10.06.2018
Predigt

Predigt: Du bist aber doch von hier. Über die Heimat.

Wo komme ich her? Was lässt mich geborgen fühlen? Wo bin ich verwurzelt? Nicht wenige Menschen sehnen sich nach einem Zufluchtsort im Leben, der ihnen Halt und Sicherheit gibt. In ihrer Evangelischen Morgenfeier setzt sich die Fürther Pfarrerin Stefanie Schardien mit der neuen Sehnsucht nach Heimat auseinander.
Heimat

Neue Sehnsucht: Heimat

Heimat schmeckt für mich nach Möhreneintopf. Aber nur, wenn ihn meine Oma gekocht hat. Der Duft zog immer durchs ganze Haus und blieb dort meistens auch bis zum nächsten Tag hängen. Dass man bei Heimat an Essen denkt, das geht vielen Menschen so. Kindheitserinnerungen kommen hoch an Gerüche oder an das Muster der Tischdecke. Und mit den Erinnerungen kommt die Sehnsucht. Ach, war schon schön…

Immer wieder entdecke ich seit einiger Zeit neue Zeichen von dieser Sehnsucht: Trachten und Dirndl sind wieder in bei Stadtfesten, selbst bei Jugendlichen. Plötzlich eröffnen Cafés und Läden, die nennen sich „Echte Heimat“ oder „Heimathafen“. Da trinkt man auf einmal wieder Filterkaffee, man bestellt Stullen und selbstgebackenen Kuchen, so wie es sie früher zuhause gab. Und bekommt mit all dem so ein Gefühl von „Hier kenne ich mich aus, hier fühle ich mich wohl, hier bin sicher und geborgen.“

Sehnsüchtige Heimatlieder gibt es auch wieder. Nein, ich meine nicht „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ oder so. Ich denke an Lieder wie das von Johannes Oerding, in denen es mehr um dieses ganz spezielle Gefühl geht.

Peinlich, fremd, unbeheimatet.

Diese modernen Oden an Städte oder Landstriche gibt es ja schon länger wieder: Von Grönemeyers Bochum bis zum Westerland der Ärzte. Aber all das andere? Teenager in Dirndl und Filterkaffee? Ehrlich: Vor ein paar Jahren wäre es noch ziemlich peinlich gewesen, die eigene „Heimat“ so zu feiern. Das war doch alles viel zu eng, altbacken und es klang nach Rumtata-Musik, nach Schwarz-weiß-Filmen und verstaubten Häkeldeckchen. Damit wollte man lieber nichts zu tun haben: Weg von Zuhause, die Wurzeln kappen, die große Freiheit genießen. Für viele junge Leute war das lange Zeit die Perspektive für ihr Leben. Wer einmal aufgebrochen und ausgebrochen war aus der vermeintlichen Spießigkeit des Elternhauses, für den hatten Heimatbesuche eher Pflichtcharakter. Im besten Fall ließen sie einen am Ende doppelt durchatmen: Puh, das hab ich hinter mir gelassen…

Was lange Jahre auch dahinter steckte: Über ihre deutsche Heimat wollten die Menschen lieber schweigen. Allzu herb hatten sich die Erfahrungen eingebrannt davon, wie sehr gehasst und gekämpft und gestorben worden war – alles für das Vaterland. Mit all diesem überheblichen Stolz sollte es nach dem Krieg vorbei sein. Naiv konnte von der eigenen Heimat fortan nicht mehr erzählt werden. Untrennbar verband sich der Gedanke daran mit Schuld und Trauer und dem ständigen Zweifel: Daher komme ich? Das sollen meine Wurzeln sein?

Wie kann da also heute ein neuer Heimat-Hype überhaupt wieder entstehen? Wir scheinen in eine neue Phase eingetreten zu sein: Die eigene Heimat nur skeptisch und enttäuscht zu beäugen und sich dauerhaft von ihr abzugrenzen, funktioniert nicht. Das Gefühl dafür bleibt zu stark.

