Drei Wochen ist es jetzt her: Ich sitze auf einer Dachterrasse in der Altstadt von Tanger in Marokko. Zwei Stunden zuvor sind meine Familie und ich mit der Fähre angekommen, hier, an der Nordspitze Afrikas. Wir sind mit unseren Koffern die vielen Stufen zur befestigten Altstadt hinaufgestiegen, hin zu unserer Unterkunft, einem kleinen traditionellen Riad. Anstrengend war es, heiß. Jetzt lehne ich mich zurück in die weichen Kissen der Sitzbank. Bunte Kacheln überall, auf dem Tisch das silberne Kännchen mit dem Minztee. Angekommen. Wir atmen auf. Lassen den Blick schweifen über die Dächer der Medina bis hin zum blau schimmernden Meer. Wir staunen – an diesem Nachmittag ebenso wie an den kommenden Tagen –, staunen über die schmalen Gassen voller Leben. Die bunten, lauten Märkte. Über die Feigenbäume und die unzähligen Katzen. Wir sind beeindruckt von dem kleinen Gebetsraum in dem modernen Café: Wie selbstverständlich hier Glaube gelebt wird. Wir erleben die eigene Scheu, wenn wir uns außerhalb der touristischen Komfortzone bewegen: Wenn uns Worte fehlen oder Blicke signalisieren, dass wir Fremde sind. Wie gut die Herzlichkeit unseres Vermieters tut. Mit ihm fahren wir über Land, begegnen viel Schönem, aber auch einer Armut, die uns bewusst macht, wie gut es uns geht.
Urlaubsmomente und Erfahrungen. Vielleicht haben Sie in diesem Sommer oder in früheren Jahren einmal Ähnliches erlebt: Andere Länder, Städte, Regionen, die Sie fasziniert haben. Das Staunen über das Leben anderswo. Momente, in denen Sie sich willkommen gefühlt haben in der Fremde und auch Augenblicke der Unbeholfenheit.
Das alles sind Erlebnisse, die mich bereichern und auf die ich mich schon Monate zuvor freue. Ebenso freue ich mich aber auch auf das, was ihnen folgt: die Rückkehr nach Hause.
Gerne langsam, Stück für Stück, Bahnstation für Bahnstation, bis ich dann in Nürnberg auf einem der hinteren Gleise in den Regionalexpress einsteige. Mit dem Zug rollt auch das erste R an, die Konsonanten um mich herum werden weicher, die Landschaften hügelig: Hersbruck, Pegnitz, Creußen – Bayreuth. Hier bin ich wieder. In der Stadt, in der ich aufgewachsen und in die ich später zurückgekehrt bin. Daheim. In Oberfranken. Hier lebt meine Familie seit Generationen, hier liegen meine Wurzeln: In der protestantisch geprägten Geschichte des alten Markgraftums. In der herben Schönheit des Fichtelgebirges. Bei den Menschen, die auch mit unbewegter Miene begeistert sein können. Mein Herz klopft nicht nur, wenn ich in die Weite ziehe. Sondern auch dann, wenn ich wieder dorthin zurückkehre, wo ich herkomme.
Sehnsucht nach dem Lindenbaum
Am Brunnen vor dem Tore: Es ist eines der bekanntesten deutschen Volkslieder über Heimat und den Weg in die Ferne. Die Bilder, die dieses Lied mit Worten malt, sagen viel darüber aus, was es heißt, dazuzugehören zu einem Ort, zu einer Gemeinschaft. Da ist der Brunnen, an dem das ganze Dorf zusammenkommt, um Wasser zu schöpfen – ein Brunnen, lebensspendend und von unergründlicher Tiefe zugleich. Da ist das Tor, das das Innen vom Außen unterscheidet. Der Lindenbaum, unter dem früher Gerichtsurteile gefällt wurden, zugleich Treffpunkt von Liebespaaren und Sehnsuchtsort für alle die, die sich auf die Reise gemacht haben, weil sie hinaus wollten oder mussten.
Lindenbaum und Wanderschaft. Wurzeln und Weite. Davon weiß auch die Bibel ihre Lieder zu singen. Ihr Lindenbaum: Das ist die Stadt Jerusalem. Die Hoffnungen, die mit ihr und ihrem Tempelberg Zion verbunden sind, durchziehen die Bibel bis zum letzten Buch, das mit der Vision eines himmlischen Jerusalem endet.
