19.01.2014
Weltgeschichte in Hafeld

Wie ein Landwirt Hitler das Leben rettete

Viele Autoren haben versucht, Hitlers Kindheit und Jugend nachzuspüren. Ein schwieriges Unterfangen: Denn der spätere "Führer" ließ Erinnerungsspuren in das kleinbürgerliche Milieu Oberösterreichs systematisch verwischen oder auslöschen. Die folgende Geschichte von Hitlers vermutlicher Lebensrettung hat noch kein Biograf aufgezeichnet.
Stegmühlbach
Vom Rauschergut (Foto), das die Familie Hitler damals bewohnte, führt noch heute ein Steg über den Stegmühlbach. Das Anwesen des Rechenmachers befindet sich am anderen Ufer, der den jungen Hitler aus dem Fluß rettete.

Erzählt wird sie von der Enkelin des bäuerlichen Lebensretters, einer resoluten Frau in den Siebzigern, die in Oberösterreich lebt und nichts mehr fürchtet, als dass "die Neonazis mir dafür noch späte Lorbeerkränze flechten".

Nennen wir sie also einfach: Elisabeth.

Ihr Name ist auch nicht wichtig, vielmehr der ihres Großvaters: Er hieß Franz Gschwendtner, war anno 1868 im Innviertel geboren und arbeitete in jungen Jahren als Kutscher auf Schloss Almegg, das heute zur Gemeinde Steinerkirchen an der Traun gehört, rund 40 km südwestlich von Linz. Später vertraute ihm Freiherr von Handel, in dessen Besitz das Schloss seit 1870 war, die Verwaltung des landwirtschaftlichen Schlossguts an. 1898 heiratete er die Schlossköchin Anna Starzinger.

Gemeinsam betrieben beide das zum Schlossgut gehörige Gasthaus und hatten den Stegmühlbach gepachtet, der unterhalb von Schloss Almegg von der Alm abzweigt und wenige Kilometer flussabwärts in die Traun mündet.

Dabei durchfließt der Bach den Weiler Hafeld, heute zur Gemeinde Fischlham gehörig. Dort steht noch heute das Rauschergut, ein stattliches Anwesen, das direkt an den Stegmühlbach angrenzt und das 1895 von dem österreichischen Zollbeamten Alois Hitler erworben wurde.

Bevor die Familie - zu der damals neben Alois Hitlers dritter Frau Klara, geborene Pölzl, auch die Kinder Alois junior, Angela (beide aus dessen zweiter Ehe), Adolf und Edmund gehörten - nach Leonding bei Linz zog, wohnte sie einige Jahre in Hafeld. Hier wurde mit Paula Hitler ein weiteres Kind der Eheleute geboren, während Alois jun. im Streit mit dem Vater auszog.

Adolf ging zwei Jahre lang im nahen Fischlham in die einklassige Volksschule. Er beschrieb diese Zeit später so: Ich hörte dort, als ich in der untersten Klasse war, schon immer bei den Schülern der zweiten Klasse mit, und später bei der dritten und vierten. Gott sei Dank, dass ich dann weg kam. Sonst hätte ich die letzte Klasse 2 bis 3 Jahre lang durchsitzen müssen.

Volksschule Fischlham
In die Volksschule Fischlham ging Adolf Hitler zwei Jahre lang.

Der berühmteste Schüler

Hitler ließ das Gebäude, das direkt neben der stattlichen Fischlhamer Kirche steht, 1939 ankaufen und zu einem HJ-Heim umbauen. Heute dient es als Gemeindetreffpunkt. An den berühmtesten Schüler erinnert eine denkwürdige Mahntafel mit folgender Inschrift: Hier hat Adolf Hitler Lesen und Schreiben gelernt (1895-1897). Nicht Heil: Unheil, Zerstörung und Tod hat er über Millionen Menschen gebracht. In die Tafel ist ein Granitstein aus dem KZ Mauthausen eingearbeitet.

