1.02.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Heimlicher Schöngeist im Start-up-Unternehmen

Ist von gestern, wer Belletristik liebt? Ein junger Mann hat in seiner sehr hippen und innovativen Digitalfirma das Gefühl, er müsse dort seine Liebe zur Literatur verheimlichen.
Sitzender Mann mit aufgeschlagenem Buch

Ich komme aus einem Elternhaus, in dem sich fast alles ums Geld drehte. Äußerlichkeiten spielten eine große Rolle, Status, Erscheinungsbild, Auftreten. Erst in einer evangelischen Jugendgruppe habe ich gelernt, dass es auch etwas anderes gibt. Vor allem habe ich dort die Welt der Literatur entdeckt. Wir sahen uns regelmäßig die Bestsellerlisten an, wählten für uns ein "Buch des Monats" und gründeten eine Gemeindebücherei für unsere Kirche.

Nach einem technischen Studium habe ich einen Arbeitsplatz in einem Start-up-Unternehmen gefunden. Die Begeisterung der Kollegen, das innovative, jugendliche Klima, die Risikobereitschaft, das alles spricht mich sehr an.

Neulich gab es zum ersten Mal einen Konflikt. Als ich beiläufig von meinem Lesehobby erzählte, erntete ich mitleidige Blicke und Kommentare à la: Lesen im digitalen Zeitalter ist doof. Schöngeistiges sei von gestern. Es nehme viel zu viel Zeit in Anspruch. Was man brauche, lade man sich aus dem Netz herunter, damit bekomme man alles. Auf eine gewisse Art begegne ich wieder meinem Elternhaus. Ein neuer Jargon, aber der alte Geist: Gut ist, was sich schnell zu Geld machen lässt.

Gerade weil ich so viel von unserem Team halte, lasse ich mich doch, mehr als mir lieb ist, verunsichern, fröne meinem Hobby nur noch heimlich und erzähle gar nichts mehr davon.

Herr F.

Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie aus der Heimlichkeit herausfinden und selbst-sicher und selbst-bewusst zu Ihrem Hobby stehen können. Denn:

1. Liebe zur Literatur ist Liebe zum Leben. Jedenfalls liegt eine ganze Portion Lebenskunst darin. Lesen sei eine Seinsweise, sagt die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich. Es geht nicht darum, ob ich Zeit dazu habe, sondern ob ich mir das Glück leiste, zu lesen. Es ist wie mit der Liebe – keine Zeit dazu? Kaum verwunderlich, dass sie es genau umgekehrt wie Ihre Kollegen formuliert: Nicht lesen ist doof.

2. Bücher sind wie Menschen. Sie wollen gesehen, berührt und gewürdigt werden. Sie sprechen all unsere Sinne an. Sie stellen uns infrage, schenken uns Gewissheit, stiften Nähe oder Distanz, lassen uns lieben, machen uns wütend, bringen uns zum Weinen und wecken unsere Träume. Ein gutes Gegengewicht zu den schnellen Takten des digitalen Zeitalters.

3. Lesen bedeutet Lebensverlängerung. Jedenfalls nach einer englischen Langzeitstudie mit 2000 Teilnehmenden. Natürlich, Lesen nimmt Zeit in Anspruch, ja doch. Vor allem aber nimmt es uns in Anspruch und darin schenkt es uns Zeit, gefüllte Zeit, Lebenszeit.

Die klassische Einladung zum Lesen stammt übrigens aus Kindermund und kommt aus dem 4. Jahrhundert. In einem Mailänder Garten sitzt ein Lebemann. Verzweiflung hat ihn erfüllt. Da hört er aus dem Nachbarhaus die Stimmen spielender Kinder. Tolle lege, rufen sie sich zu: Nimm und lies.

Für Augustinus wird alles anders. Er schlägt die Bibel auf, das Buch der Bücher, und aus dem oberflächlichen Genussmenschen wird der große Kirchenvater des Altertums. Lesen – eine Wende zum Leben. Immer wieder und bis auf den heutigen Tag.

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