15.08.2013
Politik und Glaube

Woran glaubt Münchens Oberbürgermeister Christian Ude?

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) will bayerischer Ministerpräsident werden. In der Politik sieht der Protestant die Kirchen als wichtigen Partner. Dennoch sollten Christen sich nicht bei jeder politischen Frage einmischen: Nicht jedes Ja oder Nein zu einer Umgehungsstraße könne aus der Bibel abgeleitet werden, sagt Ude. Im Redaktionsgespräch erzählt er, wie es mit der Asylpolitik in Bayern weiter gehen sollte, ob es noch christliche Feiertage braucht und welchen Anteil er daran hat, dass sein damaliger Pfarrer aus dem Kirchendienst ausgetreten ist.
Münchens Oberbürgermeister Christian Ude

Die CSU steuert wieder einmal auf die absolute Mehrheit zu. Wie erklären Sie sich die strukturelle Schwäche der SPD in Bayern?

Christian Ude: Die SPD ist seit 56 Jahren in der Opposition, die CSU hatte noch vor wenigen Amtsperioden über 60 Prozent. Die Stärke der CSU ist die Herrschaft über den gesamten Staatsapparat vom Minister bis zum Pförtner. Öffentlich-rechtliche Institutionen sind ebenfalls konservativ dominiert. Dazu gibt es ein vorpolitisches Feld von Trachten- und Schützenvereinen, die oft der CSU nahestehen.

Welche Rolle spielen dabei die Kirchen?

Ude: Ich erlebe große Teile der katholischen Kirche als der katholischen Soziallehre verpflichtet, die stehen in sozialpolitischen Fragen, aber auch in Fragen der Friedenspolitik oder des Asylrechts der SPD näher als der CSU. Ich habe viele beglückende Begegnungen mit der evangelischen Kirche, die ich niemals als Hilfstruppe der bayerischen Staatsregierung bezeichnen würde.

Wie stark sollen sich die Kirchen in die Politik einmischen, wo sind für Sie die Grenzen?

Ude: Wenn Pfarrer glauben, dass ein Ja oder Nein zu einer Umgehungsstraße aus der Bibel abgeleitet werden kann, geht es mir zu weit. Die Vertreter des Gegenvorschlags können ja auch gute Christen sein. Wenn es nicht um Partikularinteressen geht, halte ich es für selbstverständlich, dass die Kirche nicht nur politisch sein darf, sondern sogar muss.

Fällt die dritte Startbahn in München auch darunter?

Ude: Das Nein war ein klarer Bürgerauftrag, den ich immer als verpflichtend angesehen habe. Wenn die Kirche sagt, dass der Flugverkehr nicht im Blindflug ausgeweitet werden darf, dass Rücksichtslosigkeit auf dem Rücken von Anwohnern und Nachbarn nicht zu vertreten ist, dann kann ich sehr gut damit leben. Wenn jedoch die Repräsentanten dieser Kirche sich im VIP-Raum auf die Füße treten, um zur nächsten Synode mit Kurzstreckenflügen zu fliegen, ergeben sich Fragezeichen.

Wie eng ist eigentlich Ihr Verhältnis zur Kirche?

Ude: Mein Leben war in der Jugend sehr stark religiös geprägt. Ich war im CVJM (heute: Christlicher Verein junger Menschen), die Bibelstunde am Donnerstag war ein wichtiger Markstein in jeder Woche. Wie viele andere bin ich dann in der Studentenzeit durch und durch säkularisiert worden. Ich bin damals aber nicht aus der evangelischen Kirche ausgetreten, weil sie immer wieder Dinge gemacht hat, die mir gut gefallen haben: die Ostpolitik, das Bekenntnis zur Friedenspolitik, das Sozialpapier.   Dass die kirchliche Soziallehre peinlicherweise zeitweise links von der bundesdeutschen SPD angesiedelt war, das waren für mich die schwierigsten Jahre der Parteimitgliedschaft, aber nicht der Kirchenzugehörigkeit. Ich habe erlebt, dass kalte Krieger oder Konservative aus der Kirche ausgetreten sind, weil ihnen die Stellungnahmen nicht gepasst haben, da wollte ich auf keinen Fall in einen Zusammenhang gebracht werden.

Was bedeutet Ihnen der christliche Glaube persönlich?

Ude: Ich würde mich nicht als Menschen bezeichnen, der kirchliche Dogmen unterschreiben kann. Glauben ja, denn ich glaube an denSchöpfer, an das christliche Menschenbild und das Gebot derNächstenliebe, aber nicht an Dogmen.

Es wird doch von keinem evangelischen Christen verlangt, dass er an Dogmen glaubt.

Ude: Ja, aber es gibt auch bei den Protestanten Glaubenssätze, die ich so nicht unterschreiben kann. Ich habe vor meiner Konfirmation mit meinem Pfarrer darüber nächtelange Debatten geführt. Das endete damit, dass er mich konfirmiert hat und aus dem Kirchendienst ausgetreten ist. Er wurde ein recht bekannter Psychoanalytiker.

Wie nehmen Sie den evangelischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm wahr?

