10.05.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: "Das kann doch nicht alles gewesen sein"

Ein bekanntes Lied von Wolf Biermann geht so: "Das kann doch nicht alles gewesen sein. Da muss doch noch irgendwas kommen – nein? Da muss doch noch Leben ins Leben – eben." Was tun, wenn sich das eigene Leben so anfühlt?
Skulptur eines Mannes mit Kopf in den Händen

Bei meinem Problem fallen mir immer wieder die Verse von Wolf Biermann ein. Sie kennen sie sicherlich: "Das kann doch nicht alles gewesen sein / Da muss doch noch irgendwas kommen – nein? / Da muss doch noch Leben ins Leben – eben."

Ich nähere mich meinem 50. Geburtstag und frage mich, wie es weitergehen soll. Das Häuschen ist abbezahlt, die Kinder haben das Nest verlassen und bauen sich eine eigene Existenz auf. Beruflich habe ich alles erreicht. Meine Frau fühlt sich wohl in ihrer Arbeit und engagiert sich darüber hinaus noch in Ehrenämtern. In unserer Partnerschaft geht es uns gut. Wir erleben Wertschätzung für einander, hören einander zu, und ich finde viel Unterstützung bei ihr.

Gesundheitlich bin ich noch einigermaßen stabil, wenn auch die ersten Zipperlein kommen, aber es könnte schlimmer sein. Im Freundeskreis gibt es die ersten Todesfälle, in der Verwandtschaft melden sich chronische Krankheiten.

Was mir am meisten auffällt, ist eine gewisse innere Blockierung. Ich kann beschreiben, wie es mir geht und was mir fehlt, aber es ist wenig Änderungsenergie da. Ich warte auf Impulse von außen, aber auch da kommt wenig.

Herr W.

Außenimpulse gehören vor allem zur ersten Lebenshälfte, und zwar von klein an. Die Kindergartenzeit. Dann die Schule. Dann die Berufsausbildung. Dann kommt (für viele) die Partnerschaft, dann die Familienzeit. Parallel dazu die ersten Schritte auf der Karriereleiter.

So um die Lebensmitte herum ist vieles von dem erledigt. Die Kinder sind flügge geworden. Das Häuschen ist abbezahlt. Beruflich hat man ein gewisses Ziel erreicht. Die Partnerschaft ist gefestigt (so sie denn überhaupt noch besteht). Und jetzt?

Jetzt kommen die entscheidenden Impulse nicht mehr von außen. Sie müssen von innen kommen, wenn das Leben seine Spannkraft und seine Frische behalten soll. Neue Ziele wollen formuliert, neue Aufgaben entdeckt, neue Herausforderungen geschaffen werden. Und genau an dieser Stelle spüren Sie eine Blockierung. Rien ne vas plus, nichts geht mehr.

Was tun? Hier ist eine neckische Idee. Sie kommt aus einer "Therapeutischen Werkstatt" in England, in der es um "Erotik im Alter" ging. Die Teilnehmenden erhielten die Aufgabe, einen möglichst knappen Beitrag zu schreiben, in dem vier Schlüsselworte vorkommen müssen: Religion, Regierung, Sex, Geheimnis. Der preisgekrönte Beitrag lautete: "Mein Gott, sprach die Königin, ich bin schwanger. Ich frage mich, wer das wohl war!"

Sie merken, das ganze geschah in England, wobei ich, gentlemanlike, nicht verrate, wie alt die Queen ist. Aber die Idee finde ich schön, weil sie etwas Leichtes und Humorvolles und dennoch Öffnendes enthält. Innere Blockierungen sind ziemlich hartnäckig, wenn man sie frontal angeht. Aber wenn man sie zum Schmunzeln bringt, schmelzen Sie oft dahin.

Was halten Sie davon, wenn Sie – und super, wenn Sie Ihre Frau zum Mitmachen gewinnen könnten! – einen möglichst knappen Beitrag zu Papier bringen mit den Schlüsselworten Religion, Älterwerden, Sinn, Geheimnis. Sollten Sie daran Gefallen finden, dann wiederholen Sie diese Übung doch. Ein paar Wochen lang vielleicht. Immer wieder einmal. Mit den Schlüsselworten, die Ihnen und Ihrer Frau dazu einfallen.

Vielleicht erleben Sie dabei einen Durchbruch, und das rechtzeitig zum 50. Geburtstag. Dann könnten sie alle einstimmen, Sie selbst und Ihre Lieben, und es würde sicherlich ganz ausgelassen klingen: Happy Birthday!

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