12.06.2019
Theologe gegen Nazis

Karl Steinbauer: Wie ein bayerischer Pfarrer Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete

Mit dem Karl-Steinbauer-Zeichen werden regelmäßig Personen und Gruppen geehrt, die sich für Frieden und Menschlichkeit einsetzen - so wie es der Namensgeber der Auszeichnung, Karl Steinbauer (1906-1988), in der NS-Zeit getan hat. Ein Porträt über einen ganz besonderen Pfarrer aus Bayern.
Wenige Pfarrer konnten den Nationalsozialisten Paroli bieten und überleben. Der berühmteste bayerische Pfarrer unter ihnen ist Karl Steinbauer (1906-1988). Ein Porträt über den Theologen, der bis heute ein Vorbild ist.

Karl Steinbauer wird 1906 als Sohn des Windsbacher Gymnasialrektors geboren. Deutschnational erzogen schwärmt er früh für Hitler und wird mit 25 Jahren Mitglied der NSDAP, sagt Ruhestandspfarrer Thomas Öder aus Kempten:

"Ihm war kein Baum zu hoch in Windsbach, er hat die tollsten Kunststücke gemacht, hat sich geschlagen, hat seinen Schmiss gehabt. Einerseits ein Haudegentyp, andererseits sensibel, merkt er genau: Da stimmt was nicht!"

Steinbauer zieht Konsequenzen. Als Hitler gegen das Recht agitiert, noch vor der Machtergreifung, gibt Steinbauer sein Parteibuch wieder zurück. Dann fängt er als blutjunger Pfarrer in Penzberg im bayerischen Oberland an: Eine Stadt voller Arbeiter, Kommunisten und fanatischer Nazis.

Öder, der das Buch "Aber Gottes Wort ist nicht gebunden" über Karl Steinbauer verfasst hat, schildert die Umstände: "1933 wurden ganz kurzfristig Kirchenvorstandswahlen angesetzt. Der neue Staat wollte die evangelische Kirche als ideologischen Partner für sich aufbauen. Aber Steinbauer hat keine neuen Kandidaten dazugenommen. Die NS-Leute hätten getobt: "Wir haben hier doch ganz tüchtige Leute, warum kommen die nicht rein?"

Steinbauer antwortet: "Die habe ich nie in der Kirche gesehen!"

Dann häufen sich die kleinen Gewissensfragen und Machtkämpfe: Herrgott oder Führer? Öder: "Da war Glockengeläut angeordnet anlässlich einer Wahl, die mit 99 Prozent Ja-Stimmen geendet hat".

"Es war ein auferlegter Schwindel, und lügen muss man ohne Gott", sagt Steinbauer in einer Kassetten-Aufnahme nach dem Krieg,

"ich kann doch nicht läuten und so tun, als ob Gott nachträglich auch noch mit Ja wählt."

Außerdem entfernt Steinbauer aus dem Schaukasten Plakate der Hitlerjugend mit Parolen wie: "Die Bibel der Jugend ist Hitlers 'Mein Kampf'". Und kommentiert später: "Ich hab das Plakat heruntergenommen und bin damit zum HJ-Führer gegangen. Am nächsten Tag kam der Gendarm und sagt: Der Bürgermeister hat gerade in München telefonisch 30 Plakate nachbestellt! Dann sagen Sie einen schönen Gruß an den Bürgermeister. Wenn er alle Tag eins aufhängt, sind wir in vier Wochen fertig!"

Jeder zivile Ungehorsam hat ein Nachspiel, dem Steinbauer furchtlos und forsch mit Gesetzeskenntnis begegnet, in etwa so:
"Steinbauer, mitkommen, Sie sind verhaftet!"
"Sie haben mich im Gottesdienst abgepasst und wollen mich jetzt aus der Sakristei heraus verhaften? Darf ich Ihren Haftbefehl sehen?"
"Wir brauchen keinen."
"Sie haben keinen."
"Der Kreisleiter hat befohlen, Sie zu verhaften."
"Der Kreisleiter kann keinen Haftbefehl ausstellen. Zu Ihrem Unrecht tue ich keinen Schritt. Dann müssen sie mich zum Bus tragen."

