Hohe Mauern, Stacheldraht, gesicherte Türen: Die Justizvollzugsanstalt Hof ist ein abgeschlossener Raum mit klaren Regeln. Drinnen sitzen Menschen, die mehr sind als ihre taten und ihren Blättern in ihren Akten. Mitten in diesem Alltag arbeitet Wolfram Lehmann als evangelischer Gefängnispfarrer. In diese Aufgabe ist er Schritt für Schritt hineingewachsen. Aus zusätzlichen Stunden wurde eine Aufgabe, der er sich "mit Überzeugung" verschrieben hat.
Ich selbst betrete die Anstalt durch die Schleuse. Geldbeutel, Handy, Schlüssel – alles abgegeben, in eine graue Kiste gelegt, die Tür hinter mir riegelt hörbar zu. Der Gang dahinter wirkt heller, als ich erwartet habe, aber jede Bewegung sagt: Hier ist es anders als an allen Orten an denen ich bisher war.
Erste Tage: Die Welt schrumpft
Wer zum ersten Mal durch die Schleuse geht, verliert Routinen. Draußen war jederzeit ein Anruf möglich, drinnen läuft nichts spontan. Viele Neuzugänge empfinden die ersten Tage als Schock: Hilflosigkeit, Abgeschnittensein, die Frage, wie man Informationen und Halt bekommt. Dann greifen die Fachdienste: Sozialdienst, psychologischer Dienst, Seelsorge. Lehmann beschreibt diesen Moment nüchtern: "Du bist darauf angewiesen, dass einer zu dir kommt." Genau hier beginnen oft die ersten Gespräche.
Wir gehen gemeinsam durch die Gänge. Lehmann grüßt knapp, wird zurückgegrüßt, als gehörte er zum Inventar – auf die beste Art. Vor einer Zellentür bleibt er stehen. "Karg" wäre ein großes Wort für das, was ich hinter dem Guckloch sehe: Bett, Tisch, ein Regal, ein Fenster mit Gittern. Der Raum ist nicht brutal, nur kompromisslos zweckmäßig. Er erzählt, dass die ersten Tage oft die lautesten sind – innen, nicht außen.
Innenarbeit statt Verdrängung
Haft ordnet den Tag von außen, aber innen arbeitet es weiter. Dinge, die draußen übertönt wurden, melden sich zurück: Verantwortung, Schuld, die Angst vor dem Danach. Lehmann erzählt von einem jungen Mann, unauffällig, freundlich, "mit dem man draußen ein Bier trinken würde". Der fragte im Gespräch immer wieder: "Kann das wirklich sein, dass alle Schuld vergeben wird?" Mehr verriet er nicht. Doch die Frage blieb. Dass sie im Raum stehen darf, ist Teil der Arbeit: kein Druck zur Beichte, sondern ein Schutzraum für ehrliche Sätze.
Ich merke, wie schnell sich meine Wahrnehmung verschiebt. Was draußen wie "Fall" klingt, hat hier eine Stimme, eine Körperspannung, einen Blick. Im Gesprächszimmer ist es still. Stille als Methode.
Wenn Strafe Familien trifft
Strafe verbüßt der Verurteilte, die Folgen tragen viele. In Gesprächen taucht ein Satz häufig auf: "Meine Zeit absitzen, das kriege ich hin." Und dann der zweite: "Aber dass mein Sohn alleine zu Hause sitzt und ich als Vater nicht bei ihm sein kann, das zerreißt mich." Haft prägt Beziehungen, besonders die zu Kindern. Auf den Gängen gilt Härte als Währung. In der Seelsorge darf Schwäche ausgesprochen werden, ohne Gesichtsverlust: Scham, Angst, Ratlosigkeit. Empathie ist hier kein Freispruch, sondern Bedingung dafür, Verantwortung zu übernehmen, ohne daran zu zerbrechen.
Ich notiere mir den Blick eines Mannes, der uns im Hof begegnet: nicht aggressiv, eher müde. Später sagt Lehmann: "Viele kämpfen draußen mit den gleichen Dingen weiter – nur ohne Netz." Für einen Satz wie diesen braucht es keine Predigt.