Oder es wird wieder stärker heute. Gerade weil wir so schier unendlich mobil sind. Nicht wenige meiner Freunde ziehen für den Job quer durch ganz Deutschland oder Europa, reisen in der ganzen Welt herum. Und das sind dann nicht selten die ersten, die in sozialen Netzwerken nach alten Schulfreunden suchen oder sich ein Bild ihrer alten Stadt ins Büro hängen. In der Ferne und Fremde, wenn ich mich irgendwie unbeheimatet fühle, muss ich besonders oft über die Heimat nachdenken. „Erst die Fremde lehrt uns, war wir an Heimat besitzen“, sagt der Dichter Theodor Fontane. Weil sie mir dort eben fehlt und sich nicht sofort wieder herstellen lässt. Nicht jeden Wohnort nenne ich ja automatisch Heimat. Und so fühlt sich das Nachdenken darüber an wie eine Wunde, die nie so recht vernarben will. Eine offene Stelle im Leben, an der ich mich immer wieder reibe, egal wo ich bin: Wo komme ich her? Was lässt mich geborgen fühlen? Wo bin ich verwurzelt?

Unbeheimatet fühlen sich aber nicht nur oft jene, die an fremden Orten leben. Außergewöhnlich viele Konfirmandinnen und Konfirmanden unserer Gemeinde haben sich in diesem Jahr Konfirmationssprüche aus der Bibel ausgesucht, die von Angst und Furcht sprechen und zugleich um Schutz und Geborgenheit bitten. Was ist da los, hab ich zuerst mich gefragt und dann auch einige der Jugendlichen.  Sie haben mir von diesem Unsicherheitsgefühl erzählt: Dass so vieles ins Wanken geraten ist, von dem sie meinten, es wäre sicher in dieser Welt. Dass sie sich fürchten vor dem, was in der Welt gerade alles passiert, vor dem Rechtsruck in Deutschland, vor Terror, vor der Zukunft und davor, wie respektlos Menschen in den sozialen Netzwerken miteinander umgehen. Die Jugendlichen haben das ausgesprochen, was nicht wenige Menschen ganz ähnlich empfinden – und die sich darum so sehnen nach einem Zufluchtsort im Leben, der ihnen Halt und Sicherheit gibt.

Manchmal muss das auch kein konkreter Ort sein, sondern manchmal kann auch Musik dieses Gefühl geben. Wenn in der Kirche die Orgel spielt zum Beispiel.

Biblische Suche nach Heimat: Aufbruch ins Neue

Wenn ich nun aber die biblischen Geschichten durchforste, dann finde ich dort wenig von einem allzu romantischen Heimatidyll, in das sich die Menschen in ihrer Ungewissheit und Unbehaustheit flüchten könnten. Im Gegenteil. Viel häufiger erzählen die Texte aus dem Alten und Neuen Testament von Aufbrüchen, vom Zurücklassen und der Erfahrung, auf dem Weg zu etwas Neuem zu sein. Immer wieder geht es darum, Anfänge zu wagen, neue Wurzeln zu schlagen. Eine der wohl bekanntesten Aufbruchsgeschichten aus dem Alten Testament ist die von Moses. Der biblischen Überlieferung nach erscheint ihm Gott und verkündet seinen Plan:

Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie aus diesem Lande hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. (Exodus 3,7f)

Da geht es um den Aufbruch aus dem Elend. Auch wenn sich dieser Auszug historisch mit einiger Wahrscheinlichkeit nie so zugetragen hat, ist die Botschaft dieser Geschichte vielen Menschen wichtig geworden. Das Volk soll es wieder besser haben und sich aufmachen aus dem Land, in dem es wohl oder übel Frondienst leistet. Sklaverei ist das. Vielen Israeliten ist bei dieser Perspektive allerdings bestimmt auch mulmig zumute: Ihre Sippen haben sich ja schon seit vielen Generationen dort in Ägypten arrangieren müssen. Wer weiß, ob es überhaupt besser würde?  Doch der Geschichte nach ist das Leiden offenbar doch so groß, dass die Menschen mit Moses ziehen wollten und dafür einen beschwerlichen Weg und eine ungewisse Zukunft in Kauf nehmen. Die Bilder, mit denen Moses sie locken darf, sind einfach ein zu großer Gegensatz zum Frondienst: Als Ziel winkt eine neue, richtige Heimat; das Land, in dem Milch und Honig fließen. Fast wie im Paradies.