Jerusalem: Hier trifft sich in den biblischen Erzählungen Gott mit seinem Volk. Es ist eine Liebesgeschichte, die diese Stadt zu einem bleibenden Ort der Sehnsucht macht. Die Bibel erzählt an ihrem Beispiel auf ganz besondere Weise, was Wurzeln für einen Menschen, für ein Volk bedeuten, gerade, wenn seine Geschichte von Vertreibungen und Tragödien geprägt ist. "An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten", singen die Israeliten, als sie im sechsten Jahrhundert vor Christus in Babylon im Exil sind, "unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande".[1]
Wie sehr es schmerzt, wenn Menschen ihre Heimat verlieren: Dieses Lied bringt es in wenigen Versen zum Ausdruck. Und erzählt zugleich davon, dass Heimat so viel mehr ist als ein geographischer Punkt. Es ist der Ort, an dem sich wie in einem Brennglas bündelt, was mich ausmacht: Der Klang der Harfen, die zu Ehren Gottes im Tempel gespielt wurden. Der Duft des Flieders, der vor dem Haus der Großmutter blühte. Der Geschmack von Zimt und Kardamom. Heimat: Das sind Rituale, Erinnerungen und Geschichten, die weit über das eigene Leben hinausreichen, die tiefer gehen. Ebenso wie die Träume und Hoffnungen, die Menschen über Generationen hinweg teilen.
Ich denke an Jerusalem, seine Geschichte, seine Gegenwart. Ein Bethaus für alle Völker soll diese Stadt sein, steht im Buch des Propheten Jesaja. Alle Steine sollen weggeräumt werden und ein Zeichen soll aufgestellt werden für die Völker. Jerusalem. Stadt des Friedens. Wenn es doch endlich so sein könnte.
Fremde wertschätzen
Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum: Da ist Jerusalem, da ist der Zion. Da sind die Tore, die die Menschen, die dazugehören, von denen unterscheiden, die fremd sind. Zugleich aber, sagt die Bibel, sollen diese Tore offen stehen für alle, die um Einlass bitten:
Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. (3. Mose 19, 33f)
Gastfreundschaft. Fremde wertschätzen. In unserem Glauben ist beides fest verankert. Gut, sich das immer wieder vor Augen zu halten. Gerade jetzt, wo wir um Lösungen ringen, wie wir gemeinsam hier leben können mit den Menschen, die zu uns kommen. Es gibt keine einfachen Lösungen, auch die Bibel kennt sie nicht, wie sollte sie auch. Aber eine klare Haltung, die hat sie: "Der Fremde soll bei Euch wohnen wie ein Einheimischer". Verachtung und Hetze gegenüber denen, die Zuflucht suchen, sind unvereinbar mit unserer Religion – einer Religion, deren Geschichten so oft von Menschen handeln, die auf der Flucht sind. Unsere Religion erzählt nicht von Abgrenzung, sondern von der großen Sehnsucht, dass es einmal einen Ort geben wird, an dem alle zuhause sind und in Frieden miteinander leben. So, wie es einmal war, am Anfang der Zeit.
Il y avait un jardin: Es gab da einen Garten, singt der französische Liedermacher Georges Moustaki. Moustaki wird 1934 in Ägypten geboren. Seine Eltern sind jüdische Einwanderer aus Griechenland; Moustaki weiß, wie es ist, fremd zu sein und auf der Suche nach sich selbst. Il y avait un jardin. Es ist ein verschwundener Garten, den das Lied besingt. Ein Garten, groß genug für alle Generationen, alle Menschen, so schön war er, fruchtbar. Wo ist er hin, fragt Georges Moustaki, dieser Garten, den man Erde genannt hat, seit Urzeiten bewohnt, dieser Garten, der ein Ort war für alle?
Eine Nostalgie, die uns nach vorne zieht
Il y avait un jardin. Es war ein Garten, mit dem alles begonnen hat, so sagt es der Mythos unseres Glaubens. Gott setzt die Menschen in diesen Garten, gibt ihnen eine Heimat. Das ist die Erinnerung, die uns birgt: Der Anfang war gut – unser Anfang war gut. Und das Ende wird auch wieder gut sein. Denn dann, verspricht die Bibel, werden wir heimkehren in diesen Garten, der jubelt und blüht, der Platz hat für alle. Einmal werden wir ankommen. Und dann ist es für immer.
