Krankenhaus in Afrika
Ein deutsches Ehepaar baut im Norden Tansanias eine Krebsstation auf. Dabei haben sie mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen. Bleiben wollen sie trotzdem.
Afrikanische Frauen auf dem Weg zum Wassertank

In einem weißen einstöckigen Gebäude sitzen etwa fünfzehn Menschen in Sesseln in einem hellen Raum mit hohen Fenstern. Schläuche hängen ihnen aus den Armen, neben ihnen stehen Infusionsständer. An der Wand hängen bunte, abstrakte Gemälde von Zebras und anderen afrikanischen Wildtieren. Ein älterer Herr in einem weißen Hemd und einem grauen Sakko erbricht sich hustend. Seine Verwandten halten ihm den Arm. Er erhält eine Chemo-Therapie und leidet unter den Nebenwirkungen. Draußen herrschen fast 30 Grad, die Luft ist staubig und es riecht nach Rauch.

An den grünen Hängen des schneebedeckten Kilimandscharo liegt das KCMC, das Kilimanjaro Christian Medical Centre.

In diesem Krankenhaus der evangelischen Kirche in Tansania befindet sich eine von nur drei Krebsstationen im ganzen Land.

Seit Ende 2016 arbeitet hier das deutsche Ehepaar Henke daran, die Krebsbehandlung zu verbessern, Patienten aufzuklären und bei unheilbaren Tumoren eine palliative Begleitung sicherzustellen. Obwohl sie ihre Arbeit als Herzensprojekt bezeichnen, stehen sie immer wieder vor ungeahnten Schwierigkeiten, die kreative Lösungen fordern. Seien es verdorbene Medikamente, Nachsorgetermine, die nicht eingehalten werden oder Wunderheiler, die Patienten davon abhalten, überhaupt in eine Klinik zu gehen.

Oliver Henke, ein bärtiger Mann mit freundlichen, hellen Augen Anfang 40, hat jahrelang als Arzt im Berliner Bundeswehrkrankenhaus gearbeitet, war mit der Bundeswehr mehrere Wochen in Afghanistan und im Kosovo stationiert. Seine Frau Antje Henke, stahlblaue Augen und rötliche Haare, hat in Berlin als Pressereferentin gearbeitet. Nach einem Masterabschluss in Public Health an der Charité ist sie nun zuständig für die Krebsregisterdatenbank sowie die Präventionsarbeit am KCMC.

Nach Tansania ist das Ehepaar mitsamt ihren drei Kindern gezogen.

Etwa 30.000 neue Krebspatienten gibt es Schätzungen zufolge jedes Jahr in Tansania, bei über 40 Millionen Einwohnern. Zum Vergleich: In Deutschland sind es knapp eine halbe Million bei doppelt so vielen Bürgern. Doch in Deutschland gibt es in nahezu jeder größeren Stadt eine Krebsstation. Das ist hier anders. "Wir haben zwischen Dezember 2016 und Ende September 2017 über 850 Patienten behandelt und 400 Chemotherapien durchgeführt", berichtet Oliver Henke stolz. "Bei allen logistischen Herausforderungen, die Medikamente hierherzubekommen, bei allen administrativen Wegen, die in Tansania extrem lange dauern, ist das schon ein ganz großer Erfolg."

Die Henkes kamen nach Tansania, weil sie neue Herausforderungen gesucht haben. "Wir waren schon immer sehr reiselustig und haben vor zwei Jahren aktiv angefangen, nach einem Projekt in Afrika zu suchen", erzählt Oliver Henke. Irgendwann stießen sie auf das "Cancer Care Center" des KCMC in Moshi und traten an Mission Eine Welt heran, die nun ihre Stellen finanziert.

"Wir haben das Pferd von hinten aufgezäumt", sagt Antje Henke. "Zwar hatten wir ein Projekt gefunden, mussten es aber erst selbst mit aufbauen."

Für Oliver Henke war es auch die Verlockung in einem komplett neuen Umfeld als Arzt zu arbeiten. Er wollte nicht nur Malaria behandeln, sondern hochmoderne Medizin in einem Land mit begrenzten Ressourcen betreiben. "Aus Forschungssicht ist das sehr spannend, weil es ein unerforschtes Feld ist, in dem man noch publizieren kann", sagt er. "Ich bin vielleicht manchmal etwas nerdig am Mikroskop, aber wenn ich auf Sachen stoße, bei denen ich denke: Das habe ich noch nie gesehen! Da fragt man sich schon: Warum ist das so?" Es herrscht Pionier- und Aufbruchstimmung in der ostafrikanischen Onkologie.

