2.01.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Weshalb Oma einen Computer haben sollte

Ihr verstorbener Mann lehnte das Internet als "Teufelszeug" ab - aber jetzt fragt Frau T.s 14-jähriger Enkel immer öfter: "Oma, warum kaufst du dir nicht doch einen Computer?"
Computertastatur rosa Hintergrund

Ich bin 72 Jahre alt, lebe selbstständig in einer kleinen Wohnung und möchte mir diese Unabhängigkeit noch möglichst lange erhalten. Momentan geht es mir auch noch sehr gut. Ich komme ohne größere Einschränkungen zurecht.

Nun hat mich meine Tochter jahrelang gedrängt, mir doch einen Computer anzuschaffen. Ich selbst stand dem offen gegenüber, aber mein Mann hat das vehement abgelehnt. Er sprach von "Teufelszeug" und versuchte mir immer wieder zu erklären, dass vor allem das Internet vom Teufel sei. Mit ihm sei der Gewalt, dem Missbrauch, der Ausbeutung Tür und Tor geöffnet.

Nun ist mein Mann seit zwei Jahren tot, und das Thema schien erledigt. Jetzt die Überraschung: Mein 14-jähriger Enkel, der mich immer wieder besucht und mit dem ich mich prima verstehe, fängt an zu fragen: "Oma, warum kaufst du dir nicht einen Computer?" Auf meine Reaktion "Ach, mir ist das zu kompliziert" antwortet er mit einem total gewinnenden Lächeln: "Oma, ich helfe dir. Wir kriegen das hin."

Ergebnis: Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Teufelszeug meines Mannes und dem Werben meines Enkelkinds.

Frau T. (72)

Ihr Mann hatte sicher schlimme Bilder vor Augen, und die gibt es zweifellos. Nur wenn man schon den Gehörnten bemühen will: Das Teuflische liegt beim Menschen. Alles können wir gebrauchen oder auch missbrauchen.

Nun kommt es zu einem Neuansatz, und dafür gebührt Ihnen beiden Anerkennung. Ihnen für Ihre Offenheit und Ihrem Enkelkind für die Unbekümmertheit, mit der es auf Sie zugeht. Ein paar Stichworte von meiner Seite aus. Es sind Erfahrungen, die für das Internet gerade im Alter sprechen:

Selbstständigkeit. Ältere Menschen berichten immer wieder, dass sie mit dem Netz selbstständiger und selbstbestimmter leben können. Sie fühlen sich nicht abgehängt und ausgegrenzt, sondern können sich jederzeit in den Fluss des Zeitgeschehens einbringen, und das trage sehr zu ihrem Wohlbefinden bei.

Erleichterung. Das Internet kann bei der Unterstützung und Bewältigung des täglichen Lebens helfen. Ein paar Klicks und ich bekomme Informationen über Medikamente oder Kochrezepte oder Gymnastikübungen oder sonst etwas. "Es erspart mir sehr viel Lauferei", sagte neulich jemand.

Beweglichkeit und Teilhabe. Das Internet öffnet ein Tor zur weiten Welt. Es lädt dazu ein zu lesen, zu forschen, sich zu informieren und auseinanderzusetzen. Vor allem ermöglicht es Kontakte über weite Entfernungen hinweg. Lange verschollene Verwandte oder alte Klassenkameraden sollen dabei schon aufgetaucht sein.

Zum Schluss: Vielleicht wollen Sie sich auch noch einmal bei Gleichaltrigen erkundigen und nach deren Erfahrungen fragen. Immerhin besitzen heute fast 55 Prozent der über 65-Jährigen einen Computer und nutzen das Netz. Dann gibt es natürlich Kurse in den Volkshochschulen, wo man sich Wissen und Erfahrungen aneignen kann.

Aber was ist das alles gegenüber dem Charme und dem Witz Ihres Enkelkinds, das Ihnen gerne zur Seite stehen wird. Ein Gewinn für beide Seiten und unbezahlbar doch, oder?

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