Ude: Sehr positiv. Wir haben zu seinem Amtsantritt als erstes ein Bäumchen vor der Bischofskirche gepflanzt. Ich bin froh, dass er Klartext redet, zum Beispiel beim Asylrecht. Lange bevor der Papst in Lampedusa war, hat er sich hier klar vernehmen lassen. Ich finde, dass er es sehr gut macht.

Bei der Asylproblematik suchen Sie den Konsens mit den Kirchen. So etwa bei der Auflösung des Trinkstreiks am Münchner Rindermarkt im Juni.

Ude: Das hatte auch etwas damit zu tun, dass Menschenleben bedroht waren. Ich bin in der Frage der Asylpraxis mit den Kirchen, aber nicht mit der Staatsregierung einer Meinung. Die Opposition im Landtag - und die Kirchen - waren gegen demütigende und bevormundende Esspakete, wir sind gemeinsam gegen zusammenpferchende Gemeinschaftsunterkünfte, wir sind für schnellere rechtsstaatliche Verfahren, die nicht auf ein ganzes Jahr Arbeitsverbot hinauslaufen. Und wir wollen bei allem Recht der öffentlichen Hand, die Asylbewerber geografisch zu verteilen, dass sie das Recht der Reisefreiheit nicht völlig abgesprochen bekommen. In diesen vier zentralen Punkten stimmen die SPD und die Kirchen schon immer überein.

Christian Ude im EPV-Gespräch

Dossier

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Die Staatsregierung hat sich im Asylstreit ja inzwischen bewegt. Die Bayerische Asyldurchführungsverordnung, wonach die Unterbringung »die Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland fördern« soll, wurde inzwischen gestrichen.

Ude: Ein bemerkenswerter Vorgang. Fast bis zum letzten Tag der Legislaturperiode wollte die Staatsregierung es den Asylbewerbern so ungemütlich gestalten, dass sie am liebsten freiwillig wieder zurückgehen. Und kurz vor Ende der Legislaturperiode sagt man dann: So haben wir eigentlich nie gedacht, in Zukunft sind wir christlich und sozial. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Behandlung von Asylbewerbern offenbar unchristlich und unsozial.

Sie wollen das Schulfach Ethik aufwerten. Müssen die Kirchen um ihren Religionsunterricht fürchten?

Ude: Ich stelle den Religionsunterricht selbstverständlich nicht infrage. Allerdings sollte er auch nicht so überhöht werden, als hätte er nur gottgefällige Wirkungen. In meiner Grundschule war die Einteilung im Religionsunterricht auch ein Hinweis darauf, wer wen in der Pause zu verprügeln hatte.

Soll es am 31. Oktober 2017 einen einmaligen Reformationsfeiertag geben? Immerhin werden dann 500 Jahre Reformation gefeiert.

Ude: Die letzten großen Kraftanstrengungen gingen ja in die gegenteilige Richtung. Wir haben zugunsten der Pflegeversicherung auf den Buß- und Bettag verzichtet. Nun will die evangelische Kirche einen Feiertag am 31. Oktober. Ich glaube, dass die Gesellschaft entscheiden muss, ob wir weitere Feiertage brauchen.

Bleibt Mariä Himmelfahrt in Bayern ein Feiertag?

Ude: Wer wagt es schon, den Arbeitnehmern Feiertage wegzunehmen? Allerdings ist die jetzige Situation in manchen Kommunen grotesk. Eine Gemeinde mit drei Prozent Katholiken und zwei Prozent Evangelischen würde als überwiegend katholisch eingestuft und daher Mariä Himmelfahrt als Feiertag behalten. Das überzeugt doch nicht. Es gehört wohl zur katholischen Erfolgsgeschichte in Bayern, dass sie mit Feiertagen mehr Arbeitszeitverkürzung herausgeholt hat, als die Gewerkschaften seinerzeit zu fordern wagten.

Wie kommen Sie als Münchner mit den Franken klar?

Ude: Bestens! Je weiter ich mich von München entferne, desto größer das Interesse und die Neugier, je kleiner der Ort, desto voller das Zelt. Die Leute sind dort froh und stolz, wenn ein Politiker, den sie aus dem Fernsehen kennen, bei ihnen spricht, ob es ein Feuerwehrfest ist, ein Volksfest oder ein SPD-Abend im Bierzelt.

Müssen Sie nicht zugeben, dass das Bier auch woanders durchaus besser ist als in München?

Ude: Das vertrete ich seit vielen Jahren, weil die frühere Kulmbacher Oberbürgermeisterin Inge Aures mir schon in ihrer Amtszeit Kulmbacher Bier zukommen ließ. Ich finde es in der Tat würziger und gehaltvoller. Auch für die Bratwürscht kann ich mich begeistern, wenn Sie mir die Weißwurst nicht völlig nehmen.

Was wäre Ihre erste Amtshandlung, wenn Sie gewählt werden würden?

Ude: Ich werde mich als Erstes daranmachen, das unsinnige Betreuungsgeld wieder abzuschaffen. Das Geld ist bei der Schaffung von Kinderbetreuungsplätzen und in der Ausbildung von Erzieherinnen besser aufgehoben.

Was tun Sie, wenn es nicht zum Regierungswechsel reicht?

Ude: Dann würde ich meine Amtszeit als Münchner Oberbürgermeister zu Ende führen. Ich bin aber zuversichtlich für die Wahl und habe sehr konkrete Pläne für die Koalitionsgespräche.

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