Besitzansprüche auf Heimat

Ein Paradies mit kleinem Haken. Denn sofort fällt auf, wie deutlich schon die Liste der Völker aufgezählt wird, die in diesem Paradies bereits leben: Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Das Land muss also geteilt oder erobert werden. Der Streit scheint vorprogrammiert und in trauriger Weise hören wir sein Echo noch bis heute im Konflikt um Israel und Palästina. Doch wie schnell die je eigene Heimat abgeschottet werden soll gegen andere Menschen, das erleben wir gerade selbst allerorten. Es braucht nicht viel, dass bei der Erzählung vom Volk, das Moses aus der Sklaverei herausführt, vor dem inneren Auge die vielen Menschen auftauchen, die heute auf der Flucht sind. Über 65 Millionen weltweit. Ein Paradies, in dem Milch und Honig fließen, suchen die meisten von ihnen wohl nicht. Sicherheit und endlich mal wieder ein Hauch von Geborgenheit würden schon erstmal reichen.

Im letzten Jahr hab ich einen jungen syrischen Mann kennengelernt. Seine alte Heimat musste in einen Rucksack passen. Der Rest wurde zerstört. Festentschlossen, in Deutschland anzukommen, geht er zum Handballverein, lernt Lieder wie „Kein schöner Land“ mit der Gitarre zu begleiten. Stolz präsentiert er mir seine erste Lederhose, die er in der Kleiderkammer aufgetan hat. Aber, so erzählt er mir, das erste, was ihm die Alteingesessenen im Dorf beim Kennenlernen meistens sagten: „Du bist aber nicht von hier.“ Das muss gar nicht immer bös gemeint sein. Manchmal ist das ja auch nur ein Gesprächsangebot, um zu erfahren, wo der andere denn herkommt und was ihn hergeführt hat. Mich fragen die Franken ja auch oft nach meinem hörbar westfälischen Migrationshintergrund. Doch bei dem jungen syrischen Mann war der Zungenschlag oft schärfer. Und zu oft bedeutete „Du bist aber nicht von hier“ so viel wie: „Meine Heimat ist nämlich nicht deine Heimat – und sie soll es auch nicht werden.“

Dabei gibt es keine solchen Besitzansprüche auf Heimat. Daran ändern übrigens auch alle neu geschaffenen Ministerien und verordneten Behördenkreuze nichts. Besonders wird es gefährlich bei all jenen, die nun wieder lauthals nach „Heimatschutz“ schreien. Mit dem harmlos klingenden Begriff verkleiden sich oft Ideen vom Ausgrenzen, Abgrenzen, Abschotten. Schon wieder in unserer Geschichte droht die liebevolle Vertrautheit mit den eigenen Wurzeln sich zu verzerren zu einem hochmütigen und dann eben doch so menschenfeindlichen Nationalismus.

Schmecken, sehen, sprechen – Was ist eigentlich Heimat?

Nicht allein, weil ich mich gegen solche Irrlichter wehren will, frage ich mich: Was ist denn nun eigentlich Heimat? Geht es immer um die eigene Herkunft? Hat Heimat eine klare Adresse?

Als ich vor kurzem nach langer Zeit einmal mit meinen Kindern durch den Stadtteil meiner Kindheit fuhr, da kamen ganz viele Erinnerungen in mir hoch: Da hat meine beste Freundin gewohnt, dieser Laden war mal unser Bäcker. Hierher ging mein Schulweg, dort hatte ich Konfi-Unterricht. Zugleich ist mir aber auch wehmütig und traurig bewusst geworden: Das ist ja so, wie es sie jetzt gibt, nicht mehr meine Heimat. Fast wie eine Kulisse kamen mir die Straßenzüge vor. Bekannter Hintergrund, aber andere Darsteller, anderes Stück. Vieles hat sich sehr verändert. Viele meiner Freunde sind fort, die Erlebnisse vergangen. Die damalige Zeit ist nicht wiederholbar. So vieles daraus, was mich geprägt hat, gibt es so nicht mehr. Heute prägt dieser Ort andere Menschen auf andere Weise. Es ist jetzt deren Heimat geworden. Meine ist es nur noch als eine, die es einmal war.

