Bierkrüge klirren aneinander, Stimmengewirr und veratmete Luft füllen den Raum, darüber liegt Musik, immer wieder lacht jemand laut in der vollen Kneipe. Er sitzt mit Freunden an dem langen, polierten, hellen Holztisch. Während alle gerade noch ins Gespräch vertieft sind, horcht er auf: Da hat ein neues Musikstück angefangen und die Melodie dringt ihm in die Glieder: Gänsehaut... Was für ein Lied ist das? Er hat es noch nie gehört, versucht es mit dem Smartphone rauszufinden, aber die Hintergrundgeräusche sind zu laut – Können die Leute nicht leiser quatschen? Er fragt einen Kellner, notiert sich den Musiktitel und hört das Lied in den folgenden Tagen immer und immer wieder, kann gar nicht aufhören, bis seine Freunde schon genervt sind.
Es ist, als ob die Melodie des Liedes eine lang verschüttete Saite in ihm zum Schwingen, zum Klingen bringt. Als ob die Worte des Liedes ihm aus der Seele sprechen: Sie könnten seine eigenen sein. So sehr treffen sie seine Stimmung, sein Gefühl.
Vielleicht kennen Sie das, dass einen ein Musikstück ganz tief berührt und nicht mehr aus dem Ohr, nicht mehr aus dem Herzen geht.
Mir ging es letztens auch mal wieder so. Und zwar ausgerechnet mit einem Kirchnelied: "Da wohnt ein Sehnen tief in uns…", heißt es, auf Englisch: "There is a Longing in my heart".
Sehnen nach Frieden, Zukunft und Freundlichkeit
Da wohnt ein Sehnen tief in uns. Mich erinnert dieses Lied an mein eigenes Sehnen, das ich zwischen Weckerklingeln, Terminen, Planen, Sorgen und Freuen im Alltag oft gar nicht so spüre. Es bringt meine Sehnsuchtssaite zum Klingen.
Ich sehne mich nach guten Zukunftsaussichten. Danach, positiv, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. Irgendwo, in der Kirche, auf Arbeit, gemeinsam etwas Neues, Verheißungsvolles anzufangen. Dass es irgendwo mehr Möglichkeiten, mehr Gutes, mehr Gestaltbares wird – und nicht überall weniger und kleiner und Enger-Schnallen. Ich sehne mich danach, jungen Menschen ehrlich, realistisch und glaubwürdig sagen zu können: Euch wird es einmal besser gehen. Ihr werdet in gesunden Landschaften leben, in heizbaren Wohnungen und im Sommer in erträglich kühlen Städten. Ihr werdet nicht ewig auf Facharzttermine warten müssen und werdet eure Mieten bezahlen können.
Ich sehne mich nach Frieden. Dass Bomben und Drohnen nicht mehr das Zuhause von Menschen zerstören, sie in Angst und Schrecken leben lassen. Dass nicht mehr getötet wird und Menschen um ihr Leben gebracht werden. Dass sie nicht mehr traumatisiert werden, sondern ihre Träume leben können.
Ich sehne mich nach Freundlichkeit, denn ich irgendwo in der Welt unterwegs bin, auch in der digitalen Welt. Nach Leuten, die lächeln, die die Geschichte eines anderen hören wollen und verständnisvoll sind. Die grüßen und nicht bloß grumpfen. Die nicht gleich ausflippen, wenn sie einen Regenbogen sehen. Was ist denn so schlimm an diesen acht Farben? Queere Menschen überwinden sich immer wieder zu einem Coming Out und stehen zu sich selbst; sie müssen dabei immer wieder Ablehnung fürchten und sie erleiden immer wieder Diskriminierung, Ausgrenzung und körperliche Gewalt. Sie müssen hart kämpfen für das Glück, das vielen Heterosexuellen einfach so zufällt. Und queeren Menschen sagt dieser Regenbogen: Hier bist du willkommen, hier sind andere wie du. Hier ist Freundlichkeit. Was ist denn daran zu unerträglich? Ich sehne mich nach Freundlichkeit, nach mehr Verständnis füreinander.
