Die junge Mutter bleibt noch einen Moment in der Kirchenbank sitzen. Eben sind die letzten Lieder verklungen, die Kinder trudeln langsam fröhlich von der Bastelstunde im Kindergottesdienst nebenan zurück. Um sie herum Stimmengewirr, Pläne fürs Mittagessen, Verabredungen fürs nächste Wochenende. Die junge Frau bleibt unsichtbar. Niemand fragt, ob sie noch dableibt, niemand zieht sie in den Kreis. Als sie mit ihren zwei Kindern nach Hause geht, verlässt sie die Kirche so, wie sie gekommen ist: allein.
Einsamkeit bei Alleinerziehenden: Paradoxe Forschungsergebnisse
Ihre Geschichte ist erfunden – das Erlebnis nicht. Neue, noch unveröffentlichte, quantitative und repräsentative Daten aus der Schweiz mit über 5.000 Befragten zeigen einen paradoxen Befund: Alleinerziehende, die regelmäßig Gottesdienste besuchen, fühlen sich im Durchschnitt einsamer als diejenigen, die keine Gottesdienste besuchen.
"Der Gottesdienstbesuch scheint in manchen Fällen für Alleinerziehende das Einsamkeitsgefühl eher zu verstärken", sagt Felix Roleder. Der Juniorprofessor für Praktische Theologie an der Universität Hamburg erforscht seit Jahren das Phänomen der Einsamkeit – auch dort, wo man es am wenigsten vermuten würde: in kirchlichen Kontexten.
Warum Kirche oft kein Schutz vor Einsamkeit ist
Wie kann das sein? Religion und Kirche stehen doch für Gemeinschaft, müssten ein natürlicher Hebel gegen Einsamkeit sein. Zunächst räumt Roleder mit gängigen Klischees auf.
Einsamkeit, sagt er, sei zu einem Modethema geworden. Jede zivilgesellschaftliche Institution wolle beweisen, dass sie für diese gesellschaftliche Herausforderung relevant sei. Hinter dem öffentlichen Diskurs stehe oft ein "Legitimationsinteresse" – auch bei Kirche, Diakonie und Seelsorge.
"Diese Einrichtungen leisten wichtige Arbeit", betont er, "das tun sie schon lange, nicht erst seit ein paar Jahren." Gleichwohl sorgt das Thema Einsamkeit immer wieder für öffentliche Aufmerksamkeit – in Wellen. In deutschen Zeitungen tauchte der Begriff auffällig häufig in drei Phasen auf – 1980, ab 2016 und während der Corona-Pandemie.
"1980 sprach man bereits von einer Vereinsamung der Gesellschaft durch zunehmende Mobilität, Urbanisierung, Fernsehen und Massenkonsum – etwa der Philosoph Odo Marquard in seinem Essay 'Plädoyer für die Einsamkeitsfähigkeit' (1983)", erklärt Roleder. 2016 kam eine zweite Welle aus dem angelsächsischen Raum, die dritte brachte Corona – und sie hält bis heute an.
Keine Pandemie: Einsamkeit als individuelles Risiko
Doch diese Trendwellen dürften nicht mit der tatsächlichen Belastung verwechselt werden. "Es gibt derzeit keine Einsamkeitspandemie und damit auch keine gesellschaftliche Gesundheitskrise durch Einsamkeit", stellt Roleder klar.
Roleder spricht bei Einsamkeit daher nicht von einem kollektiven Massenphänomen, sondern vielmehr von einem" individuellen, mitunter erheblichen Gesundheitsrisiko für Betroffene von intensiv-chronischer Vereinsamung". Die gängige Dramatisierung spiele zudem kulturpessimistischen Strömungen in die Hände, die Individualisierung per se als Gefahr deuteten. "Individualisierung der Gesellschaft hat sowohl positive als auch negative Effekte auf Einsamkeitsrisiken", sagt er nüchtern.
Ambivalentes Verhältnis von Kirche, Religiosität und Einsamkeit
Dann räumt er mit einem zweiten, überraschenderen Klischee auf. "Das Verhältnis von Religiosität, Kirche und Einsamkeit ist ambivalent", erklärt Roleder. Kirchliches Handeln und Religiosität können der Einsamkeit entgegenwirken. Aber: "Bestimmte Formen und Aspekte von Religiosität und Kirche verstärken die Einsamkeitsempfindung eher."
