Frankreich erlebt einen Herbst der Wut. Was an Schulen begann, hat sich zu einem breiteren Protest gegen soziale Ungleichheit, politische Ausgrenzung und die Politik von Präsident Emmanuel Macron entwickelt. Die Regierung spricht von gewaltbereiten Extremist:innen, rechte Stimmen machen Islamismus und angeblich unkontrollierter Migration verantwortlich, linke kritisieren die Polizeigewalt. 

Doch wer die Proteste verstehen will, muss fragen, warum junge Menschen auf die Straße gehen, was sie an Schulen und Gesellschaft verändern wollen – und weshalb so viele das Vertrauen in die politische Führung verloren haben.

1. Vom Protest an den Schulen zur landesweiten Mobilisierung

Es begann mit einem Konflikt, der im politisch bewegten Frankreich lange unterschätzt wurde. Schüler:innen protestierten gegen überfüllte Klassen, fehlende Lehrkräfte und den schlechten Zustand ihrer Schulen. Seit Mitte September blockierten Jugendliche in verschiedenen Städten Frankreichs ihre Bildungseinrichtungen. Aus diesen einzelnen Aktionen entwickelte sich eine landesweite Bewegung, die zunehmend auch Studierende und andere gesellschaftliche Gruppen mobilisierte.

Die Protestierenden kritisieren nicht nur konkrete Missstände im Bildungswesen. Sie sehen sich auch mit einer Politik konfrontiert, die ihre Probleme nicht ernst genug nimmt. Gespräche mit Regierungsvertretern und die Ankündigung zusätzlicher Lehrkräfte konnten die Unzufriedenheit nicht auflösen. Die Bewegung hielt an ihren Forderungen fest und suchte den Schulterschluss mit anderen Protestierenden.

Am 13. Oktober gingen laut französischen Medien landesweit Zehntausende Menschen auf die Straße. Für den folgenden Samstag war bereits eine größere Mobilisierung geplant. Die Jugendlichen wollten ihre Forderungen mit dem Protest gegen steigende Lebenshaltungskosten verbinden, der seit Wochen in den sozialen Netzwerken vorbereitet wurde.

Am 17. Oktober wurde daraus ein landesweiter Protesttag. Das französische Innenministerium zählte rund 550.000 Teilnehmende, die Veranstalter:innen sprachen von etwa 800.000. In zahlreichen Städten gingen Schüler:innen, Studierende, Gewerkschafter:innen und Menschen, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen, auf die Straße.

Die Demonstrationen verliefen nicht überall friedlich. In mehreren Städten kam es zu Plünderungen, Brandstiftungen und Zusammenstößen mit der Polizei. Rund 2.000 Menschen wurden vorläufig festgenommen. Zugleich berichteten französische Medien von großen, friedlichen Demonstrationszügen und Jugendlichen, die die Gewalt verurteilten, aber ihre politischen Forderungen aufrechterhalten wollten.

2. Ein exklusives Frankreich: Wenn soziale Herkunft über Chancen entscheidet

Die Wut der Jugendlichen kommt nicht aus heiterem Himmel. Sie trifft auf ein Land, das sich auf seine republikanischen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beruft, in dem die soziale Herkunft jedoch nach wie vor erheblich über die Bildungs- und Lebenschancen entscheidet.

Frankreich versteht sich als Republik gleichberechtigter Bürger:innen. In der Praxis sind die Voraussetzungen dafür jedoch ungleich verteilt. Kinder aus ärmeren Familien besuchen häufiger Schulen mit schwierigeren Lernbedingungen. Die Unterschiede zwischen wohlhabenden und ärmeren Regionen sowie zwischen privilegierten Bildungseinrichtungen und Schulen in sozial benachteiligten Vororten sind erheblich. Auch der Zugang zu den renommierten Hochschulen und den einflussreichen Netzwerken des Landes ist sozial selektiv.

Gerade in den Vororten großer Städte, den sogenannten Banlieues, wird dieser Widerspruch sichtbar. Dort wird Jugendlichen gesellschaftlicher Aufstieg versprochen, während sie im Alltag mit fehlenden Ressourcen, überlasteten Schulen und geringen Zukunftsaussichten konfrontiert sind.