Aber was heißt „nur noch“? Das klingt eigentlich zu negativ. Denn all das Prägende bleibt mir ja. Außerdem: Dass sich Heimat eben nicht einfach am Ortsschild festmachen lässt, weitet den Blick. Eine gute Nachricht für alle, die nicht mehr am Herkunftsort leben. Denn so richtet sich der Blick mehr auf die Vielfalt der Gefühle und Erfahrungen, die sich damit verbinden. Wurzeln zu schlagen im Leben, das kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen. Jesus hat das schon mit 12 Jahren getan. Er reißt aus. Seine Eltern suchen ihn. Als sie ihn am Ende im Tempel im Gespräch mit den Gelehrten finden und ihn zur Rede stellen, antwortet Jesus erstaunt: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Jesus fühlt sich dort daheim, wo er Gott nah ist.

Fragen Sie Menschen danach, was für sie Heimat ist, bekommen Sie eine schier endlose Liste: Oft, wie gesagt – Gerüche, Geschmäcker, aber auch Erlebnisse, bestimmte Blickwinkel auf bestimmte Straßenecken oder Hausberge, geliebte Menschen – lebendig oder gestorben, Dialekte, die einem dann wieder selbst auf der Zunge liegen, sobald man mit anderen die gleiche Sprache sprechen kann, der Ort, an dem die eigenen Kinder geboren wurden oder wo man mit viel Kraft ein Haus gebaut hat.

Was dabei auffällt: Heimatgefühle hängen nicht immer an spektakulären Stadtsilhouetten oder perfekter Idylle. Oft entstehen sie gerade am ganz Alltäglichen, wie beim Möhreneintopf meiner Oma. Der war ja auch zweifellos nichts Besonderes. Vielmehr hat er sie sogar an die schlechten Zeiten erinnert. „Arme-Leute-Essen“ hat sie ihn genannt – und ihn trotzdem immer wieder gekocht. „Meine Heimat hat Narben so tief für den Rest dieser Zeit. Ich hab sie nie so gesehen. Sie ist wunderschön.“ Die Sängerin Anna Depenbusch hat meine Oma wohl verstanden.

Hoffnung auf ein Ankommen

Wie ist es Moses und dem Volk aber nun auf der Suche nach Heimat eigentlich ergangen? Haben sie ein Heimatidyll gefunden? Der Weg ist lang, viele Umwege müssen sie gehen. Das Volk murrt, wird müde, aber Moses mit der Sehnsucht im Herzen nach dem gelobten Land, wo Milch und Honig fließen, treibt sie immer wieder an. Nach der langen, harten Wanderung kommen sie dem Land nah.

Und Mose stieg aus den Steppen Moabs auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho. Und der HERR zeigte ihm das ganze Land: Gilead bis nach Dan und das ganze Naftali und das Land Ephraim und Manasse und das ganze Land Juda bis an das Meer im Westen und das Südland und die Gegend am Jordan, die Ebene von Jericho, der Palmenstadt, bis nach Zoar. Und der HERR sprach zu ihn: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen. So starb Mose, der Knecht des HERRN, daselbst im Lande Moab nach dem Wort des HERRN. (Dtn 34,1-5)

So knapp davor ist Moses. Er sieht den so sehnsüchtig erwarteten Ort schon vor sich – und darf ihn am Ende doch nicht mehr selbst erleben. Tragisch. Übrigens wird auch nur noch erzählt, dass das Land fruchtbar sei. Von Milch und Honig ist nichts mehr zu hören. Und statt Sicherheit und Geborgenheit erlebt das Volk die erwartbaren Kämpfe mit den anderen Völkern. Das verheißene Land – war das nun das Ziel der Hoffnungen?

Vermutlich ist diese Erzählung von Moses und dem Volk so tragisch wie realistisch. So fühlt es sich an mit der Heimat:
Manchmal meinen wir sie zu erhaschen, in den Blick zu bekommen, das Gefühl ganz intensiv zu spüren: Ja, das ist meine Heimat. Aber allzu oft geht dieses innige Gefühl dann auch wieder verloren. Manchmal schwächt es sich ab. Oder neue Heimatgefühle entstehen. Wie Schichten legen sich all diese Erfahrungen übereinander: Die Erinnerung an die Herkunft und Kindheit. Das Wissen um die Wurzeln, die ich geschlagen habe und aufs Neue schlage, mal mehr, mal weniger in meinem Leben durch Beziehungen oder Erfahrungen. Und immer wieder diese Sehnsucht, dieses bleibende Pochen im Herzen auf der Suche nach einer Heimat, die ich noch gar nicht kenne.