In Hafeld führt direkt neben dem Rauschergut ein Steg über den Bach hinüber zu einem heute unbewohnten und verfallenden Anwesen, in dem früher der Rechenmacher von Hafeld wohnte. Hitlers früher Jugendbiograf Fritz Heinz Chelius schrieb 1933: Noch heute erzählt der alte Nachbar Pfarl, wie Adolfchen die Rechen in den Stegmühlbach geworfen hat, weil sie so schön schwammen und von der starken Strömung so lustig abgetrieben wurden.

Genau hier spielte sich jene Geschichte ab, die den braven Franz Gschwendtner in den letzten Jahrzehnten seines Lebens jeden Tag über die verschlungenen Wege des Schicksals nachdenken ließ: Wie er nämlich im Jahr anno 1898 einen kleinen Buben beim Rauschergut aus dem reißenden Bach zog.

Mahntafel
Heute ist an dem Gebäude eine Mahntafel angebracht, zu der ein Granitstein aus dem KZ Mauthausen gehört.

Ein Bube in Lebensgefahr

An die Jahreszahl erinnerte sich der alte Bauer genau: Es war das Jahr seiner Eheschließung. Da die Familie Hitler nach Chelius' Angaben nach dem Verkauf des Rauscherguts im Frühjahr 1898 von Hafeld nach Lambach zog, wird sich das Ereignis vermutlich in den ersten Monaten des Jahres zugetragen haben, etwa zur Zeit der Schneeschmelze - was auch erklären würde, warum der üblicherweise geruhsam dahinfließende Bach das Leben eines Kindes gefährden konnte.

Die Kinder seien ihm entgegengerannt, als er eben vom Rechenmacher kam, hat er immer wieder erzählt, mit aufgeregtem Schreien: "Einer ist reingefallen!" So sei er denn flugs hingeeilt und habe mit seinem frisch erstandenen Rechen einen achtjährigen Buben aus dem Wasser gezogen, der, wie damals üblich, des Schwimmens nicht mächtig war. Sein Name: Adolf Hitler.

Immer wieder hat der alte Gschwendtner-Wirt die Geschichte seinen Enkelkindern erzählt, die oft ihre Ferien in dem Gasthaus hinter dem Schloss Almegg verbrachten. Enkelin Elisabeth kennt sie auch von ihrer Halbschwester, die nach dem Krieg eine Lehre in einem Lambacher Geschäft absolvierte. Die dortige Chefin gehörte zu den Kindern, die seinerzeit vor Schreck davongelaufen waren.

Eine ähnliche Geschichte, in der der kleine Adolf Hitler nach dem Sturz in einen Fluss gerade noch mit dem Leben davonkommt, wird auch in Passau erzählt. Dort hatte am 9. Januar 1894 die Donau-Zeitung berichtet, dass ein Knabe gerade noch rechtzeitig vor dem sicheren Tode des Ertrinkens gerettet worden sei, und zwar von seinen beherzten Kameraden.

Hitler wohnte damals mit seiner Familie in Passau im Haus der Familie Kühberger, deren fast gleichaltriger Sohn Johann Nepomuk später Priester, Organist und Domkapellmeister in Passau wurde. Er soll an jenem Januartag Hitler aus dem eisigen Inn gezogen haben. Die Episode war zu Lebzeiten Kühbergers stadtbekannt und wurde auch von ihm selbst weitererzählt.

Nun, beide Geschichten passen in ihren äußeren Umständen genau in das frühe Lebensbild Hitlers, sind aber nach Maßstäben quellenkritischer Forschung nicht zu beweisen. Das einzige Wahrheitszeugnis im Falle der Hafelder Episode ist das Martyrium des alten Gschwendtner, den die Sache bis zu seinem Tod im Jahr 1952 peinigte.

"Er hatte immer das Gefühl, sich dafür entschuldigen zu müssen", erinnert sich Enkelin Elisabeth. Dann saß er zusammengesunken auf einer Eckbank, ein kleiner, gütiger Mann mit gesundem Menschenverstand und großem Herz, und sinnierte: "Soviel Leute hat der Hitler umgebracht. Es wär doch gescheiter gewesen, ich hätt' ihn ersaufen lassen."

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Sonntagsblatt