Die Kritik reicht über die Schulen hinaus. Steigende Lebenshaltungskosten, unsichere Beschäftigung und die Sorge vor einer weiteren Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen verbinden unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen. Was Schüler:innen als Mangel an Lehrkräften erleben, kennen andere als lange Wartezeiten in Behörden, überlastete Krankenhäuser oder eine zunehmend schwierige finanzielle Situation.

Die französische Gesellschaft ist dabei keineswegs einheitlich. Nicht alle Jugendlichen sind arm, nicht alle Vororte sind gleich und nicht jede Unzufriedenheit führt zwangsläufig zum Protest. Aber die sozialen Unterschiede bilden einen Hintergrund, ohne den sich die breite Mobilisierung nicht verstehen lässt.

3. Gelbwesten, Rentenreform und Macron: Die Vorgeschichte der Wut

Die Proteste erinnern an frühere Konflikte, die die politische Landschaft Frankreichs geprägt haben. Im Herbst 2018 gingen die Gelbwesten zunächst gegen höhere Kraftstoffsteuern auf die Straße. Aus dem Protest entwickelte sich eine breitere Bewegung gegen soziale Ungleichheit, sinkende Kaufkraft und eine Politik, die viele Menschen als abgehoben empfanden. Das gelbe Warnwesten-Symbol wurde zum Zeichen einer Gesellschaft, die sich von der politischen Führung nicht mehr vertreten fühlte.

Auch die Proteste gegen die Rentenreform von 2023 gehören zur Vorgeschichte. Die Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters von 62 auf 64 Jahre mobilisierte Gewerkschaften und große Teile der Bevölkerung. Besonders umstritten war, dass die Regierung die Reform mithilfe des Verfassungsartikels 49.3 ohne abschließende Abstimmung über den Gesetzentwurf durchsetzte. Für viele Gegner wurde der Konflikt damit zum Symbol eines autoritären Regierungsstils, der gesellschaftlichen Widerstand zwar zur Kenntnis nimmt, politische Entscheidungen aber notfalls gegen ihn durchsetzt.

Der französische Präsident Emmanuel Macron steht für eine wirtschafts- und sozialpolitische Ausrichtung, die Wettbewerb, Eigenverantwortung und wirtschaftliche Modernisierung betont. Seine Kritiker:innen sehen darin eine Politik, die wirtschaftlich Privilegierte begünstigt und die Lasten des Umbaus auf Menschen mit geringeren Einkommen verlagert. Hinzu kommt das Bild eines Präsidenten, der Proteste häufig als lästiges Hindernis für angeblich alternativlose Reformen behandelt.

Die Unzufriedenheit mit Macron speist sich aus Konflikten über die Verteilung von Wohlstand, den Zustand öffentlicher Einrichtungen und die Frage, wer in Frankreich politische Entscheidungen beeinflussen kann.

4. "Islamo-gauchisme": Ein politischer Kampfbegriff statt einer Erklärung

Mit der Ausweitung der Proteste wächst auch der Streit darüber, wer dahintersteht. Aus konservativen und rechten Kreisen kommen Schuldzuschreibungen, die von linksextremen Gruppen, islamistischen Einflüssen sowie einer vermeintlichen ideologischen Unterwanderung sprechen. Solche Vorwürfe sind in Frankreich nicht neu. Sie knüpfen an einen Kampfbegriff an, der seit Jahren politische Debatten prägt: "Islamo-gauchisme".

Der Ausdruck bezeichnet eine angebliche Verbindung zwischen linken politischen Strömungen und dem sogenannten Islamismus. In Frankreich wurde er in den vergangenen Jahren insbesondere dazu verwendet, Teile der Linken, antirassistische Initiativen und postkoloniale Forschung unter einen gemeinsamen Verdacht zu stellen. Die Debatte eskalierte im Jahr 2021, als die damalige Hochschulministerin Frédérique Vidal eine Untersuchung zum vermeintlichen "Islamo-Gauchismus" an Universitäten ankündigte.