Angestoßen hat die neue Krebsstation die amerikanische Stiftung Foundation for Cancer Care aus Minnesota. Sie haben die Infusionsstation gebaut und grundlegende Infrastruktur eingerichtet. Außerdem stocken sie die Gehälter der tansanischen Mitarbeiter auf. Die Löhne der Regierung sind mager. Noch dazu herrscht seit zwei Jahren ein kompletter Einstellungsstopp seitens der Regierung im medizinischen Bereich. Viele junge Ärzte helfen komplett unentgeltlich als Freiwillige aus.

Die Ursprünge der Station liegen bei dem heute 93-jährigen Radiologen Helmut Diefenthal. Bereits in den 1950ern kam Diefenthal nach Tansania, half das KCMC aufzubauen und begann Krebspatienten zu bestrahlen. Das Krankenhaus wuchs und irgendwann entstanden die Pläne für eine eigene Krebsstation. Nach Jahren der Planung hat die amtierende Gesundheitsministerin Ummy Mwalimu das Center am 8. Dezember 2016 offiziell eröffnet.

"Eigentlich sollte der Präsident kommen", sagt Henke. "Er zwar hat kurzfristig abgesagt, aber immerhin hatten sie dafür schon alle Zufahrtswege neu geteert."

Die Chemotherapien spendet zu einem erheblichen Teil das Deutsche Institut für Ärztliche Missionen e.V. (DIFÄM). "Dennoch kann die Qualität der Chemo deutlich schwanken", sagt Oliver Henke. Medikamente, die nicht von DIFÄM stammen, beziehen sie über den tansanischen Gesundheitsmarkt aus Indien. "Wir können nicht immer sicherstellen, dass die Qualität die gleiche ist." Das liegt weniger an der Herstellung als an der Kühlkette. "Wir haben Chargen bekommen, die eine andere Farbe hatten, also haben wir sie kontrollieren lassen und festgestellt, dass nur 20 bis 25 Prozent Wirkstoff enthalten waren. Das mussten wir vernichten."

Vor einiger Zeit hat die tansanische Regierung die nationale Krankenversicherung, die bis dahin nur für Beamte bestand, auch für Privatpersonen geöffnet.

Ab dem 2. Versicherungsjahr werden sämtliche Chemotherapien übernommen, inklusive Antikörper, die pro Infusion etliche hundert Euro kosten. "Das ist ein Segen", schwärmt Henke.

Wenn ein Patient ohne Versicherung kommt, wird das teuer. Je nach finanziellen Möglichkeiten müssen die Patienten dann nur einen Teil der Kosten selbst tragen. In seltenen Fällen wird sogar die gesamte Therapie von der Klinik übernommen. Dann wird zunächst ein Sozialarbeiter beauftragt, der die finanziellen Möglichkeiten der Familie überprüft. "Sollte er zu dem Schluss kommen, dass der Patient nichts zahlen kann, kann es eine komplette Erstattung geben", erklärt Henke.

Im vergangenen Jahr betrugen die Kosten dafür rund 15.000 Euro. "Das versuchen wir aber zu vermeiden, damit sich das Projekt rechnet", sagt Henke. "Dennoch haben wir die Politik, dass kein Patient, der eine Chemo braucht, nach Hause geht, ohne dass er eine finanzierbare Therapie bekommt."
Die häufigste Krebsart in Tansania ist Gebärmutterhalskrebs. In Moshi wird diese Form allerdings selten behandelt, da die meisten Patienten zur Bestrahlung nach Dar Es Salaam geschickt werden. "Bei uns kommt an erster Stelle Brustkrebs, an zweiter Prostatakrebs und an dritter Lymphdrüsenkrebs und Leukämie", sagt Henke.

Lungenkrebs tritt sehr selten auf. "Hautkrebs ist ein Thema, aber hauptsächlich für die relativ große Gruppe der Menschen mit Albinismus", fügt Henke an.

Wie wichtig Aufklärung ist, machen die Zahlen deutlich. "Über 80 Prozent der Patienten kommen zu spät zu uns, die Sterberate liegt bei bis zu 90 Prozent", sagt Henke. Daher hat Antje Henke eine Aufklärungskampagne auf die Beine gestellt. "Viele Menschen sind zu örtlichen Wunderheilern gegangen oder haben ihre Schmerzen ausgehalten, weil sie nicht wussten, was mit ihrem Körper passiert." Ein wichtiger Schritt sei es, das Krebsinstitut in ländlichen Regionen bekannt zu machen und zu vermitteln, dass Krebs heilbar ist – solange die Patienten früh genug kommen.

