21.02.2019
Kommentar

Nationalsozialismus: Wie sich die Erinnerungskultur verändern muss

Das Gedenken an den Holocaust droht in Vergessenheit zu geraten. Wie muss sich Erinnerungskultur in Zeiten von Digitalisierung ändern? Ein Kommentar von Anna Lisa Spitzauer, die für die Erinnerungsarbeit und Demokratiebildung in der Evangelischen Jugend verantwortlich ist.
Erinnerung muss leben

#ErinnerungMussLeben #NieWieder #WeRemember - so lauten die Hashtags, die zum Holocaust-Gedenktag oder zur Erinnerung an Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl und die Weiße Rose durch das Netz geistern. Doch wie kann digitale Erinnerungskultur heute eigentlich aussehen?

Die Evangelische Jugend München (EJM) positioniert sich seit vielen Jahren mit Meinungen und Positionen im Netz. Seit ein paar Jahren nutzt der Jugendverband auch Instagram, Facebook und Co., um Jugendliche auf Veranstaltungen und wichtige Themen aufmerksam zu machen.

"Erinnerungsarbeit und Demokratiebildung" bedeutet heute, dass wir als Organisation politische Statements oder Zitate posten und Infomaterial und Veranstaltungshinweise über soziale Medien verbreiten. Inhalt und Titel müssen attraktiv sein - und stehen damit unter einem hohen Druck, ansprechend zu klingen ohne respektlos zu sein. Einige Kommunikationskanäle rufen durchaus zwiespältige Gefühle hervor, so etwa, wenn eine digitale Einladung zu einem Gedenkstättenbesuch mit besonders vielen "Likes" und "Shares" beantwortet wird.

"Liken" wir den Besuch einer Gedenkstätte?

Die Kommunikationsarbeit befindet sich in einem Dilemma: Einerseits sollen sich möglichst viele junge Menschen "erinnern" und von Veranstaltungen angesprochen fühlen. Andererseits sollen Gedenkveranstaltungen nicht nur vermarktet werden. Was also tun?

Die Erfahrungen mit Erinnerungsarbeit der Evangelischen Jugend hat gezeigt, dass es hilft und fast zwingend notwendig ist, historische Ereignisse mit aktuellen Themen zu verbinden. Ein "Weiße-Rose-Workshoptag" für Konfis und Firmlinge muss neben der Information über die historischen Ereignisse auch eine Station anbieten zum Thema "Rechtsextremismus" oder "Diktaturen heute". Denn für die Jugendlichen sind das die Themen, die in ihrem Alltag relevant sind.

Doch was können wir tun, wenn die Zeitzeugen sterben und keine Auskunft mehr geben können? Hier können digitale Angebote durchaus sinnvoll sein. Die Evangelische Jugend München ist beispielweise an der Entwicklung einer App beteiligt, die Erinnerungsorte in der eigenen Stadt sichtbar machen soll.

Es ist kein Zufall, dass die historisch-politische Bildung ganz bewusst mit der Vergangenheit und Zeugnissen vergangener Zeiten arbeitet. Wir müssen die Vergangenheit mit der Gegenwart vernetzen, um aus der Erinnerungsarbeit zu einem Demokratieverständnis zu kommen. Und dann passt auch der Hashtag #Erinnerungmussleben.

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