Das staatliche Forschungszentrum CNRS widersprach in dieser Untersuchung jedoch der Vorstellung, es handele sich dabei um eine wissenschaftlich definierte Strömung. Der Begriff entspreche keiner klar identifizierbaren wissenschaftlichen Realität und werde politisch instrumentalisiert. Er bündelt sehr unterschiedliche Positionen, ohne ihre jeweiligen Inhalte und Zusammenhänge ausreichend zu unterscheiden. Das macht ihn als Erklärung für eine heterogene Protestbewegung besonders unbrauchbar. 

5. Palästina-Flaggen und "Bismillah, c'est les ténèbres"

Bei den Demonstrationen sind immer wieder Palästina-Flaggen zu sehen. In Deutschland werden solche Bilder häufig zum Anlass genommen, um die Proteste pauschal mit Islamismus oder Antisemitismus in Verbindung zu bringen. 

Diese Schlussfolgerung ist jedoch fragwürdig. Eine Palästina-Flagge kann Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung ausdrücken, auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen oder das Recht auf Selbstbestimmung symbolisieren. Gerade unter jungen Menschen (nicht nur in Frankreich) verbinden sich diese Anliegen oft mit antikolonialen Perspektiven und der Kritik an Rassismus. In Frankreich kommt die Erfahrung einer Gesellschaft hinzu, deren koloniale Vergangenheit bis heute politische Konflikte prägt.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch die Parole "Bismillah, c'est les ténèbres", die auf vielen Plakaten bei den Protesten zu sehen ist. Der arabische Ausdruck "Bismillah" bedeutet "Im Namen Gottes" und ist eine weitverbreitete religiöse Formel im Islam. Der zweite Teil heißt ungefähr "Das ist die Finsternis". Die Kombination wirkt wie eine groteske Karikatur religiöser Sprache.

Berichte über die Entstehung der Parole bringen diese mit einer Nachricht in Verbindung, die einem mutmaßlichen Polizeiinformanten zugeschrieben wird. Der Absender soll versucht haben, sich als Schüler auszugeben, und dabei mit vermeintlich typischer Jugendsprache sowie religiösen und nordafrikanischen Bezügen gearbeitet haben. Jugendliche griffen die Formulierung anschließend als Meme auf und machten sich damit über das Klischee lustig. Ihre Verbreitung zeigt anschaulich, wie ein Ausdruck, der islamistische Sprache imitieren sollte, zum Spott über solche Zuschreibungen wurde.

6. Gewalt, Polizei und die offene Zukunft der Proteste

Die Bilder des 17. Oktober zeigen nicht nur Demonstrierende mit Transparenten, sondern auch brennende Gebäude, zerstörte Einrichtungen und Zusammenstöße mit der Polizei. Die Schäden sind erheblich. 

Wer Geschäfte plündert, Menschen angreift oder Gebäude in Brand setzt, trägt Verantwortung für diese Taten. Soziale Benachteiligung erklärt solche Handlungen nicht automatisch und entschuldigt sie auch nicht.

Gleichzeitig darf die Gewalt einzelner Gruppen nicht zum Maßstab für die Hunderttausenden Menschen werden, die friedlich demonstriert haben. Französische Medien berichten von Jugendlichen, die Plünderungen und Angriffe verurteilen und zugleich die Härte des Polizeieinsatzes kritisieren. Auch Berichte über schwere Verletzungen und Ermittlungen zu möglicher Polizeigewalt gehören zur Wahrheit. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International verurteilten die Vorgehensweise der Behörden bereits Anfang Oktober.

Wie es weitergeht, ist offen. Die Mobilisierung hat unterschiedliche Gruppen zusammengebracht, deren Interessen nicht automatisch übereinstimmen. Die Schulferien könnten die Proteste bremsen, aber ebenso ist denkbar, dass die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und ehemaligen Gelbwesten ihnen neue Kraft verleiht.

Fest steht: Die Proteste lassen sich nicht auf Ideologien welcher Couleur auch immer reduzieren. Sie verweisen auf materielle und soziale Ungleichheit, auf den Zustand öffentlicher Einrichtungen und auf ein politisches System, in dem sich viele Menschen nicht ausreichend vertreten fühlen. Wer die Bilder der Ausschreitungen für die ganze Geschichte hält, sieht zwar die brennenden Barrikaden, aber nicht die Gründe, aus denen so viele Menschen auf die Straße gegangen sind.