Die Gestapo zieht wieder ab. Steinbauer kommt schließlich 1936 doch ins Gefängnis nach Weilheim. Muss er nach Dachau? Für Äußerungen wie

"Der Tag kommt, an dem vor Christus alle Menschen auf den Knien liegen, Adolf Hitler, Sie und ich."

Er bringt keinen Ariernachweis. Karl Steinbauer kommt einmal sogar wegen einer Weihnachtspredigt vors Kriegsgericht. Ein anderes Beispiel erzählt Steinbauer so: "Am Sonntag hatte ich zu predigen über die Bibelstelle "Sehet Euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu Euch kommen, inwendig aber sind sie räudige Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Dazu liest Pfarrer Karl Steinbauer seiner Penzberger Gemeinde aus der Zeitung vor, was die Nationalsozialisten unter Gott verstehen, und stellt daneben das Glaubensbekenntnis:

"Das kann ein Konfirmand unterscheiden, dass die zwei gar nichts miteinander zu tun haben!"

Ständig sitzen Spitzel unter Steinbauers Kanzel, immer wieder muss er sich rechtfertigen, was er predigt, und dass er predigt. Eines Tages wird ihm auf dem Revier ein Brief vorgelegt, erinnert sich Steinbauer: "Von der politischen Polizei in München, wo also draufsteht: 'Predigtverbot fürs Reichsgebiet, Ausweisung aus Oberbayern.' Da hab ich gesagt: "Ja, das Schreiben hab ich auch! Aber Predigtverbot hab ich keins. Das wissen die scheinbar in München nicht. Es gibt kein Predigtverbot, es gibt nur einen Predigtbefehl: Matthäus 28."

Sagt der Kommissar: "Da haben sie recht!" Das Predigtverbot wird aufgehoben. Steinbauer findet: Kompromisse, um die eigene Haut zu retten, töten Seele und Gewissen. Außerdem würde die Kirche vor den Nazis unglaubwürdig, wenn sie ihnen mehr gehorchte als dem lebendigen Gott. Und so entgegnet er einmal der Gestapo:

"Sie drohen mir mit Dachau. Aber mir droht ja etwas viel Ernsteres: Das Jüngste Gericht!"

Steinbauer kommt für neun Monate ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Dort ist er Zellennachbar von Martin Niemöller, dem führenden Vertreter der Bekennenden Kirche. Dann zieht Deutschland in den Krieg und Steinbauer meldet sich aus dem KZ zur Wehrmacht an die Ostfront. Er ist nach wie vor Patriot. Aber erst muss er freikommen. Steinbauer erzählt:

"Der politische Kommissar sprang aus dem Sessel und schrie mich an: 'Heil Hitler!' So als würde es jetzt darauf ankommen, dass ich mich richtig verhalte.
Daraufhin habe ich mich ruhig verneigt: 'Ich bin der Pfarrer Steinbauer.'
'Es fällt Ihnen also immer noch schwer, Heil Hitler zu sagen?'
'Ja. Sonst würde ich Sie anlügen und würde mich selber anlügen!'"
Das bricht den Bann, zwei Stunden lang schüttet der Kommissar Steinbauer sein Herz aus. Steinbauer kommt frei, trotz seiner Aufmüpfigkeit.

Pfarrer Thomas Öder versteht die Wirkung von Karl Steinbauer so:

"Sein Widerstand bestand darin, dass er seinen Glauben eins zu eins ins Leben umgesetzt hat. Das Erstaunliche war, dass das auch politisch gewirkt hat."

Letzte Szene: 1944 wird Steinbauer in Berlin wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt: Freispruch. Der Pfarrer überlebt das gottlose Regime.

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