Die offene Stelle gehört dazu.
Auch im christlichen Glauben. Allerdings verspricht er dazu etwas: Mit all den biblischen Aufbruchsgeschichten nährt er die Hoffnung darauf, dass es ein Ankommen gibt. Ich hoffe darauf, dass all meine Erinnerungen an die Geborgenheiten der Kindheit, dass meine Heimaterfahrungen und die unerfüllte Sehnsucht danach irgendwann, irgendwo, irgendwie zusammenlaufen können. Für den Dichter Hermann Hesse wäre es der Traum davon, dieses Gefühl in sich selbst zu finden.

„Wie der Tag zwischen Morgen und Abend, so vergeht zwischen Reisebetrieb und Heimatwunsch mein Leben. Vielleicht auch komme ich noch einmal dahin, dass ich Heimat in mir habe. Heimat in sich haben. Wie wäre das Leben anders! Es hätte eine Mitte und von der Mitte aus schwängen alle Kräfte. So aber hat mein Leben keine Mitte, sondern schwebt zuckend zwischen vielen Reihen von Polen und Gegenpolen. Sehnsucht nach Daheimsein hier, Sehnsucht nach Unterwegssein dort. Aber es ist nicht meine Sache, mich anders zu machen. Das ist die Sache des Wunders.“ (Hermann Hesse)

Eine Mitte zu haben, von der aus alle Kräfte schwingen. Mein Gefühl sagt mir, dass es da schon ein sehr großes Wunder bräuchte, um so eine Mitte selbst in mir zu suchen oder gar zu finden. Mein Glaube lässt mich darauf vertrauen, dass diese Mitte, dieser Schwerpunkt gerade außerhalb meines eigenen Lebens liegt. Heimat bei Gott, darauf hoffe ich. Dass ich mich bei Gott sicher und geborgen fühlen kann. Dass von dort aus alle Kräfte schwingen. Viele Menschen nennen diesen Ort „Himmel“, weil sie dort – fern der Erde – Gott vermuten. Paul Gerhardt hat sich das in einem seiner Lied auch so vorgestellt: Hier auf Erden bleiben wir letztlich immer ein bisschen fremd, immer „Gast“. Das Leben gleicht für ihn einer Reise, oder eher einer Durchreise mit einem Ziel vor Augen, das im Jenseits liegt.

Ist das nun die einfache Heimatpatentlösung? All unser Suchen unnötig, denn das Ziel steht ja eigentlich schon fest? Nein, vermutlich nicht. Denn das ist kein Wissen, sondern es bleibt eine Hoffnung, eine offene Stelle. Das Sehnen in der Welt nach Heimat bleibt. Was mein Glaube an so eine ewige Heimat bei Gott, in der ich endgültig ankommen darf, aber kann: Sie trägt mich durch mein Leben hindurch, auch und gerade dann, wenn ich in meinem Leben unterwegs bin, wenn ich mich im Hier und Jetzt einmal unbeheimatet fühle. Und wenn ich dann genau achtgebe, duftet es dann und wann ein wenig nach Möhreneintopf und ich höre, dass da jemand zu mir sagt: „Sie sind aber doch von hier.“

 

Evangelische Morgenfeier vom 10.06.2018 (2. Sonntag nach Trinitatis) mit Pfarrerin Dr. Stefanie Schardien, Fürth, Thema: Du bist aber doch von hier. Über die Heimat.

Das PDF mit dem vollständigen Text kann beim BR heruntergeladen werden unter diesem Link.

 

Weitere Artikel zum Thema:

Das Beste aus der Bibel

Bergpredigt von Nikolai Lomtew
Jesus beauftragte alle, die ihm nachfolgen, damit, zu predigen: »Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur« (Markus 1, 5). Von Anbeginn der Christenheit an entwickelte sich daraufhin eine hohe Kunst des Predigens. Ihre Grundlage ist die Botschaft der Auferstehung Jesu: »Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich« (1. Korinther 5, 14).