Nach den überwiegend friedlichen Jugendprotesten am vergangenen Samstag kam es in einigen deutschen Städten zu Ausschreitungen. In Frankfurt, Köln und Hamburg wurden Geschäfte beschädigt und Menschen verletzt.
Für Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) war die Sache schnell eingeordnet. "Gewaltbereite linke Gruppen" und "Chaoten aus dem migrantischen Milieu" hätten die friedlichen Demonstrationen gekapert, erklärte er. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sprach im Deutschlandfunk ebenfalls von Gewalttätern, die "wohl auch aus migrantischen Milieus stammen". Daraus leitete sie die Frage ab, warum Integration in manchen Gruppen weniger gut gelinge als in anderen.
Das klingt nach einer gesellschaftspolitischen Diagnose. Nur: Auf welcher Grundlage wird sie gestellt? Belastbare Erkenntnisse darüber, dass die Tatverdächtigen einem bestimmten "migrantischen Milieu" angehören, liegen bislang nicht vor. Die Fakten sind noch nicht geklärt, die gesellschaftliche Erklärung steht schon bereit.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat diesbezüglich eine naheliegende Frage gestellt: Was seien eigentlich "migrantische Gruppen"? Ob damit auch Menschen gemeint seien, die in dritter Generation in Deutschland lebten und die deutsche Staatsangehörigkeit besäßen?
Ein soziologischer Begriff ohne klare Gruppe
In der Soziologie bezeichnet das Wort "Milieu" Gruppen von Menschen, die bestimmte soziale Lebenslagen, Wertorientierungen, Lebensstile oder Einstellungen teilen. Bei "migrantisch" wird das schwierig. Denn eine Migrationsgeschichte ist zunächst einmal keine gemeinsame soziale Lage. Sie sagt wenig über Einkommen, Bildung, politische Überzeugungen, Religion oder Lebensstil aus.
Ein Unternehmer aus Istanbul, eine Pflegekraft aus Indonesien und eine in München geborene Tochter ghanaischer Eltern bilden deshalb noch lange kein gemeinsames Milieu, nur weil ihre Biografien mit Migration verbunden sind.
Glaubt außerdem jemand ernsthaft, Dobrindt und Prien meinten zugewanderte Schwed:innen, Niederländer:innen oder Australier:innen? Offensichtlich ist eine andere, unausgesprochene Vorstellung von Migration gemeint. Welche genau, sagen Dobrindt und Prien jedoch nicht. Die Kategorie lebt vielmehr davon, dass sie nicht genauer bestimmt wird.
Die Religion, die im Begriff mitschwingt
Auch wenn das Wort "Islam" in den Äußerungen von Dobrindt und Prien nicht fällt, werden in der deutschen Migrationsdebatte Herkunft und muslimische Religionszugehörigkeit sehr häufig miteinander verknüpft. Menschen aus mehrheitlich muslimisch geprägten Ländern werden schnell als Muslime wahrgenommen – unabhängig davon, welcher Religion sie tatsächlich angehören oder ob Religion in ihrem Leben eine Rolle spielt.
Damit wird Religion zur Fremdzuschreibung. Sie beschreibt dann nicht den persönlichen Glauben eines Menschen, sondern eine vermeintliche Gruppenzugehörigkeit. Auch wer selbst nicht muslimisch ist, kann aufgrund seines Namens, seines Aussehens oder der Herkunft seiner Familie als Muslim behandelt werden. Die Kategorie "migrantisch" kann somit eine religiöse Bedeutung transportieren, ohne dass diese ausdrücklich ausgesprochen werden muss.
Das Problem liegt somit nicht nur in der Unschärfe des Begriffs, sondern auch in seiner politischen Funktion. Selbst wenn sich bei einzelnen Tatverdächtigen eine Migrationsgeschichte nachweisen ließe, wäre damit noch nichts über ein gemeinsames Milieu gesagt. Und erst recht nicht darüber, ob Integration in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe misslingt. Dafür bräuchte es belastbare Daten und eine nachvollziehbare Definition dessen, was mit Integration gemeint ist.
Stellen wir uns doch einmal vor, Politiker:innen würden nach einer Gewalttat von einem "deutschen Milieu" sprechen und daraus Rückschlüsse auf die "Integration" der Mehrheitsgesellschaft ziehen. Die Frage, welche Deutschen gemeint sind und was sie verbindet, wäre schnell gestellt. Bei Menschen, die als migrantisch markiert werden, scheint diese begriffliche Sorgfalt weniger selbstverständlich zu sein.
Wer gehört dazu – und wer entscheidet das?
Beide Politiker:innen gehören einer Partei an, die sich christlich nennt. Nach dem christlichen Menschenbild jedoch hängt die Würde eines Menschen nicht von seiner Herkunft, Religion oder kulturellen Zugehörigkeit ab.
Dies ist keine Aufforderung, soziale Unterschiede zu ignorieren oder kulturelle Konflikte nicht zu benennen. Selbstverständlich gibt es problematische Einstellungen, religiösen Fundamentalismus, patriarchale Denkweisen und Gewalt. Sie müssen konkret untersucht und können kritisiert werden. Dafür braucht es präzise Begriffe und überprüfbare Erkenntnisse.
Wer von einem "migrantischen Milieu" spricht, sollte deshalb zunächst erklären, wen er genau meint und worauf seine Zuschreibung beruht. Andernfalls wird aus einem soziologisch klingenden Begriff ein politisches Etikett, das den Anschein erweckt, etwas sei erklärt, obwohl die entscheidenden Fragen noch offen sind.