"Eine Präventionskampagne läuft hier nicht wie in Deutschland", sagt Antje Henke. "In der tansanischen Kultur werden sehr gerne Feste gefeiert: Alles, was laut ist, was mit viel Radau einhergeht. Dann kommen die Leute." Also organisierte sie Zelte, Lautsprecher, Luftballons und einen Moderator. "Im Prinzip wie ein Volksfest."

Der Auftakt der PrevACamp (Prevention and Awareness Campaign) war ein großer Erfolg, wie Antje Henke berichtet. Innerhalb von sechs Tagen wurden fast 1000 Frauen auf Gebärmutterhalskrebs und Brustkrebs untersucht, ebenso viele Menschen haben einen HIV-Test erhalten. Etwa 60 Mädchen wurden gegen HPV (humanes Papilloma Virus, die Ursache von Gebärmutterhalskrebs) geimpft. Menschen aus Moshi und Umgebung wurden über frühe Zeichen und Symptome von Krebserkrankungen informiert. Doch solche Veranstaltungen müssen kurzfristig angekündigt werden: Die Uhren ticken in Tansania anders als in Deutschland.

In einer Pilotstudie wurden tansanische Frauen per SMS über den nächsten Vorsorgetermin oder über die Medikamenteneinnahme bei HIV informiert. Das hat gut geklappt, in einem Land, in dem Kalender und Termine eine untergeordnete Rolle spielen. "Wir sind sehr daran interessiert, dieses Programm auch zu bekommen, um unseren Patienten regelmäßig Erinnerungs-SMS zu schicken: Denk dran, heute Blutabnahme, morgen Chemo-Therapie!", sagt Oliver Henke.

"Die Leute Leben hier im Präsenz, nicht in der Zukunft", ergänzt Antje Henke.

Neben kulturellen Unterschieden, machen den Ärzten auch traditionelle Heiler das Leben schwer. "Zum Teil behandeln sie die Patienten nicht nur parallel zu uns, sondern halten die Leute sogar ab, überhaupt zu kommen", klagt der Arzt. In anderen Regionen gab es Erhebungen, wonach 70 Prozent der Menschen vor einem Klinikbesuch bei Wunderheilern waren. Oliver Henke ist es leid zu sehen, dass viele Patientinnen erst mit Brustkrebs im Endstadium zu ihm kommen. "Wenn ich frage: ‚Was haben Sie denn gemacht?‘, lautet die Antwort: ‚Ich war beim local healer und habe meine Pülverchen genommen.‘ Das ist ein riesen Problem!"

Für Henke gibt es nur einen Weg, damit umzugehen: "Wir müssen mit denen in Kontakt treten und dafür sorgen, dass sie uns die Patienten überweisen."

Viele der Heiler sind charismatische Menschen, die aus traditionellen Heilerfamilien stammen. "Wenn wir ihnen die Patienten wegnehmen, haben sie keine Einnahmen mehr.

Man müsste ihnen also eine Gebühr geben." Anders, da ist sich Henke sicher, wird es nicht gehen. "Wir können nicht einfach mit erhobenem Finger hin und sagen: Das ist Quatsch, was der macht!" Henke betont zudem, wie wichtig es sei, medizinisches Personal vor Ort zu schulen und eng mit den tansanischen Ärzten zusammenzuarbeiten. "Nur weiße Ärzte zu haben funktioniert nicht, weil man dann an der Kultur vorbei arbeitet und viele Patienten gar nicht erreicht."

Das Infusionszentrum ist erst der Beginn des Projekts. Bald soll es eine eigene Station mit Bestrahlungseinheit und Gästehaus für weit angereiste Patienten geben. Die Mauern dafür stehen schon, auch wenn ein genauer Zeitplan fraglich und von einer stabilen Finanzierung abhängig ist. Der Vertrag von Antje und Oliver Henke läuft noch bis 2019. In tansanischer Zeitrechnung ist das nur ein kurzer Augenblick. "Aber es gibt die Option, um drei Jahre zu verlängern", sagt Oliver Henke nachdenklich. "Jeder hinterlässt einen Fußabdruck", sagt Antje Henke. "Es ist nicht das Tempo, das wir aus Deutschland kennen. Das muss man lernen. Aber es wird etwas bleiben, da bin ich sicher."

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