22.08.2018
Spiritueller Impuls

Die Liebeslyrik des Johannes vom Kreuz

Johannes vom Kreuz ist ein christlicher Meister der Gottesliebe. Der Weggefährte von Teresa von Ávila geriet in die Fänge der Inquisition - einige seiner schönsten Gedichte entstanden in einer finsteren Gefängniszelle. Die "dunkle Nacht" dort hat ihn geprägt - doch im Zentrum seines Denkens steht die Liebe Jesu Christi.
Quellentext Johannes vom Kreuz

 

Johannes vom Kreuz ist bekannt als "Lehrer der Dunklen Nacht", bei dem viel von Verzicht, Nada – Nichts, Abtötung usw. die Rede ist. So ist er uns Menschen des 20. Jahrhunderts überliefert worden.

Neuere Studien zeigen, dass das Leitmotiv seines Lebens die Liebe des Geliebten – Jesus Christus – zur Geliebten, der menschlichen Seele, ist.

Am Anfang des Lebens jedes Menschen steht der Geliebte, der die geliebte Menschenseele anschaut und die von diesem Blick bis ins Innerste getroffen wurde. Von daher ist das Schlüsselwort seiner Lehre die advertencia amorosa: das liebende Aufmerken (Achtsamkeit) der Menschenseele auf den sie liebenden Gott. Im zweiten Buch "Aufstieg auf den Berg Karmel" schreibt Johannes:

Gott spricht zum Menschen:

Wenn ich dir doch schon alles in meinem WORT, das mein Sohn ist, gesagt habe, was könnte ich dir dann jetzt noch antworten oder offenbaren, was mehr wäre als dieses?

Richte deine Augen allein auf ihn, denn in ihm habe ich dir alles gesagt und geoffenbart,
und du wirst in ihm noch viel mehr finden, als du erbittest und ersehnst;
er ist meine ganze Rede und Antwort, er ist meine ganze Vision und Offenbarung.
Und wenn du andere Visionen und Offenbarungen möchtest, dann schau auf ihn.

Wer also jetzt noch irgendetwas auf übernatürlichem Wege empfangen wollte, würde in Gott einen Mangel bemerken, dass er nämlich in seinem Sohn nicht alles in ausreichendem Maß gegeben hätte.

Johannes vom Kreuz macht klar, dass niemand sich Gottes Liebe verdienen kann, es auch nicht muss, sondern lernen soll, es Gott zu glauben, dass er ihn von Anfang an geliebt hat. Der Mensch Jesus von Nazareth – der Sohn Gottes – hat uns das gesagt in seiner Lehre und mit seinen Taten und Zeichen bezeugt; an ihm können wir erkennen, wer und wie Gott ist.

Damit wir Menschen es ihm glauben können, hat er den Mächtigen widerstanden, sich auf die Seite der Kleinen und Verachteten gestellt und denen Ansehen gegeben, die in den Augen der Menschen keines hatten; er hat die Doppelmoral der religiösen und politischen Führer entlarvt, auch wenn ihn das ans Kreuz gebracht hat, doch hat letztlich seine Liebe über Kreuz und Tod gesiegt.

Deshalb brauchen wir Menschen keinerlei andere Offenbarungen, Visionen oder Botschaften mehr:

Jesus ist Gottes ganze Rede und Antwort.

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