9.01.2019
Spiritueller Impuls

Edith Stein: durchs Dunkel zu Gottes Liebe

Als Frau und Jüdin hatte Edith Stein (1891-1942), die hochbegabte Philosophin, keine Chance auf eine Uni-Karriere. In der Lebenskrise entdeckte die junge Frau das Christentum und trat den Karmelitinnen bei. 1942 ermordeten die Nazis die Nonne im KZ Birkenau. Sr. Nicole Grochowina beleuchtet aus ihrer eigenen Gebetspraxis, welche Kraft für Edith Stein in der Mystik lag.
quellentext edith stein

 

In Verborgenheit und Schweigen vollzieht sich das Werk der Erlösung.
In der stillen Zwiesprache des Herzens mit Gott werden die lebendigen Bausteine bereitet, aus denen das Reich Gottes erwächst, die auserlesenen Werkzeuge geschmiedet, die den Bau fördern.
Der mystische Strom, der durch alle Jahrhunderte geht, ist kein verirrter Seitenarm, der sich vom Gebetsleben der Kirche abgesondert hat – er ist ihr innerstes Leben.
Wenn er die überlieferten Formen durchbricht, so geschieht es, weil in ihm der Geist lebt, der weht, wo er will: der alle überlieferten Formen geschaffen hat und immer neue schaffen muss.

(Edith Stein)

In den Gebetszeiten meiner Gemeinschaft bete ich oft vor dem Vaterunser, dass wir uns nun im Gebet mit all jenen vereinigen mögen, die vor uns Gott angebetet haben; mit allen, die dies heute tun; und mit denen, die dies nach uns tun werden.

In diesen Momenten geht es mir dann meist wie in einer durchbeteten alten Kirche:

Plötzlich ist der Strom des Gebets,
der Zeit und Ewigkeit verbindet,
fast zum Greifen nahe,

und es wird deutlich, wie sehr wir alle in eine jahrtausendealte Hoffnung hineingestellt sind, die uns weit übersteigt und immer wieder neu ihren Ausdruck sucht.

Dieser Gebetsstrom, der das Lob Gottes singt, jubelt und schweigt, der aber auch die Klage der Angst und des ungelebten Lebens mit und ohne Worte herausschreit,

er ist der Herzschlag einer Kirche,

die aus lebendigen, weil betenden Bausteinen besteht. Er ist – so sagt es Edith Stein – ihr »innerstes Leben«; voller Licht Gottes und mit einer leisen Kraft ausgestattet, die nicht aus Strukturen, sondern aus dem Geist Gottes lebt.

Im Zerbruch unserer Welt mit all ihrem Kriegsgeschrei hat dieses Gebet nur eine leise Stimme, aber unterschätzen wir es nicht, denn: Der Grund der Hoffnung, die in der stillen Zwiesprache unseres Herzens mit Gott Gestalt gewinnt und das Gebet formt, ist der lebendige Gott selbst. Seine Zusage des Lebens ist unverbrüchlich.

So begleitet er uns durch die fröhlichen und bitteren Tage unseres Lebens, bis er uns ganz aufnimmt ins Land der Lebendigen, in dem alle Hoffnung zum Ziel findet.

 

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Autor
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