25.03.2018
Jakobs-Pilgern

Pilgern als Trauerarbeit

Pilgern, wenn jemand gestorben ist. Auf den Spuren der Trauer begeben sich Jakobs-Pilger, die einen Angehörigen verloren haben.
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Jürgen Meyer hat für seinen Stein einen wunderschönen Platz gefunden. Er legt ihn bei der letzten Etappe einer nicht alltäglichen Pilgerreise in der Nähe der Ammerschlucht auf einer sonnigen Wiese unter einen blühenden Obstbaum. Acht Menschen, die den Tod eines geliebten Angehörigen bewältigen müssen, sind zusammen auf dem Weg "Gehen-trauern-wandeln" in der Woche vor Ostern unterwegs. Das Angebot macht die evangelische Stadtakademie München bereits seit einigen Jahren auf dem Jakobsweg in Oberbayern. Diesmal führt in der Karwoche ein solcher Pilgerweg erstmals durch Franken: von Forchheim nach Heilsbronn.

Pilgern, weil die Frau an Krebs gestorben ist

Im August 2016 starb Jürgen Meyers Frau nach vier Jahren an Krebs. Die lange Zeit, die der damals 52-Jährige die Ehefrau begleitete, ist gut, aber belastend gewesen. Nun steht er vor der übermächtigen Frage: Wie soll es weitergehen? Die Kinder sind aus dem Haus, den Beruf empfindet er als nicht mehr so erfüllend. Meyer sucht sich Hilfe, spricht mit Trauerbegleitern, trifft bei einer Lesung Michael Kaminski, der ihm vom Trauerpilgern erzählt. Er meldet sich sofort an. "Das war dann ein Stern am Himmel, dem ich durch diesen dunklen Winter folgen konnte", erinnert sich Meyer an seine Pilgerreise 2017.

Kaminski, Religionspädagoge und Pilgerbegleiter, hat mit seinem Freund Tobias Rilling von der Johanniter-Unfallhilfe das Konzept für das Trauer-Pilgern erarbeitet. Gedacht haben sie dabei vor allem an Leute, die mit ihrer Trauer in einem Loch sitzen und nicht mehr rauskommen.  "Freunde wollen die traurige Geschichte des Verlusts nicht mehr zum 15. Mal hören oder haben keine Kraft mehr dazu", erklärt Kaminski. Bis zu 13 Leute gehen mit, vier Pilgerbegleiter sind an ihrer Seite. An dem Kurs nehmen inzwischen Menschen aus ganz Deutschland teil.

 

Michael Kaminski beim Pilgern
Michael Kaminski hat das Pilgern neu entdeckt: Er begleitet Menschen in einer Umbruchsituation - Trauernde, Geschiedene oder Rentner.

Pilgern in der Karwoche

Ganz bewusst hat Kaminski den Pilgerweg in die Karwoche gelegt. Wenn die Teilnehmer nach fünf Etappen wieder in den Alltag zurückkehren, können sie am Osterfest "das Pilgern nachklingen lassen". Dass in der Zeit vor Ostern das Frühjahrswetter noch recht wechselhaft ist, passt auch in Kaminskis Konzept. "Beim Regen kann vielleicht manche Träne leichter fließen". "Wir wollen nicht die Trauer wegmachen, sondern sie ins Leben integrieren."

Nun darf man sich das gemeinsame Gehen der Trauernden wohl nicht nur als eine bedrückte Gesellschaft vorstellen, klärt der Pädagoge auf. Wer seine zuletzt weggedrückte Trauer wieder zulasse, der lasse auch die Heiterkeit und Fröhlichkeit wieder zu. Immer wieder hat er erlebt, dass die Pilgergruppe albernd abends im Gasthaus beim Essen saß. "Wenn die anderen wüssten, was wir für eine Gruppe sind", hieß es dann meist. Aber ganz schnell könne die Stimmung auch wieder umschlagen.

Es kommt die Zeit wieder, da hat man Freude am Leben und an den Dingen, die einem immer Freude bereitet haben, hat eine Mitpilgerin Andrea Bockholt-Krug gesagt, als sie vor acht Jahren am Trauerpilgern teilnahm. "Es gilt, geduldig zu sein." Damals war Bockholt-Krugs Mann kurz zuvor sehr schnell gestorben. Und sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie mit ihrem "unbeschreiblichen Schmerz" umgehen sollte. "Man muss sich neu erfinden, das ist sehr schwierig", sagt sie. Bis heute sei für sie das Pilgern eine "großartige Möglichkeit, zu reflektieren und sich zu sortieren".

Trauerpilgern verbindet Menschen

Zu den Menschen, mit denen sie damals gemeinsam das Trauerpilger unternahm, hat Bockholt-Krug immer noch Kontakt, sie nennt sie "Pilgergeschwister". "Jeder war in einer anderen Phase seiner Trauer", erinnert sie sich. Aber die gemeinsame Ebene war sofort gefunden. "Wir mussten uns nicht erklären, jeder wusste was die anderen für schmerzliche Erfahrungen durchmachen."

"Die Gruppe wird als sehr entlastend empfunden", sagt Pilgercoach Kaminski. "Trauerpilger halten sich nicht beim Small Talk auf." Frauen und die wenigen teilnehmenden Männer, die meist Ehepartner oder ihr Kind, vielleicht auch die Eltern verloren haben, müssen ihre Gefühle nicht verstecken. Welches Gewicht man mit sich herumträgt, symbolisiert der Pilgerstein, den sich jeder Wanderer zu Beginn des Wegs in der Natur sucht und nach der letzten Etappe zurücklässt. "Da konnte ich wieder etwas hinter mir lassen", beschreibt Jürgen Meyer sein Gefühl, als er den Stein unter den Apfelbaum legte.

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