6.11.2019
Kunst

Ausstellung in Nürnberg: Michael Wolgemut - vor 500 Jahren starb Dürers Lehrer

Er war mehr als Dürers Lehrer. Und deswegen ist es den Organisatoren der großen Ausstellung zum 500. Todestag von Michael Wolgemut auch so wichtig, dies zum Titel zu nehmen. Denn der am 30. November 1519 in Nürnberg gestorbene Wolgemut bildete eben nicht nur den berühmten Renaissance-Künstler Albrecht Dürer aus, sondern unterhielt eine der größten und effektivsten Künstlerwerkstätten der Spätgotik.
Michael Wolgemut

Das Porträt, das wir vom Künstler Wolgemut kennen, stammt aber dann doch aus dem Pinsel seines berühmtesten Schülers. 1516 malte dieser seinen Lehrmeister als Brustbild, ohne Hände, vor grünem Grund. Er hat graugrüne Augen, trägt eine Schaube mit braunem Pelz und eine grauschwarze seidene Haarhaube. Dürer beschriftete sein Bild sogar, benannte seinen Lehrer und fügte als Alter "82" dazu. Auch Wolgemuts Todeszeitpunkt trug Dürer nach.

Was bis heute die Forscher rätseln lässt, ob Wolgemut im Alter von 82 gemalt wurde – oder in diesem Alter starb. Die einen tendieren zu der Vermutung, dass das Alter Wolgemuts bereits bei der Entstehung des Gemäldes eingetragen wurde, weil das im Spätmittelalter durchaus üblich war; es ist aber eben auch nicht auszuschließen, dass Dürer das Alter erst zum Todeszeitpunkt nachgetragen hat. Deshalb wird das Geburtsjahr Wolgemuts von den Ausstellungsmachern mit 1434/37 angegeben.

Das Bild hängt im Germanischen Nationalmuseum (GNM), einem der Kooperationspartner der Stadt Nürnberg, die als Veranstalter mit der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg, dem Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrum der Museen und den Stadtkirchen in Nürnberg sowie der Gemeinde St. Johannes und St. Martin in Schwabach mit dem beeindruckenden Hochaltar in der Stadtkirche drei Monate lang an Wolgemut erinnert.

Michael Wolgemut: ein "Player auf mitteleuropäischer Ebene"

"Er agierte weniger als herausragender Einzelkünstler, sondern vielmehr als Werkstattleiter, der verschiedene Gewerke unter sich vereinte und auf eine einheitliche Handschrift achtete", erklärt Benno Baumbauer, Kurator der Ausstellung von den Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg. Wer innerhalb der Kunstproduktion der Spätgotik Tafelgemälde und Altäre, Glasfenster und anspruchsvolle Druckgrafik benötigte, der wandte sich unter anderem an Wolgemut.

"Seine Werkstatt lieferte nicht nur hervorragende Qualität, sondern galt auch als zuverlässig", ergänzt Markus Huber, Leiter der Sammlung Bauteile und historisches Bauwesen sowie Skulptur bis 1800 am GNM. Michael Wolgemut sei ein "Player auf mitteleuropäischer Ebene" gewesen, was den Kunstbetrieb seiner Zeit angeht.

Die Kunsthistoriker Markus Huber und Benno Baumbauer
Die Historiker Markus Huber und Benno Baumbauer im Germanischen Nationalmuseum vor Dürers Wolgemut-Porträt.

Deutlichster Unterschied zu seinem berühmten Schüler? "Bei Wolgemut überwiegt das betriebhafte, rationalistische Agieren aus einem Werkstattleiterverständnis heraus, das noch heute fasziniert. Dürer dagegen verstand sich als Solokünstler", meint Huber. Allerdings sind sich beide einig, dass Dürer eben nicht dieser Monolith der Kunst seiner Zeit geworden wäre, hätte er nicht Wolgemuts Schule genossen.

Ziel der Ausstellung ist, sein Werk umfassender zu betrachten und aus dem Schattendasein Dürers zu befreien, der zwischen dem 30. November 1486 (ausgerechnet der spätere Todestag des Lehrers) und 1489 in Wolgemuts Betrieb sein künstlerisches Handwerk lernte. Zudem soll Wolgemut in der Vielseitigkeit seiner Medien und im Kontext seines künstlerischen Umfelds präsentiert werden. Er übernahm 1479 die Werkstatt seines Lehrers Hans Pleydenwurff, eines stark von der niederländischen Malerei und einem neuen Realismus beeinflussten Malers.

Später ehelichte er dessen Witwe Barbara. Übrigens kein ungewöhnlicher Vorgang zu dieser Zeit, wie die beiden Kunsthistoriker bekräftigen: Wer eine neue Werkstatt suchte, versuchte sich auch gleich einzuheiraten. Wolgemut selbst habe dies nachweislich schon einmal probiert, als er die Tochter des Münchner Malers Gabriel Mäleßkircher ehelichen wollte – nicht zuletzt um in dessen florierendem Unternehmen Fuß zu fassen, in dem er als Altgeselle arbeitete. Die junge Dame wollte aber nicht so recht.