Sehnsucht nach Frieden und Freundlichkeit, nach Freiheit und Zukunft, nach Güte – ich sehne mich so sehr…
Nicht an der Gerechtigkeit vorbei sehnen
Viele Bibeltexte erzählen vom Sehnen. Sie teilen Visionen von Frieden, Hoffnung auf Frieden. Wie im Buch des Propheten Jesaja:
Und Gott wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. (Jesaja 2,4)
Das ist zwar kein Lied, aber auch das bringt meine Sehnsuchtssaite zum Schwingen. Die Schwerter zu Pflugscharen machen – wie gut (und schön) wäre das, wenn alle das täten, alle! Die Schwerter zu Pflugscharen machen – das ist zu einer Parole der Friedensbewegung geworden, in Ost und West. Und dann bringt der Text diese Sehnsuchtsvision von einer Zeit, in der Menschen nicht mehr lernen müssen Krieg zu führen, nicht mehr durch den Schlamm robben, Schützengräben ausheben, Waffen laden und zielgenau schießen, Drohnen steuern und Cyberattacken abwehren lernen müssen.
1934 träumte der Theologe und Widerständler gegen das NS-Regime, Dietrich Bonhoeffer, von einer Kirche, die zum Frieden ruft:
"Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, daß die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muß und daß die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt." (DBW 13: 301)
Den Frieden Christi über die Welt ausrufen. Danach sehne ich mich.
Frieden und Gerechtigkeit
Diese Sehnsucht steht nicht allein. Wenn Jesaja sich nach Frieden sehnt, dann ist da erst von Richten und Zurechtweisung die Rede – und dann erst von Frieden:
Und Gott wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. (Jesaja 2,4)
Die Friedensehnsucht in diesem Text geht nicht achtlos an Ungerechtigkeit und Unrecht vorbei, sondern zielt erst auf die Beseitigung von Unrecht, um dann Frieden zu schaffen. Die Sehnsucht, die ich in diesem Text lese, zielt auf gerechten Frieden. Frieden braucht nicht nur ein Schweigen der Waffen, Frieden braucht Wiederaufbau, braucht, dass Täter vor Gericht stehen und Opfer wieder zu ihrem Recht kommen. Dass der völkerrechtswidrige Angreifer verhaftet wird und sich vor einem Gerichtshof wiederfindet – und nicht auch noch profitiert. Meine Sehnsucht nach Frieden darf nicht auf Kosten derer gehen, die durch den Krieg, die im Krieg Unrecht erleiden, alles verlieren. Das geht nicht: Uns nach Frieden sehnen, ohne uns gleichzeitig nach Gerechtigkeit zu sehnen.
Wohin mit dem Sehnen?
Wohin mit der Sehnsucht nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Zuversicht und Freundlichkeit?
Eine erste Orientierung brachte eben schon das Sehnen im Bibeltext: Mein Sehnen soll nicht auf Kosten von deinem Sehnen gehen. Allzu leicht könnte man sich viele Sehnsüchte durch Abschottung und Ignoranz erfüllen. Dann wären einem die Opfer des Gewaltfriedens einfach egal, Hauptsache Gas ist wieder billig, dann wäre wurscht, wie es den Mitmenschen da draußen geht, solange in den eigenen vier Wänden Freundlichkeit herrscht, dann könnte die Zuversicht einfach ignorieren, dass wir in Sachen Klima, Artenvielfalt und vielleicht auch künstlicher Intelligenz menschenwürdiges Leben auf diesem Planeten gerade gefährden. Solch eine vermeintliche Erfüllung im privaten Rückzug ginge auf Kosten der Mitmenschen und bliebe hohl. Mein Sehnen soll nicht auf Kosten von deinem Sehnen gehen. Also ist der Rückzug ins Private, in die nur vermeintlich heile Welt der eigenen vier Wände keine Lösung, kein Ort für das Sehnen.