Denn alles andere, es ist ja nur vorläufig. Und das gilt, ob ich ein Leben lang in der gleichen Stadt zuhause bin, so, wie meine beiden Großmütter, oder alle paar Jahre in ein anderes Land ziehe. Ob ich die Kontinente durchstreife oder nur meinen Landkreis. Ob ich mich meinem Geburtsort verbunden fühle oder ihn lieber aus kritischer Distanz betrachte: Nichts bleibt für immer. Zeiten, Orte und Menschen verändern sich. Ich muss im Leben immer wieder Abschied nehmen, neu aufbrechen im buchstäblichen oder im übertragenen Sinn. Das ist manchmal aufregend und wunderschön, dann wieder schmerzhaft und traurig.
Das Leben – ein Wandern, ob ich nun will oder nicht. Wie ich damit umgehen kann? Der Glaube zeigt mir einen Weg, eine Haltung, die der verstorbene Papst Franziskus einmal als positive Nostalgie bezeichnet hat. Positive Nostalgie. Das hat sich mir eingeprägt. Nostalgie, das kommt ja vom lateinischen Wort für Heimweh. Und da gibt es eben, sagt Franziskus, eine bittere, ungewollte Nostalgie. Das ist ein Heimweh, das in der Vergangenheit aufgeht, oft auch in Trugbildern von der sogenannten guten alten Zeit und den Orten, die wir mit ihr verbinden. So eine Nostalgie kann lähmen.
Die Nostalgie, die uns die Bibel lehrt, meint Franziskus, die ist eine andere. Sie erinnert an das Gute, das war, blickt dankbar auf den Schatz unserer Tradition – und zieht uns zugleich in die Zukunft.
"Es ist dies die Nostalgie des Pilgers, der vorwärtsgeht, nach vorne schaut, sich mit Schwierigkeiten auseinandersetzt und weiterkommt, wobei er stets ein tiefinneres Band zu den eigenen Wurzeln bewahrt. […] Die Christen verwalten keine "große Zukunft in der Vergangenheit". Ihre Nostalgie bezieht sich auf die Zukunft."[2]
"Pilger der Hoffnung": Das ist das Leitwort, das Papst Franziskus noch über das "Heilige Jahr" 2025 gestellt hatte. Franziskus, der in Argentinien als Sohn italienischer Einwanderer zur Welt kam und immer wieder auch eine produktive Unruhe gepredigt hat, auch aus den Erfahrungen seiner eigenen Biographie heraus: Ja, es braucht das Bewusstsein für die eigene Herkunft und Geschichte. Aber nicht, um sich darin zurückzuziehen. Nein: Wir sollen aus unseren Wurzeln Kraft ziehen. Und mit dieser Kraft und mit allem, was uns geschenkt ist, weitergehen.
Jesus öffnet die Tore für alle
Weitergehen. Für Jesus war es Lebensprinzip. Seine eigene Heimatstadt Nazareth hat er selbst nicht weiter hervorgehoben, er war dort nicht verwurzelt: Die Geburt in Bethlehem, dann die Flucht nach Ägypten und als Erwachsener eine Existenz als Wanderprediger. Kein fester Wohnsitz, kein geregeltes Einkommen, immer angewiesen auf andere. Sein Lebenswandel irritiert seine Verwandten, von Sinnen sei er, kommentieren sie, berichtet die Bibel. Ob ihn das gestört hat, sollte er es gehört haben? Wohl eher nicht. Denn so wie es keinen Ort gibt, der Jesus bindet, so scheinen auch Volk und Verwandtschaft, ja nicht einmal die engste Familie für ihn eine große Rolle zu spielen. Eine Geschichte aus dem Markusevangelium erzählt:
Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu [ihm] Jesus und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Mk 3,31-35)
Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Ich finde diesen Satz Jesu nicht besonders sympathisch. Wie würde es mir gehen, wenn ich meinen Sohn suchen und dann einen solchen Satz hören würde? Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Es ist der Schluss der Geschichte, der diesem Satz für mich das Verletzende nimmt: Es geht nicht darum, dass Jesus seine Verwandten vor verschlossener Türe stehen lässt. Entscheidend ist: Der Gottessohn öffnet die Tore für alle. Weil sie alle für ihn seine Familie, sein Zuhause ausmachen – alle die Menschen, die leben, wie Gott es sich erdacht, erträumt hat. Aufrecht. Mutig. Und mit weitem Herzen.