"Schedelschen Weltchronik"

Es sollte dann anders kommen, und das mit Erfolg: Zusammen mit Stiefsohn Wilhelm Pleydenwurff gestaltete Wolgemut in Nürnberg die 650 Holzschnitt-Illustrationen in der 1493 erschienenen "Schedelschen Weltchronik", einer vom Nürnberger Humanisten Hartmann Schedel verfassten Darstellung der Weltgeschichte, die als bedeutendste illustrierte, mit beweglichen Lettern gedruckte Inkunabel zwischen der Gutenberg-Bibel und dem frühen 16. Jahrhundert gilt. Gut erhaltene Exemplare des Werks erreichen bei Auktionen heute noch hohe sechsstellige Beträge.

Zur Schedelschen Weltchronik zeigen die Ausstellungsmacher den erhaltenen Layoutband und eine Vorzeichnung im Albrecht-Dürer-Haus. Dazu Vorlagen und Übungsmaterial aus der Grafischen Sammlung der Universitätsbibliothek Erlangen, die mit rund 2000 Handzeichnungen zu den größten ihrer Art gehört. "Die Erlanger Sammlung ist weltweit einzigartig. Der Großteil der Blätter war nicht für den Verkauf bestimmt. Vielmehr handelt es sich um das Arbeitsmaterial der Künstlerwerkstätten", erklärt Baumbauer. Dabei lassen sich verschiedene Funktionen unterscheiden: Viele der Zeichnungen dienten als Vorlagen für Gemälde, Druckgrafiken oder Skulpturen, die Baumbauer heute als "Samples" bezeichnen würde. Häufiger als ausgearbeitete Entwürfe finden sich Studien zu Figuren und Motiven, aber auch zu Landschaftsdarstellungen.

Petersaltar in St. Sebald in Nürnberg
Die Malereien auf den Flügeln des Petersaltars in St. Sebald in Nürnberg mit Szenen aus dem Leben des Apostels Petrus stammen aus der Werkstatt Wolgemuts.

Oft handelt es sich um eigene Entwürfe der Zeichner. Doch fertigten sie auch Kopien berühmter Werke anderer Künstler an, auf deren Bilderfindungen man nun in der Werkstatt Zugriff hatte. Auch kam es zum Austausch von Zeichnungen zwischen unterschiedlichen Künstlern und Werkstätten. Auf diese Weise trugen die Blätter maßgeblich zum künstlerischen Austausch in ganz Europa bei. Eine zentrale Rolle spielte das Zeichnen auch bei der Ausbildung der Lehrlinge. Zu Übungszwecken übertrugen sie Motive aus bestehenden Werken aufs Papier.

Die Tafelgemälde Michael Wolgemuts und Hans Pleydenwurffs zeigt das Germanische Nationalmuseum in seinem "Glockensaal" genannten Sonderausstellungsraum im Kontext ihres zeitgenössischen künstlerischen Umfelds. Verschiedene Arbeiten aus der Werkstatt Wolgemuts zeigen die erstaunliche Bandbreite eines erfolgreichen Künstler-Unternehmers aus der Zeit um 1500. Im Albrecht-Dürer-Haus werden neben Dürers druckgrafischem Werk exklusiv Zeichnungen Wolgemuts und seiner Mitarbeiter aus dem Bestand der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg zu sehen sein. Im Nürnberger Tucherschloss wird ein Porträt der Ursula Tucher als Leihgabe der Museumslandschaft Hessen Kassel dem ursprünglich zugehörigen Bildnis des "Jerusalemfahrers" Hans VI. Tucher aus der Werkstatt von Michael Wolgemut gegenübergestellt.

Umfangreiche Forschungen

In den 1990er-Jahren wurden letztmals Wolgemuts Werke genauer unter die Lupe genommen. Vor rund vier Jahren entstand die Idee zur aktuellen Schau, die Vorarbeiten laufen seit zwei Jahren. "Wolgemut ist nicht einmal ansatzweise ausgeforscht. Dasselbe gilt im Übrigen für Dürer", sagt Baumbauer.

In einem mehrjährigen Forschungsprojekt wurde der reiche Bestand an spätmittelalterlichen Tafelgemälden des gesamten GNM untersucht. Auch zu Michael Wolgemut und seiner Werkstatt konnte das Team aus Kunsthistorikern und Kunsttechnologen neue Erkenntnisse gewinnen. In drei Publikationen, die sich mit den Werken fränkischer, Kölner und bayerischer Provenienz und Stilart befassen, werden diese auch bald der Öffentlichkeit präsentiert. Führungen im GNM geben Einblick in die angewendeten Untersuchungsverfahren und vermitteln den aktuellen Forschungsstand zu den Gemälden, ihrer Herstellung und ursprünglichen Funktion.

Der Schwabacher Hochaltar
Der Schwabacher Hochaltar gilt als eines der letzten Werke Wolgemuts. Angeblich soll Martin Luther vor ihm gebetet haben.