Um dieses Paradox zu verstehen, hilft ein Blick auf die sozialpsychologische Grunddefinition von Einsamkeit, der sich Roleder anschließt. Sie entsteht, wenn die Qualität der Beziehungen hinter den eigenen Erwartungen zurückbleibt. Besonders prekär seien Lebensumbrüche wie Trennungen, Todesfälle oder schwere Krankheiten. Doch nicht jeder, der solche Krisen erlebt, wird automatisch einsam. Menschen, die aktiv und resilient reagieren, können Krisen besser bewältigen und erleben Einsamkeit eher punktuell.
Strukturelle Ausgrenzung erhöht Einsamkeitsrisiken
Einsamkeit ist aber nicht nur eine Frage der persönlichen Stärke. Auch strukturelle Ausgrenzung lässt sich belegen. Das Einsamkeitsbarometer des Bundesfamilienministeriums bestätigt, was Roleder in seinen Studien beobachtet: "Alle Beziehungsformen und sozialen Gruppen, die nicht anerkannt oder strukturell diskriminiert und exkludiert werden – etwa LGBTQ+-Personen, Menschen in Armut und Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen – haben ein erhöhtes Einsamkeitsrisiko." Roleder verwendet dafür den Begriff der "Dominanzkultur", geprägt von der Sozialwissenschaftlerin Tupoka Ogette – jene unsichtbare Norm, an der alle anderen gemessen werden.
Auch körperliche Einschränkungen können ausschließen. Roleder nennt ein Beispiel: Wer plötzlich gehbehindert ist und merkt, dass Freunde ihn nicht mehr mit in den Urlaub nehmen, erfährt Ausgrenzung unmittelbar.
Vertrauen innerhalb, Misstrauen außerhalb
Als zweite Ambivalenz nennt er das klassische In-Group-Out-Group-Phänomen, das Misstrauen nach außen sät. "Bestimmte Formen von Religiosität verstärken soziales Misstrauen tatsächlich. Wenn Religiosität so konfiguriert ist, dass sie Menschen außerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft als böse oder gefährlich charakterisiert, fördert sie das soziale Misstrauen." Die Kehrseite innerer Verbundenheit sei oft äußere Abschottung – ein Mechanismus, der gerade vulnerable Menschen zusätzlich isoliert.
Das sei kein exklusives Problem evangelikaler Freikirchen, betont er. Misstrauen generell erhöhe das Einsamkeitsrisiko erheblich – unabhängig vom kirchlichen Milieu.
Positive Effekte von Religion: Lernen, Rituale, Vertrauen
Trotzdem sieht Roleder die positiven Effekte von Religion klar: "Durch soziales Lernen in der Kirchengemeinde, aber auch im Religionsunterricht, sowie in der Kinder- und Jugendarbeit, entstehen positive Wirkungen für das soziale Vertrauen." Drei Mechanismen seien entscheidend: "Eine theologische, universalistisch-inklusivistische Anthropologie, die das Gemeinsame aller Menschen hervorhebt – nach dem Motto 'Alle sind Kinder Gottes' –, religiöse Rituale und nicht zuletzt gemeinsames Singen verbinden und stärken so das soziale Vertrauen."
Besonders wichtig sei, dass eine inklusivistische, positive Religion das Sozialvertrauen fördere. "Das bedeutet, dass man Menschen mit einer Grundhaltung begegnet: Menschen sind grundsätzlich vertrauenswürdig, es lohnt sich, mit anderen zu kooperieren." Hier liegt für ihn das Gegenmittel zur Einsamkeit – wenn die Kirche es zu nutzen weiß.
Viele Gemeinden und die Diakonie setzen längst an. Ein Angebot ragt für Roleder heraus: die Telefonseelsorge. Sie hat am meisten mit dem Thema Einsamkeit zu tun und leistet, so der Theologe, "wirklich unschätzbare Arbeit". Auch Besuchsdienste, Sozialpatenschaften oder Trauerbegleitung seien tragende Pfeiler.
Menschen sind Beziehungswesen
Eine positive Gottesbeziehung könne demnach Einsamkeit lindern, das Gefühl von Gottverlassenheit sie verstärken. Einsamkeit zeige, dass Menschen als Beziehungswesen – zu anderen und zu Gott – auf Gemeinschaft angewiesen sind.
Roleder betont zugleich die Ambivalenz: Kirche und Religiosität können Nähe schaffen, aber auch Ausschluss und Misstrauen fördern. Für Seelsorge und Gemeindeleben heißt das, bewusst Räume zu öffnen, in denen Vertrauen und echte Begegnung möglich sind.