Einander ein Zuhause bereiten
Ein Samstagvormittag in Bayreuth. Es ist früh am Morgen. Ich radle von unserem Haus hinein in die Innenstadt, vorbei an meinem alten Gymnasium, durch den Hofgarten, durch den ich schon im Kinderwagen geschoben wurde. Ich höre die Glocken der Stadtkirche, in der meine Großeltern getauft wurden. Meine Heimatstadt eben. Vertraut. Selbstverständlich. Für mich. Nicht so für die Menschen, die ich an diesem Tag im Evangelischen Zentrum treffe: Aus unterschiedlichen Gründen haben die zwölf Männer und Frauen die Länder, in denen sie geboren wurden, verlassen und damit ihre Heimat. Sie mussten sich neu zurechtfinden: in einem anderen Land, in einer anderen Kultur. Hier. Mittlerweile sind sie angekommen und wollen jetzt weitergeben von ihren Erfahrungen an andere Menschen mit Migrationshintergrund. Kulturdolmetscher: So werden sie sich nennen, wenn sie diesen Kurs im Evangelischen Bildungswerk absolviert haben. Und es ist eine Voraussetzung für ihre spätere ehrenamtliche Tätigkeit, dass sie genau darüber nachdenken: Was macht die eigene und die fremde Kultur aus? Und: Was bedeutet Heimat für mich?
Und so sitzen wir an diesem Vormittag zusammen, erzählen und hören zu. Geschichten von Angst und Flucht, von Ankommen und Dankbarkeit. Und einem Heimweh, das bleibt. Weil trotz der Schrecken in den Herkunftsländern so viele schöne Erinnerungen mit ihnen verbunden sind und dort die Menschen leben, die man liebt. Heimat heißt Mutter, sagt die junge Frau aus dem Irak. Es ist einen Moment still im Raum. Heimat heißt Mutter.
Dann erzählt der Mann neben ihr, ein Muslim aus Syrien, dass ihm bei seinem Neubeginn hier ein Satz des Propheten Mohammed geholfen hat; er besagt, dass keiner ein wahrer Gläubiger ist, bis er für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht. Und der Mann beschreibt, wie Menschen – ganz unabhängig von ihrem und seinem Glauben – ihn hier genau in diesem Sinn behandelt haben, wie freundlich sie waren zu ihm. Sie haben ihm damit Deutschland zur Heimat gemacht. Und jetzt möchte er anderen, die neu hierher kommen, helfen, damit auch für sie Deutschland ein Zuhause werden kann.
Wie vertraut mir aus meinem Glauben ist, was der junge Syrer sagt. Ich denke an den Satz Jesu: Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. Gotteskinder, Menschengeschwister: Wir können einander ein Zuhause bereiten über die Grenzen der Länder, der Kulturen und auch der Religionen hinweg. Und dazu braucht es oft gar nicht viel: Wir setzen uns zusammen, so, wie an diesem Vormittag in Bayreuth. Wir sprechen miteinander über unsere Wurzeln und unsere Erfahrungen in der Weite. Wir hören einander zu, versuchen, zu verstehen. Wir zeigen dem anderen, dass er willkommen ist. Ein Minztee, ein Gruß, ein Lächeln – wie wertvoll selbst kleine Gesten sein können, wenn man fremd ist, habe ich ja selbst erst wieder in Marokko erlebt. Und auch das ist mir in den vergangenen Wochen neu bewusst geworden: Fremde sind wir alle. Auf dieser Welt – und überhaupt. Es bleibt ja eine letzte Heimatlosigkeit, ob wir nun gebürtige Oberfranken sind, Syrer oder Irakerinnen, Israeliten oder Marokkaner. Wir alle sind doch nur eine kleine Weile hier, Gäste auf Erden eben, die nie ganz zuhause sind. Weil wir noch woanders hingehören.