Martin Meyer, ehemaliger Richter, religiös geprägter Buchautor und Kirchenmusiker, spricht über sein Leben, als würde die Orgelregister ziehen: behutsam, präzise, mit einem feinen Gespür dafür, wie viel Klang ein Raum verträgt. Seit 2023 lebt er mit seiner Frau in Scheinfeld. Und wenn er erzählt, schwingt darin ein feines Echo jener inneren Räume mit, aus denen seine Bücher entstehen – Räume, die ihre Wurzeln tief in der Kirche seiner Kindheit haben.

Meyer wächst auf im Rhythmus eines protestantischen Pfarrhauses, das immer ein wenig nach Bibel, Orgelwind und Gemeindekaffee riecht. Sein Vater, Neuendettelsauer Pfarrverwalter, bildet sich autodidaktisch bis zum theologischen Staatsexamen weiter, wird dann Pfarrer in Obbach bei Schweinfurt und später in Kirchrrimbach bei Scheinfeld. Ein Lebensstil, der den Kindern vermittelt: Glaube ist nichts Abgehobenes, sondern tägliche Arbeit.

In dieser Welt bleibt der Klang der Orgel der stärkste Magnet. Meyer beginnt am Klavier, wechselt bald an die Orgel, legt noch vor dem Abitur die D-Prüfung ab. Viele Jahre später, als er in Scheinfeld regelmäßig im Altenheim spielt, ist es, als kehre er zu einem Urlaut seiner Biografie zurück.

Ordnung in der Justiz gefunden und wieder verloren

Doch zunächst führt sein Weg in die Justiz. Vielleicht war es die Hoffnung, in einem geordneten System Halt zu finden. Vielleicht der Gedanke, dass die Menschen im Gericht zu ihm kommen würden – und nicht er, wie ein Pfarrer, zu ihnen. Aber je länger Meyer Richter ist, desto stärker spürt er die innere Unruhe, die ihn zermürbt: die Härte der Konfrontation, die Pflicht zur Entscheidung, die Unbarmherzigkeit komplizierter Verfahren. Er beschreibt später einen "Verlust der inneren Ruhe", der langsam zur Depression wird.

Er sieht zu viel, spürt zu viel, kann nicht jene Distanz aufbauen, die man im Gerichtssaal manchmal braucht. Schließlich geht er in den vorzeitigen Ruhestand. Dass er den Weg zurück ins Leben findet, hat viel mit Ausdauer zu tun. Als er beginnt zu schreiben, spürt er, wie sich in ihm eine neue Ordnung bildet. Er arbeitet mit der Beharrlichkeit eines Orgelbauers an seinen Sätzen, liest sie laut, prüft ihren Klang. Wie in einer Predigt ist ihm wichtig, dass jedes Wort trägt. Darum nennt er seine Website Sprachklangwelten: für ihn ist Schreiben ein Akt des Hörens.

Von Karl Valentin zur Ortgelbauerin

Seine ersten Bücher kreisen – teils offen, teils verdeckt – um die Frage, wie der Mensch sich selbst erträgt. In Der falsche Karl Valentin findet er im Münchner Komiker einen Bruder im Geist: ein hypersensibler Künstler, der an sich selbst leidet und sich die Welt über seltsam schräge Sprache erschließt. Valentin ist für Meyer nicht einfach Gegenstand eines Romans, sondern eine Spiegelgestalt, in der er die eigenen Risse wiederfindet.

Noch stärker aber tritt diese Verbindung in seinem jüngsten Roman zutage: Die Orgelbauerin (2024). Die Geschichte spielt in der Weimarer Republik und folgt der fiktiven Paula Bertram, einer Frau, die ihren Ehemann verlässt und den unerhörten Weg geht, Orgelbauerin zu werden. Paula sucht einen Platz in einer Welt, die ihr diesen Platz nicht zugesteht – so wie Meyer selbst lange nach einem Ort suchte, an dem er bestehen konnte.

Die religiöse Färbung des Romans ist subtil, aber spürbar. Die Orgel wird bei ihm nicht nur zum Instrument, sondern zur Metapher: für Widerstandskraft, für Präzision, für innere Aufrichtung. Meyer hat intensiv für das Buch recherchiert – über Pfeifenmensuren, Windladen, Metalllegierungen und Trakturarten. Und doch geht es ihm nicht um Technik. Es geht um Berufung. Um jene stille Kraft, die Menschen manchmal in Richtungen treibt, die sich gesellschaftlich nicht erklären lassen, die aber innerlich zwingend sind.

Paula trägt Spuren eines realen Vorbilds. In den 1920er Jahren führte Johanna Eule die große Orgelbaufirma Eule in Bautzen weiter, nachdem alle männlichen Betriebsleiter ausgefallen waren. Meyer sagt offen, dass ihn diese Geschichte während des Schreibens begleitet hat – nicht als Blaupause, sondern als Ermutigung. Paula, so wie er sie entwirft, ist eine Frau, die Konventionen sprengt und damit einen Resonanzraum öffnet, der weit über das historische Setting hinausreicht: Es ist das Bild eines Menschen, der nicht leben will, wie es ihm vorgegeben ist.

Freiheit, Mut und Gnade auch im realen Leben

Diese innere Rebellion hat viel mit Meyers eigener Biografie zu tun – jener Abkehr vom Richteramt, dem Verlust des alten Selbstbilds, der Notwendigkeit, eine neue Aufgabe zu finden. In Paula findet er eine Figur, die alles wagt, was ihm selbst lange versagt schien. Und so wird Die Orgelbauerin zu einem Roman über Freiheit, Mut und Gnade – und über den Klang eines Lebens, das sich neu stimmt.

Heute lebt Meyer mit seiner Frau von seiner Beamtenpension, einer Berufsunfähigkeitsversicherung und den Einnahmen aus seinen Büchern und Lesungen. Diese Lesungen, oft mitsamt Orgelmusik, sind für ihn kleine liturgische Feiern. Manchmal spielt er selbst, manchmal ein Gastorganist. Es sind Momente, in denen sich Musik und Wort berühren – und in denen Meyers Biografie, mit all ihren Brüchen, wie in einem Kirchenraum gesammelt wird.

Kommende Lesungen


25. Januar, 16 Uhr im Gemeindezentrum der Erlöserkirche Bamberg mit Kantorin Marketa Schley-Reindlovà an der Truhenorgel; 13. Februar, 16.30 Uhr, im Stadtteilzentrum SIGENA Nürnberg