Ein besserer Weg für das Sehnen ist: Was tun. Ich arbeite daran, dass das in Erfüllung geht, wonach ich mich sehne. Ich werde aktiv, arbeite an Lösungen, suche Kompromisse, engagiere mich. Das ist gut und nötig. Dann wird aus dem Sehnsuchtslied ein Lied des Protests, des Engagements, der gemeinsamen Arbeit. Wie dieses eine Lied, das schwarze Frauen beim Streik in South Carolina sangen, das Menschen in der Bürgerrechtsbewegung in den USA anstimmten und das in Südafrika bei den Anti-Apartheidsprotesten erklang, das Lied das Joan Baez so eindrücklich gesungen hat. We shall overcome.
Beten und Bodenhaftung
Gleichzeitig braucht es Bodenhaftung. Engagement wird nicht den Himmel auf Erden schaffen. Engagement muss damit leben lernen, dass in jeder Lösung, in jeder Erfüllung hier auf Erden Unerfülltes bleibt, ein Sehnen bleibt. Friedlicher werden, gerechter werden, zuversichtlicher werden – daran lohnt es zu arbeiten. Auch wenn es den vollkommenen Frieden, die perfekte Gerechtigkeit nicht schaffen kann, nicht schaffen muss. Deshalb gehört zum Aktivismus, zur Bodenhaftung christlich gesehen immer noch ein anderer Weg für die Sehnsucht: Beten.
Beten
In vielen religiösen Traditionen und auch im Christentum ist ein wichtiger Ort für das Sehnen: das Gebet. Klagen, bitten, danken. Beten ist keine Alternative zum Handeln – (und wird von vielen Betenden auch nicht so verstanden). Wer die Hände zum Gebet faltet, wird sie sonst nicht einfach in den Schoß legen können. Wer ernsthaft um Frieden betet, kann nicht im nächsten Moment Hetzbotschaften auf Instagram schreiben. Wer ernsthaft um Gerechtigkeit bittet, kann es sich in Ungerechtigkeit nicht häuslich einrichten.
So geht es mir: Ich leite mein Sehnen nicht nur in Aktivismus, sondern auch ins Beten, in Klagelieder, ins Bitten zu Gott: "Erhör mein Rufen".
Klagen und Bitten
Treffen sich zwei Theologieprofessoren. Sagt der erste, ein Experte für das Alte Testament, (in dem auch die Psalmen stehen): "Wie geht’s?". Der zweite: "Danke, ich kann nicht klagen!" Darauf wieder der erste: "Dann sollten Sie’s lernen – mit den Psalmen, mit den Psalmen!"
Diese Anekdote steht in einem Text mit dem Titel "Klagepsalmen im Sehnsuchtsland". Das Sehnsuchtslied kann zum Klagepsalm werden. Von den Klagepsalmen lerne ich, dass ich im Gebet, im Gespräch mit Gott, klagen darf. Ich muss vor Gott nicht verheimlichen, was mich belastet oder gar: was mich verzweifeln lässt. Ich muss vor Gott nicht so tun, als sei alles okay, "show must go on". Die Klage hat einen festen Platz im Gebet: Hier darf ich ehrlich sein. Hier kann ich aussprechen, was ich mich sonst nicht zu sagen trau‘. Gott, warum ist das so? Warum lässt du das zu? Lieber Gott, wie lange noch? Im Klagen bleibt das Gespür wach für Ungerechtigkeit und Schmerz. Im Klagen bleibt die Sehnsucht wach danach, dass es anders, besser, friedlicher sein könnte.
Zum Klagen gehört das Bitten. Manchmal fange ich mit vielen Worten an, versuche zu beschreiben, was ich alles erbitte – und für wen. Und je länger ich rede, desto klarer wird es. Und manchmal stehen am Ende ganz einfache Bitten. So wie die Bitten im "Vaterunser", das wir nachher beten werden:
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Erlöse uns von dem Bösen.
Einfach. Klar. Deutlich – und ganz schön groß.
