15.03.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Liebesheirat oder Vernunftehe?

"Bis dass der Tod uns scheidet": Sollte man bei der Eheschließung lieber auf das Herz oder den Verstand hören?
Ehepaar bei der Hochzeit mit Gymnastikschuhe

Ich habe zwei Partnerschaften hinter mir, und beide scheiterten nach demselben Muster. Eine unendliche, wunderbare, alles verzaubernde Liebe am Anfang mit Schmetterlingen im Bauch und dem Gefühl, im siebten Himmel zu sein. Nach einem Jahr dann das Ende des Verliebtseins, nach einem weiteren Jahr das Ende der Beziehung. Mich macht das schon nachdenklich, denn in früheren Freundschaften mit ganz unterschiedlichen Frauen ist es mir sehr ähnlich ergangen. Die Ehe eines Kollegen hat etwa zur selben Zeit begonnen und ist jetzt auch auseinandergegangen. Seitdem diskutieren wir im Freundeskreis, zu dem auch Singles gehören, ob es nicht wirklich an dem Ideal der Liebesheirat liegt, dass heute so viele Ehen scheitern. Allein die Vernunftehe sei vernünftig, sagte einer.

Herr D.

Mir fallen Verse von h.-c. flemming ein: "mit so / verschiedenen frauen / so ähnliche / erfahrungen: // da komm ich / an mir selbst / nicht mehr vorbei." Kompliment also, wenn Sie nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern zunächst einmal bei sich selbst nachschauen wollen.

Liebesheirat oder Vernunftehe? Ich nehme das "oder" heraus und setzte dafür ein "und": Liebesheirat und Vernunftehe. Beide Aspekte sind wichtig. Wer sich nicht verlieben kann, wird womöglich ein Leben lang im Elternhaus bleiben oder sonst an einer Stelle im Leben verharren. Oft genug führt uns erst dieses Verliebtsein in das Abenteuer einer neuen Beziehung. Dazu gehören die Schmetterlinge im Bauch und der siebte Himmel.

Was kommt danach? Nach dem ersten Jahr? Die Schmetterlinge haben sich verabschiedet, der siebte Himmel auch. Gelingt es, das Abenteuer in den Alltag zu überführen? Die Beziehung zu vertiefen, zu erweitern, zu festigen? Anzupacken, was vernünftig ist? Hier scheint bei Ihnen der kritische Punkt zu liegen. Der kritische, aber auch der kreative Punkt. Also: Was passiert nach dem ersten Jahr?

Jetzt will zunehmend der Alltag gestaltet werden, und dazu bedarf es bestimmter Fähigkeiten und Einstellungen. Offenheit und Austausch gehören dazu, Wertschätzung und Interesse, Klarheit und Kompromissbereitschaft, Gleichwürdigkeit und Respekt im Kontakt. Wie geht es Ihnen hier? Was gelingt Ihnen, und wo erleben Sie Grenzen oder gar Defizite?

Einen Schritt weiter. Fallen Ihnen – immer noch beim Stichwort Nachdenklichkeit – vielleicht Erwartungen ein, die einer Partnerin das Leben schwer machen? Manche Menschen wollen in der Verschmelzung verharren, andere wieder ganz zu den eigenen Wegen zurückkehren. Manche erwarten einen Mutterersatz oder eine Bewunderin oder eine Psychotherapeutin oder sonst eine Hilfskraft an ihrer Seite. Erkennen Sie sich an irgendeiner Stelle wieder?

Falls Sie sich jetzt überfordert fühlen, dann ermutige ich Sie sehr, sich bei einer Beratungsstelle für Ehe- und Familienfragen Unterstützung zu suchen. Was Sie jetzt an Zeit und Mühe investieren, wird sich reichlich lohnen. Vor allem auch dann, wenn die Schmetterlinge wieder einmal zurückkommen sollten und sich der siebte Himmel öffnet.

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