Gottesdienst ohne Floskeln
Ein fester Ort seiner Arbeit ist der Gottesdienstraum. Viele Teilnehmende haben wenig kirchliche Erfahrung, einige kommen aus anderen Sprach- und Kulturkreisen. Entscheidend ist der Ton: "Im Gefängnis wird klar geredet, Blabla gibt es hier nicht", sagt Lehmann. Niemand blendet aus, wo man sitzt und wer man war. Wenn der Pfarrer "Jesus liebt dich" sagt, klingt das hier anders als im Gemeindesaal: Viele kennen Gewalterfahrungen, Ausgrenzung, Verlassenwerden. Anerkennung der Wirklichkeit ersetzt die fromme Fassade. Genau das "geht richtig nahe".
Ich sitze in der hintersten Reihe, als Lehmann die Liturgie erklärt, einfach, aber nicht banal. Der Raum ist schlicht: Stühle, Kreuz, Kerze. Als die Flurtür kurz aufschwingt, mischt sich Anstaltsgeräusch in die Andacht. Keiner tut so, als sei das störend. Es gehört dazu.
Person vor Akte
Lehmann hat Einsicht in Akten, kennt Taten, Daten, Verläufe. Doch Akten sind keine Menschen. Seine Rolle ist nicht Urteil, sondern Orientierung: zuhören, sortieren, Widerspruch aushalten, manchmal schweigen. Es sind oft leise Sätze, die den Raum kippen lassen: "Ich fürchte den ersten Tag draußen." Oder: "Wie erkläre ich meinem Kind, wer ich geworden bin?" Solche Sätze brauchen Verlässlichkeit und Zeit. Er sagt es simpel: "Manches öffnet sich spät. Manches gar nicht. Aber die Tür bleibt nicht zu, nur weil es länger dauert."
Auf dem Weg zur nächsten Station zeigt er mir seinen Schlüsselbund. Ein vertrautes Alltagsding, hier ein Symbol: Verantwortung, Rhythmus, Sicherheit. Türen, die sich öffnen lassen. Nicht alle, aber einige.
Alltag ohne Pose
Mittags treffe ich die Wirklichkeit, wie sie ist: In der Kantine gibt es am Freitag Fisch mit Reis. Ich sitze mit Lehmann und zwei Bediensteten an einem Tisch. Keine großen Worte, kurze Sätze, sachlich. Einer erzählt von der Nachtbereitschaft, der andere vom Schichtplan, Lehmann fragt nach der Familie. Ich esse und denke: Vieles hier lebt davon, dass die Show draußen bleibt.
Später, zurück auf dem Gang, fällt eine Tür zu, der Schließmechanismus summt, irgendwo klackt ein Schloss. Es sind neutrale Geräusche. Und doch nimmt man sie mit.
Die stillen Anfänge der Hoffnung
Am Ende eines Gesprächs steht selten ein großes Finale. Manchmal nur: "Danke, dass Sie zugehört haben." Draußen fällt eine Tür ins Schloss. Drinnen bleibt ein Rest Verlässlichkeit. Hoffnung ist hier kein Gefühl, sondern eine Praxis: bleiben, wenn es schwer ist; Scham begreifbar machen; Verantwortung als Weg denken statt als Etikett. Langsam, mit Rückschritten, aber möglich.
Ich gehe wieder durch die Schleuse, bekomme Geldbeutel, Handy, Schlüssel zurück. Die Tasche ist plötzlich schwerer, die Schultern auch. Draußen ist es lauter als vorher. In meinem Notizbuch steht ein Satz von Lehmann, der den Tag komplett in wenigen Worten zusammenfasst: "Empathie ist keine Freisprechung. Sie ist die Bedingung, Verantwortung zu tragen, ohne daran zu zerbrechen." Hinter den Mauern der JVA Hof klingt er nüchtern. Und vielleicht gerade deswegen wahr.