26.06.2019
Weltdrogentag am 26. Juni

Suchtprobleme: Der schwere Ausstieg aus der Drogenabhängigkeit

Der Weg in die Drogenabhängigkeit kann kurz sein. Der Ausstieg aus der Sucht immens schwer. Das liegt auch daran, dass die Hilfen für Suchtkranke inkonsistent und unterfinanziert sind, wie Experten beklagen.
Sucht; Drogen, Tabletten

Manchmal hat er an einem einzigen Tag vier verschiedene Substanzen genommen. Carsten R. (Name geändert) zählt auf: "Alkohol, Cannabis, Ecstasy und Pilze." Zehn Jahre konsumierte er exzessiv illegale Drogen. "Einfach alles, was mir in die Finger kam." Seine Suchtkarriere begann im Alter von 14 Jahren. Heute ist er 26 Jahre alt, therapiert, in der Sucht-Selbsthilfe in Würzburg aktiv und "stocknüchtern". Was nicht immer leicht ist. Doch Carsten R. will clean bleiben. Denn er hat Grauenvolles hinter sich.

Auf Menschen wie Carsten R. macht jedes Jahr am 26. Juni der "Internationale Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr" aufmerksam. Organisationen nutzen den Welttag, um auf den hohen Konsum legaler und illegaler Drogen hinzuweisen, mehr Prävention einzufordern und die schwierigen Bedingungen der Suchtkrankenhilfe in den Fokus zu rücken. So ist die finanzielle Situation der großenteils kommunal geförderten Suchtberatungsstellen in vielen Regionen Deutschlands angespannt. Außerdem wird es für Abhängige zunehmend schwerer, in eine stationäre Therapie zu kommen.

Suchtkranke gestehen sich ihr Leiden lange nicht ein.

"Es dauert nach meiner Erfahrung sieben bis acht Jahre, bevor es 'Klick' im Kopf macht", sagt Carsten R.

Und auch dann handeln die meisten noch nicht. Das war auch bei ihm so. Ein paar Jahr habe es einfach nur Spaß gemacht, zu kiffen und sich Ecstasy einzuschmeißen, sagt der Twen: "Doch dann beginnst du, in den Spiegel zu schauen und zu denken: 'Mann, bin ich hässlich geworden!'" Viele Male schaute Carsten R. in den Spiegel - und konsumierte weiter. Bis zum 29. Dezember 2015. An diesem Tag ging er in Therapie.

Warum er so lange Zeit exzessiv konsumiert hat, kann Carsten R. gar nicht richtig sagen. Es sei ihm zu Hause nicht schlechtgegangen. "Okay, ich war ein Scheidungskind." Drogen nahm er, weil das aufregend war. Und weil der Effekt ihn lange begeisterte. Durch Drogen wurde er locker in der Disco, fühlte er sich in seiner Clique wohl. Über die Gefahren wusste er einigermaßen Bescheid:

"Mit 13 musste ich in der Schule ein Referat über Ecstasy halten." Ein Jahr später probierte er die Droge zum ersten Mal selbst aus.

Carsten R. hatte Glück. Es gelang ihm durch die Therapie, aus der Parallelwelt der Drogenszene auszusteigen. Dieses Glück hätten nicht alle Konsumenten, sagt Josef Strohbach vom Münchner Suchthilfeverein "Condrobs". Es seien immense Hürden zu überwinden, bis eine Entwöhnungstherapie bewilligt werde, kritisiert der Psychologe. "Man erwartet von Drogenabhängigen etwas, was sie aufgrund ihrer Erkrankung gar nicht leisten können." Strohbach spricht von einem regelrechten Antrags- und Kostenklärungsmarathon, der es lebensbedrohlich erkrankten Süchtigen teilweise unmöglich mache, zu einer stationären Therapie zu kommen.

Seiner Ansicht nach wäre es wichtig, eine Drogenausstiegshilfe "aus einem Guss" zu schaffen. "Für stationäre Entgiftungen sind die Krankenkassen zuständig, für die Entwöhnungstherapie die Rentenversicherung", erklärt Strohbach. Dieser "Fehler im System" sorge dafür, dass Süchtige zwar entgiftet werden. Danach müssten sie aber oft wochenlang auf eine Entwöhnungstherapie warten. Wenn sie überhaupt genehmigt wird.

Beratungsstellen unterstützen Suchtkranke beim Umgang mit Behörden, bei der Wohnungssuche, bei Geldsorgen, bei Problemen mit der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt, in Ermittlungsverfahren und Strafsachen.

Viele sind inzwischen ratlos, wie sie ihre Aufgaben mit den zur Verfügung stehenden Mitteln bewerkstelligen sollen.

In einem "Notruf Suchtberatung" machen 14 Fachverbände auf eine gravierende Unterfinanzierung der Beratungsstellen aufmerksam. Die Hilfen für Suchtkranke seien bedroht, sagen sie. Und damit die Menschen selbst.

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