Viele Altäre, Tafelbilder und Glasmalereien befinden sich noch immer an ihren originalen Aufstellungsorten, manche wanderten anderswohin. In der zwischen 1925 und 1928 gebauten Nürnberger Friedenskirche befinden sich gleich mehrere Stücke aus der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche des Heilig-Kreuz-Pilgerspitals – darunter der Peringsdörffer-Altar im Chor, der ursprünglich in der Augustinerkirche stand und ebenfalls aus der Werkstatt des Michael Wolgemut stammt.

Doch auch in anderen Nürnberger Kirchen sind Spuren des Künstlers zu finden. Zum Beispiel in der Sebalduskirche das Petersretabel im Ostchor. In der Frauenkirche findet man das Epitaph des königlichen Küchenmeisters Michael Raffael aus der Dominikanerkirche, in St. Jakob das Flügelgemälde eines Altarretabels des Deutschherrn Melchior von Neuneck sowie die "Große Pietà", "ein Meisterwerk der Schnitzkunst mit Farbfassung der Wolgemut-Werkstatt", wie Benno Baumbauer erklärt. Für die Ausstellung will man die Kunstwerke mit entsprechenden Infotafeln vor Ort weithin sichtbar machen.

In St. Lorenz sieht man jedoch die meisten Wolgemut-Werke. Wie das sogenannte Kaiserfenster, an prominentester Stelle in der Mitte des Chorraums. Sein Name geht auf eine Stiftung Kaiser Friedrichs III. von 1476/77 zurück. Ob Michael Wolgemut auch die Glasarbeiten selbst mitverantwortet hat, darüber scheiden sich die Geister. Sicher ist aber, dass die Entwürfe der Darstellungen auf ihn zurückgehen. Darauf deutet eine seiner seltenen Signaturen im Mantelsaum des Kaisers Heraklius hin allerdings in einer Selbstverballhornung als "WOLE UT". Im Übrigen stammen auch die beiden Fenster links und rechts aus Wolgemuts Werkstatt.

Sehenswert ist auch das Katharinenretabel aus dem Jahr 1495 an der südlichen Chorschwelle, das vom Nürnberger Stadtrichter Levinus Memminger gestiftet wurde. Wolgemut hat Memminger als Nothelfer auf dem Altarflügel verewigt.

Späte Werke in Beerbach, Ickelheim, Windelsbach und Götteldorf

Dass Michael Wolgemut weit über Nürnberg hinaus Aufträge erhielt, davon zeugt unter anderem der Altar der Frauenkirche in Zwickau. In der Straubinger Basilika St. Jakob steht ein Altar, der im 16. Jahrhundert aus der einstigen Nürnberger Dominikanerkirche dorthin abgewandert ist. Doch auch auf dem Land hat Wolgemut seine Spuren hinterlassen. Baumbauer listet kleine mittelfränkische Orte wie Beerbach, Ickelheim, Windelsbach oder Götteldorf auf, in deren Kirchen spätere Werke des Nürnberger Meisters zu finden sind. Dazu zählt auch der Schwabacher Altar. Nicht zuletzt, weil Wolgemut und seine Kunst von den "Jungen", wie auch Dürer einer war, allmählich aus der ersten Riege der Kunstproduzenten verdrängt wurden.

Allerdings habe der Schüler letztlich sogar den Meister beeinflusst, wie Markus Huber anhand des ebenfalls im GNM hängenden "Gedächtnisbilds der Anna Groß" beschreibt, das Wolgemut um 1509 geschaffen hat und das den Trend zur Detailtreue Dürer’scher Manier aufgreift. Welches Werk allerdings wirklich das letzte aus Wolgemuts Werkstatt ist, darüber herrscht Uneinigkeit. Selbst posthum stellte Wolgemuts Witwe noch eine Zahlungsaufforderung an die Kirche von Windelsbach.

Wolgemut-Ausstellung in Nürnberg und Schwabach

DIE AUSSTELLUNG "Michael Wolgemut – mehr als Dürers Lehrer" wird vom 20. Dezember 2019 bis 22. März 2020 gezeigt.

AUSSTELLUNGSORTE in Nürnberg sind Albrecht-Dürer-Haus, Germanisches Nationalmuseum, Museum Tucherschloss, St. Lorenz, St. Sebald, Frauenkirche, St. Jakob und Friedenskirche.

IN DER STADTKIRCHE SCHWABACH zu sehen sind der Hochaltar, neben dem in Zwickau der größte Wolgemut-Altar überhaupt, der in Kooperation mit Veit Stoß entstand sowie zwei kleinere Flügelaltäre.

KOOPERATION: Für die Ausstellung arbeiten gleich mehrere kulturelle Institutionen zusammen: Das Albrecht-Dürer-Haus zeigt die Zeichnungen der Universitätsbibliothek Erlangen und die druckgrafische Produktion Wolgemuts, während im Germanischen Nationalmuseum, im Museum Tucherschloss und in den großen Kirchen in Nürnberg Altartafeln und Gemälde zu sehen sind.

EINTRITT: Außer dem jeweiligen Museumseintritt (acht Euro, Führung drei Euro) fallen keine weiteren Kosten in den Kirchen an. Die Karte berechtigt am Tag des Erwerbs zum Besuch aller drei beteiligten Museen.

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