22.03.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Der Schmerz, sein Kind zu verlieren

Die Tochter von Frau G. ist vor Kurzem mit nur 38 Jahren völlig unerwartet gestorben. Und sie hat das Gefühl, dass niemand ihren Schmerz nachempfinden kann.
Herbstblätter am Boden mir Frost

Meine Tochter war erst 38. Letztes Jahr ist sie ganz unerwartet an einer schweren Erkrankung gestorben. Wir haben nicht damit gerechnet, sie ist auch nie zum Arzt gegangen.

Das alles ist für mich immer noch unfassbar. Ich suche nach Menschen, die mich verstehen, diesen Schmerz, dieses innere Suchen, die Zerrissenheit, dieses Gefühl: Das kann doch nicht geschehen sein! Wenn ich dann doch mal was Schönes erlebe, habe ich hinterher ein schlechtes Gewissen, als hätte ich meine Tochter verraten.

Neulich habe ich meiner besten Freundin – sie hat auch zwei erwachsene Kinder, wir kennen uns seit der Schwangerschaft – einmal gesagt: Ich wünsche mir so sehr, dass du spüren könntest, wie es innerlich in mir aussieht. Daraufhin hat sie gesagt: Wünschst du mir, dass mein Kind auch stirbt? Und ich bin furchtbar erschrocken …

Frau G.

Es gibt in der Jakobskirche in Nürnberg eine Figurengruppe aus der Gotik: Sie zeigt eine junge Frau, Maria, halb auf der Erde hockend, den Kopf geneigt. In ihren Armen liegt der tote Jesus, hineingeschmiegt in ihren Schoß wie ein müdes Kind.

Ich sehe immer wieder Menschen lange davor stehen. Als ich Ihren Brief gelesen habe, ist mir deutlich geworden, wie groß die Sehnsucht ist, mit der Trauer um ein Kind nicht alleine zu sein, jemanden in der Nähe zu haben, von dem man spürt: Die kennt das, die hat das auch durchgemacht.

Man kann in diese Maria in der Jakobskirche hineinsehen, hineinprojizieren, was an eigenen inneren Gefühlen in einem abläuft und was so unbeschreiblich schwierig auszudrücken und auszuhalten ist. Ich kann in diese Gestalt hineinlegen, was ich selber in diesem Moment unerträglich finde – und zugleich spüren: Ich bin nicht allein mit meinem Schmerz.

Beides sind unabdingbare Schritte, um nach dem Weg durch die Trauer hindurch zu finden zum eigenen Leben, das sich so verändert hat.

Für Sie steht an Stelle von Maria Ihre Freundin. Es verbindet Sie viel mit ihr. Das hat in dem Moment, den Sie schildern, dazu geführt, dass Sie Ihr eigenes Schicksal mit ihrer Gestalt verbunden haben, Ihre eigene Trauer und Sehnsucht in sie hineingelegt, auf sie projiziert haben.

Sie haben in ihr genau das gesucht, was Sie als Ihren großen Wunsch schreiben: jemanden zu finden, der das, was Ihnen zugestoßen ist, wie Sie fühlt und trägt. Ihre Freundin hat das gemerkt. Sie ist Ihnen ja nahe, sonst wäre es nicht Ihre Freundin. Aber sie hat in diesem Moment nicht unterscheiden können, um wen es eigentlich geht. Redet die von mir?, hat sie gedacht. In Wirklichkeit – in der inneren, seelischen Wirklichkeit, die manchmal ganz reale äußere Gestalt annimmt – haben Sie aber von sich selbst geredet, von Ihrer Trauer, von Ihrem Kind.

Nein, Sie wünschen Ihrer Freundin nicht, dass deren Kind stirbt. Sie wünschen sich, dass Sie mit dem Sterben und dem Tod Ihrer Tochter weiterleben können, so gut das eben geht. Dafür braucht es Menschen an Ihrer Seite. Solche gemeinsamen Momente sind ein wichtiger Schritt auf Ihrem Trauerweg ins Leben.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt