Bildung
Wie werden aus Jugendlichen glückliche Menschen? Diese Frage stellen sich viele engagierte Lehrer. Am Gymnasium Limmer in Hannover hat das Fach Glück seinen festen Platz im Stundenplan. Die Schüler sollen herausfinden, was ihnen guttut.

Jacomo Barrigas Weg zum Glück hat einen Namen: "Planche". "Viele wissen nicht, was das ist", sagt der 15-Jährige und fängt sofort begeistert an zu erklären.

"Planche" sei eine Sportübung, bei der man sich mit Armen aufstütze und den gesamten Körper ausgestreckt parallel zum Boden in der Luft balanciere. "Dafür braucht man richtig Kraft", sagt Jacomo und strahlt. Und das macht glücklich? "Klar", sagt er, "wenn man übt, wird man jeden Tag besser, man merkt, was in einem steckt - das macht sogar sehr glücklich."

Dass Jacomo sich dieses ehrgeiziges Ziel gesetzt hat, ist nicht nur den zähen und trüben Lockdown-Monaten geschuldet. Es liegt vor allem an seiner Schule.

Auf dem Gymasium Limmer wird das Fach Glück unterrichtet

Jacomo besucht die achte Klasse des Gymnasiums Limmer in Hannover, und das Sportprojekt, das er mit so viel Leidenschaft verfolgt, ist fest in seinen Stundenplan integriert. Immer montags von 9.55 bis 11.30 Uhr steht dort das Unterrichtsfach Glück auf dem Stundenplan.

Leistungsdruck, Handysucht, Konzentrations- und Schlafstörungen, Zukunftssorgen: Ohne Zweifel können Jugendliche eine ordentliche Lektion in Sachen Lebensglück gebrauchen. Das war schon vor der Corona-Krise so. Die Pandemie aber hat die Probleme verschärft.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem März dieses Jahres gaben 61 Prozent der befragten Jugendlichen an, sich teilweise oder dauerhaft einsam zu fühlen, 64 Prozent stimmten zu, psychisch belastet zu sein, 69 Prozent klagten über Zukunftsängste.

Glückstrainer Dominik Dallwitz-Wegner bietet Fortbildungen zum Thema "Glück"

Am Gymnasium Limmer fühlen sich Lehrerin Nina Reinecke und Lehrer Tobias Hirschmüller für das Glück ihrer Schüler besonders verantwortlich. Sie wissen auch, warum die "Planche" Jacomo so am Herzen liegt. Es sei die Selbstwirksamkeit, die der Schüler erlebe - das gute Gefühl, das sich einstellt, wenn es gelingt, eine Hürde zu nehmen, eine schwierige Aufgabe zu bewältigen und daran zu wachsen.

Reinecke und Hirschmüller haben bei dem Hamburger Glückstrainer Dominik Dallwitz-Wegner eine rund einjährige Fortbildung absolviert, um das Fach Glück an ihrer Schule anbieten zu können.

Lehrerin Reinecke: Leben und Glück aktiv gestalten

"Ich möchte meine Schüler befähigen, ihr Leben und ihr Glück aktiv in ihre Hände zu nehmen. Das ist für mich ein zentraler Bildungsauftrag", sagt die 41-jährige Reinecke, die auch Kunst, Werte und Normen sowie Philosophie unterrichtet.

Hirschmüller berichtet, dass die Sehnsucht seiner Schüler nach Antworten auf die wesentlichen Fragen des Lebens groß sei. "Wer bin ich, was kann ich, was will ich und was benötige ich dafür? - das sind Fragen, die wir im Fach Glück mit den Schülern bearbeiten", sagt der 31-Jährige.

2007 führte Oberstudiendirektor Ernst Fritz-Schubert "Glück" als Unterrichtsfach ein

Die Idee, das Glück an der Schule fest im Fächerkanon zu verankern, hatte der Heidelberger Oberstudiendirektor Ernst Fritz-Schubert. Der ehemalige Leiter der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg führte "Glück" 2007 ein, um das Klima an seiner Schule und das Wohlbefinden seiner Schüler zu verbessern.

Das Projekt war so erfolgreich, dass Fritz Schubert ein Fortbildungsinstitut gründete. Am Fritz-Schubert-Institut in Heidelberg, für das auch Dallwitz-Wegner als Glückscoach tätig ist, haben sich inzwischen mehr als 700 Lehrer weiterbilden lassen. Glücksschulen gibt es bundesweit, unter anderem im niedersächsischen Göttingen, Duderstadt und Vechta sowie in Bremen, aber auch in Österreich, Italien und der Schweiz.

Nachfrage nach Glücksfortbildungen ist gestiegen

Glück liegt also im Trend? "Ja", bestätigt Dallwitz-Wegner, "das Interesse an unseren Glücksfortbildungen ist groß und durch die Corona-Pandemie nochmal gestiegen." Obwohl entwicklungspsychologisch längst klar sei, was junge Menschen an Rüstzeug benötigten, um ein gelingendes Leben zu führen, spiegele sich das im pädagogischen Alltag der Schulen häufig nicht wider.

Die Ansicht, dass Lehrer dafür da seien, fächerspezifisches Wissen zu vermitteln, und alles darüber hinaus in den Familien stattzufinden habe, sei noch immer verbreitet, sagt der Soziologe. "Viele Lehrer aber sehen die Nöte ihrer Schüler und wollen sie stärken."

Projekte und Gespräche sollen den Schülern Glück näher bringen

Veronika nimmt diese Stärkung dankbar an. Die 14-Jährige mag die Meditation am Anfang der Stunde, und sie freut sich, dass ihr das Fach Glück Zeit gibt, ihren Interessen nachzugehen. "Ich lerne jetzt Gebärdensprache. Das wollte ich schon lange, aber ich kam bei den vielen Dingen, die ich für die Schule machen muss, nie dazu."

Nicht immer sind es die Projekte, die die Schüler ihrem Glück ein Stück näherbringen, manchmal sind es auch die Gespräche untereinander oder mit den Lehrern. Juliet Amoah zum Beispiel berichtet, dass ihr der Unterricht bewusst gemacht habe, dass sie mehr an die frische Luft müsse. "Ich hatte einen richtigen Vitamin-D-Mangel, weil ich zu viel drinnen hocke."

Weniger Zeit am Handy, mehr Schlaf

Ihre Freundin Dorna Saree achtet jetzt darauf, ihr Handy häufiger aus der Hand zu legen. "Ich war immer nur allein und am Handy", sagt sie. Jetzt verabrede sie sich, spiele mit ihrem Bruder. "Es geht mir schon viel besser."

Anastasiia Lebedynskas Glücksprojekt ist der Schlaf. "Mein Ziel ist es, ruhiger zu werden und besser zu schlafen", sagt die 13-Jährige. Sieben bis neun Stunden Schlaf seien ideal, hat sie recherchiert. "Ich komme manchmal nur auf fünf Stunden." Anastasiia notiert in ihren Collegeblock, was guten Schlaf ermöglicht. Beim Einschlafen nicht auf das Handy schauen und sich nicht abends schon wegen des nächsten Tages stressen, steht da. "Am besten macht man seinen Kopf leer."

Ergebnisse aus dem Fach Glück werden benotet

Die Lehrer betonen, dass es im Fach Glück darum gehe, etwas zu lernen und zu schaffen - so wie in allen anderen Fächern auch.

Sechs Wochen haben die Schüler Zeit für ihre Projekte. Sie müssen ihre Fortschritte dokumentieren, Zwischenberichte einreichen, eine multimediale Präsentation halten - und sie werden benotet, genauso wie in Mathe, Englisch, Bio. Für Reinecke ein wichtiger Aspekt. "Glück ist ein gleichberechtigtes Fach", sagt sie.

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