2.08.2019
Mischwesen in der Medizin-Forschung

Was Medizinethiker von Mensch-Tier-Experimenten in Japan halten

Die Forschung eines japanischen Mediziners, der menschliche Zellen in tierische Embryonen einbringt, ist von Medizinethikern in Deutschland unterschiedlich aufgenommen worden. Während einige vor ausufernden Experimenten warnen, sehen manche Wissenschaftler ganz andere Probleme.
Frau im Labor

Die Forschung eines japanischen Mediziners zu Mensch-Tier-Mischwesen hat in Deutschland eine medizinethische Diskussion ausgelöst. Die Münchner Medizinethikern Alena Buyx hält die Aufregung darüber für überzogen. "Da fällt nicht die Mensch-Tier-Grenze", sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd). Buyx ist Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Der hannoversche Medizinethiker Gerald Neitzke befürchtet hingegen, solche Experimente könnten weiter ausufern. Dann sei nicht mehr klar zu definieren, wann ein Wesen ein Mensch oder ein Tier sei. Wenn beispielsweise eines Tages Nervengewebe in ein Tier verpflanzt würde, um ein menschliches Gehirn zu züchten, verwischten die Grenzen, warnte er.

Buyx: Forschung an tierischen Embryonen, nicht menschlichen

Es sei wichtig zu verstehen, was in Japan wirklich passiere, sagte Buyx. Es gehe nicht um Forschung an menschlichen Embryonen, betonte die Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München. Bei der japanischen Forschung würden menschliche pluripotente Stammzellen in einen tierischen Embryo eingebracht, der sich im Frühstadium befindet. Es handle sich um Forschung an tierischen Embryonen, nicht an menschlichen. Das sei auch in Deutschland nicht verboten.

Die japanische Regierung hatte im März das Verbot aufgehoben, mit Tierembryonen, die menschliche Stammzellen enthalten, länger als 14 Tage zu experimentieren. Nun sind die Einbringung in einen tierischen Uterus und auch eine mögliche Geburt erlaubt. Ziel dieser Forschung ist es, Organe zu züchten, die auf Menschen übertragbar sind. "Es ist noch unklar, ob das irgendwann funktioniert und wenn ja, wann", sagte Buyx.

Wolf: Vorgehen der japanischen Forscher nicht aussichtsreich

Der japanische Forscher Hiromitsu Nakauchi verwendet menschliche Stammzellen aus noch nicht ausdifferenziertem Gewebe (wie Hautzellen), die nicht embryonalen Ursprungs sind. Er züchtet genetisch veränderte Tiere, denen beispielsweise die Anlage für die Bauchspeicheldrüse fehlt. Die menschlichen Stammzellen sollen die Lücke im Erbgut füllen und so ein menschliches Organ in einem Tier heranreifen lassen.

Der Münchner Molekularmediziner Professor Eckard Wolf hält das Vorgehen des japanischen Forschers nicht für aussichtsreich. Er forscht mit seinem Team an der sogenannten Xenotransplantation. Bei dieser sei das Ziel, Schweineorgane für die Transplantation im Menschen zu verwenden. Dafür müsse man die Spenderschweine genetisch modifizieren, um Abstoßungsreaktionen zu verhindern, sagte er dem Bayerischen Rundfunk in München. Wenn man einmal die richtige Konstellation an genetischen Modifikationen gefunden habe, könne man diese Tiere züchten, erklärte Wolf.

Neitzke: Tierschutz-Gesetz in Deutschland aktualisieren

Der Medizinethiker Neitzke forderte eine Debatte über Tierethik. Die Tierschutz-Gesetze in Deutschland reichten für die neuen Fragestellungen nicht aus, sagte der kommissarische Leiter des Instituts für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover dem epd.

Für die Münchner Medizinethikerin Buyx ist die Heilung schwerer oder tödlicher Krankheiten beim Menschen ein hochrangiges Ziel. Daher halte sie die Forschung für zulässig, sagte sie. Es sei aber wichtig, Leid bei den Tieren zu vermeiden und diese Forschung nur sehr sparsam und möglichst sorgfältig einzusetzen.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Gewissensfrage Organspende

Künftig sollen alle Menschen automatisch potentielle Organspender sein. Das möchte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) so einführen. Damit würde er dem derzeit in Österreich geltenden Recht folgen. Bisher ist es die Entscheidung jedes Einzelnen, ob ihm nach dem Tod Organe entnommen werden dürfen. Eine Gewissensfrage, bei der auch der Glaube eine Rolle spielt.