaft, was in seinem langen Leben alles passierte. Mit 22 jüngster bayerischer Vikar, danach Pfarrer in Walkersbrunn, unterbrochen durch Krieg und russische Gefangenschaft, von Bischof Meiser als Gefängnispfarrer nach Landsberg geholt, später Pfarrer in Garmisch und Krankenhausseelsorger in München. Er deutet an seinen Kopf, grinst und versichert: "Ich hab' noch alle Tassen im Schrank." Man glaubt gern dem eifrigen Plauderer, der von einem Thema zum anderen springt und auch kleine Scherzchen einflicht.

Landsberg: Diese zehn Monate sind unauslöschlich in seiner Seele verankert.

Doch immer wieder kommt er auf Landsberg zu sprechen. Landsberg: Diese zehn Monate sind unauslöschlich in seiner Seele verankert. Das verfolgt ihn immer noch. Neben ihm auf dem Sofa liegt sein Tagebuch von damals, in das er penibel eingetragen hat, was er dort erlebt hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente die Haftanstalt, in der Hitler 1923 ein Jahr Festungshaft verbüßte, als Kriegsverbrecher-Gefängnis der Amerikaner. Inhaftiert waren hier Deutsche, die in verschiedenen Prozessen wegen ihrer Taten im Krieg oder KZ zu Zeitstrafen oder zum Tod verurteilt worden waren.

Dienst als Gefängnisseelsorger

Als Eckardt im Juni 1948 seinen Dienst als Gefängnisseelsorger antrat, waren die Hinrichtungen gerade für kurze Zeit ausgesetzt. Doch ab Oktober war der Freitag wieder der Hinrichtungstag. Bis zu fünfzehn "Rotjacken", wie man die Todeskandidaten wegen ihren farbigen Hemden nannte, wurden nacheinander an diesem Wochentag zum Galgen geführt. Erst am Donnerstag nachmittags oder abends wurde den Häftlingen in den Zellen eröffnet, dass ihre letzte Stunde nahe war. Der evangelische oder der katholische Pfarrer war bei dieser letzten Urteilsverlesung dabei. Die Gefängnisseelsorger sprachen noch länger mit jedem Einzelnen, versuchten zu trösten, beteten für sie, sprachen einen Valetsegen. Das ging meist die ganze Nacht hindurch.

Am Hinrichtungstag

Am frühen Morgen des Hinrichtungstages wurde für alle, die es wünschten, evangelisches Abendmahl bzw. heilige Messe mit Beichte und Absolution gehalten. Pfarrer Eckardt oder sein katholischer Kollege gingen mit auf dem letzten Weg zum Galgen. Der Verurteilte erhielt noch die Möglichkeit, letzte Worte zu sprechen . Der Pfarrer sprach ein Vaterunser. Dann wurde dem Häftling eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen und die Schlinge um den Hals gelegt. Die Falltür öffnete sich, der Mensch verschwand in der Tiefe. Kurz danach stellte der Arzt den Tod fest.

Noch am selben Tag hatte der Pfarrer auf dem nahen Spöttinger Friedhof die Beerdigung zu halten, die ohne Ansprache agendarisch vollzogen wurde. "Danach war ich völlig fertig, hundemüde, seit über 24 Stunden auf den Beinen", erinnert sich Pfarrer Eckardt. Angehörige wurden verständigt, oft letzte Grüße ausgerichtet.

Einsicht in ihre Schuld zeigten zur wenige

Jeden Sonntag war im Gefängnis Gottesdienst, zu dem auch die "Rotjacken" von den Bewachern herbeigeführt wurden. Obwohl viele der verurteilten Kriegsverbrecher, unter ihnen KZ-Bewacher, Kapos, Lagerkommandanten, nicht der Kirche angehörten, waren sie bei Besuchen des Seelsorgers meist gesprächsbereit, wie Eckardt berichtet. "Manche waren eiserne Nazis, die immer noch meinten, Hitler habe alles recht gemacht." Einsicht in ihre Schuld zeigten zur wenige.

Es war nach Ansicht des Seelsorgers aber auch schwer, die Schuld jeweils richtig zu beurteilen, da die Untersuchungen und Gerichtsverfahren unzulänglich verliefen und in den Prozessen immer wieder falsche Belastungszeugen aufgetreten waren. Manches Fehlurteil dürfte laut Eckardt ergangen sein, weshalb auch Landesbischof Meiser gegenüber der Besatzungsmacht "fragwürdige Methoden der Untersuchung" und "große Mängel in der Prozessführung" in einem Protestschreiben gerügt hat.

Die Arbeit der beiden Gefängnisseelsorger wurde von der polnischen Wachmannschaft und der amerikanischen Militäradministration misstrauisch betrachtet. Captain Wilson, der Kommandant, ermahnte Pfarrer Eckardt, sich auf rein religiöse Angelegenheiten zu beschränken. Aber der Geistliche sah seine Aufgabe umfassender: "Ich sollte da sein für alle Nöte und Anliegen, Ängste und Sorgen der Gefangenen", formuliert er. Und deshalb kümmerte er sich auch um den Gefängnisalltag, um Missstände, um Misshandlungen, die er an höhere Stellen weitermeldete. Er hielt Kontakt mit Familienangehörigen, er kündigte in den Gottesdiensten immer die Namen der Hingerichteten ab und hielt Fürbitte für sie, was ihm verübelt wurde.

Selbst zum Angeklagten werden

Ausgerechnet an seinem 37. Geburtstag kam es dann zum Eklat. Ein Freund hatte ihm ein Glückwunschtelegramm geschickt, das einen Psalmvers enthielt. Darin vermutete die Gefängnisleitung eine verschlüsselte Botschaft an einen Häftling. Der Captain ließ ihn kommen, rügte angebliche "Verstöße des Pfarrers gegen die Gefängnisordnung". Er nahm ihm sofort seinen Gefängnisschlüssel und den Dienstausweis ab. In seiner Wohnung fand eine Hausdurchsuchung statt, bei der seine Akten und alle Briefkorrespondenz beschlagnahmt wurden.

Am nächsten Tag sah er noch einmal den Kommandanten, der ihm wütend "Schädigung des Ansehens der Besatzungsmacht" vorwarf und ihn fristlos entließ. Der Amerikaner sagte in seiner Schimpfkanonade: "Ich bedauere, dass die Gesetze der Menschlichkeit mich davon abhalten, sonst würde ich jetzt meine Fäuste gebrauchen!"

Einsprüche der Kirche nützten nichts. So ging über Nacht der Dienst des engagierten Gefängnisseelsorgers am 1. April 1949 zu Ende.

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