Gib Frieden, Herr, gib Frieden,
die Welt nimmt schlimmen Lauf.
Recht wird durch Macht entschieden, +
wer lügt, liegt obenauf.
Das Unrecht geht im Schwange,
wer stark ist, der gewinnt.
Wir rufen: Herr, wie lange?
Hilf uns, die friedlos sind.
(EG 430, 1)
Dank
Ich glaube daran, dass gemeinsam Beten eine große Kraft entfaltet – und dass Gott auf Gebete wartet.
Liebe Hörerinnen und Hörer, genau das versuchen wir jetzt miteinander: Beten. Einfach so, im Radio, unsichtbar miteinander verbunden. Ich werde erzählen, wofür ich dankbar bin. Wenn sie einen Punkt nicht teilen, überhören Sie ihn einfach, der nächste kommt gleich. Wenn ein Punkt Sie weiterdenken lässt, denken Sie weiter. Und wenn Sie einstimmen wollen: Stimmen Sie ein. Ich bete:
Dankgebet
Danke Gott.
Danke, dass du mich geschaffen hast als einzigartigen und unverwechselbaren Menschen, mit meinen Stärken, die mir leben helfen. Mit meinen Schwächen, die mich unverwechselbar machen, die mich nahbar machen.
Danke für den Atem,
für die Hände,
für meine Ohren,
für die Augen und das Herz,
für meine Stimme.
Danke Herr für meinen Tränen, die manchmal die Trauer leichter machen.
Für die Freude.
Für die Angst, die mich vor dem bewahrt, was mir schadet.
Für die Wut, die mich vor dem schützt, was mich klein macht.
Danke Gott für Tiere und Pflanzen. Danke für die dunkle, saftige Grün der Bäume, für frische Luft, für den Blick über Wiesen.
Danke für das tägliche Brot. Für Essen. Danke für jeden Moment, in dem ich mich ums Essen nicht sorgen muss.
Danke Gott, dass du mein Leben bis zum heutigen Tage bewahrt hast – durch helle fröhliche Tage und durch dunkle Täler.
Danke für das Lachen.
Danke fürs Tragen, wo ich nicht mehr gehen konnte.
Danke für jeden Hoffnungsschimmer.
Danke für den helfenden Glücksfall.
Danke, Gott, für alle Erinnerungen, die mein Leben reich machen. Traurige - glückliche Erinnerungen. Danke für die Geschichten, die ich aus meinem Leben erzählen kann. Und das Austauschen und Teilen mit anderen.
Danke, Gott, für die Menschen in meinem Leben, für die, die ich liebe und mit denen ich gut klar komme. Und danke auch für die anderen.
Danke für freundliche Worte. Für ein Lächeln, eine Umarmung, einen lockeren Witz. Danke für vertraute Gesichter.
Danke Gott für das Wunder neuen Lebens. Und für das Wunder des Sterbens und Abschiednehmens im Hoffen auf die Auferstehung.
Danke Gott, dass ich meinen christlichen Glauben frei leben darf. Danke, dass ich das nicht allein tun muss, sondern dass es eine Kirche gibt, in der ich mit anderen den Glauben feiere und teile.
Und danke für die Musik. Sie erinnert mich an meine Sehnsucht. Und stillt sie. Sie hilft mir klagen. Und bitten. Und dich loben.
Danke, Gott, für allen Frieden, den wir schon erleben in dieser zerrissenen Welt.
Die Evangelische Morgenfeier
"Eine halbe Stunde zum Atemholen, Nachdenken und Besinnen" - der Radiosender Bayern 1 spielt die Evangelische Morgenfeier für seine Hörer:innen immer sonntags von 10.05 bis 10.30 Uhr. Dabei haben Pfarrer:innen aus ganz Bayern das Wort. "Es geht um persönliche Erfahrungen mit dem Glauben, die Dinge des Lebens - um Gott und die Welt."
Sonntagsblatt.de veröffentlicht die Evangelische Morgenfeier im Wortlaut jeden Sonntagvormittag an dieser Stelle.