21.08.2016
Bücherwurm

Vom Seniorenservice zum Bibliotheksführerschein

Sie gehört zu den größten Gemeindebüchereien Deutschlands und ersetzt sogar die Stadtbibliothek: Die evangelische Bücherei Bad Reichenhall zeigt, wie aus einer Bibliothek mit viel ehrenamtlichem Engagement und neuen Ideen ein Netzwerk für soziale Kontakte, Bildungsarbeit und Seelsorge werden kann.

Die im früheren Gemeindehaus der Kirche untergebrachte, seit 1979 bestehende Bücherei liegt in einer ruhigen Seitenstraße der Kurstadt. Als Regina Gündisch an diesem Morgen ihr Mitarbeiterbüro betritt, wartet bereits eine Liste mit Kurznotizen auf dem Schreibtisch: Ein Kurpfarrer möchte ein vergriffenes Buch aus dem Bestand kaufen. Ein Leser hat ein Buch mit Kaffee übergossen. Ein Haufen mit geschenkten Büchern ist durchzuschauen und der Terminplan für den Schichtdienst der 27 ehrenamtlichen Mitarbeiter abzustimmen, zu denen drei Jugendliche und eine 89-jährige Seniorin zählen.

»Wenn ich nicht so viele kompetente Mitstreiter hätte, könnte ich hier nichts bewegen«, sagt die 50-jährige gelernte Hotelfachfrau. Bereits als 14-Jährige hat die Reichenhallerin in der Bücherei mitgearbeitet, bevor sie - nach längerer Familienpause - ihr ehrenamtliches Engagement mit einer Ausbildung zur Büchereiassistentin im kirchlichen Dienst professionalisiert hat. Seit 1. Januar arbeitet Gündisch als 450-Euro-Kraft erstmals hauptamtlich als Leiterin der Gemeindebücherei. Womit gerade mal sechs ihrer 20 Wochenstunden finanziell abgedeckt sind.

Lyrik-Ecke und Großdruck für Sehbehinderte

Mit einem Bestand von 13.200 Medien und über 18.000 Ausleihen gehört die Reichenhaller Bibliothek zu den 25 größten der deutschlandweit rund 1000 evangelischen Gemeindebüchereien, die im Evangelischen Literaturportal zusammengeschlossen sind. Die meisten davon verfügen über 3000 bis 4000 Medien. Im Kirchenkreis München-Oberbayern ist Reichenhall die größte Gemeindebücherei neben der Vaterunserkirche in München.

»Der grüne Punkt hier am Buchrücken zeigt eiligen Lesern, dass das ein aktueller Buchtitel ist«, erklärt Gündisch beim Gang durch die vor wenigen Monaten neu gestaltete Bücherei. Der per Schiebetür abgetrennte helle Pavillon wird jetzt unter anderem für Gesprächskreise wie die therapeutisch begleitete Kriegskindergruppe genutzt. Die ansprechend eingerichtete Lyrik-Ecke und gemütliche Sitzgruppen, Aufsteller mit »Leser-Empfehlungen«, der »Hör-Bibliothek« und DVDs sind ebenso wie Großdruckbücher für Sehbehinderte nur ein kleiner Teil des Serviceangebots.

Dazu gehören auch die Betreuung der Krankenhaus-Bibliothek (»hier wird ein Literaturtipp oft zum Seelsorgegespräch«), der mobile Bücherdienst für Senioren, literarische Abende, Spielenachmittage, das Büchereifest, Schulklassenbesuche sowie eine Vorlesenacht und der Bibliotheksführerschein für Kindergartenkinder. Nicht zu vergessen das dem japanischen »kamishibai« nachempfundene Papier-Erzähltheater, in dem regelmäßig Migrantenkindern und jungen Flüchtlingen fesselnde Geschichten nahegebracht werden.

Gemeindepfarrer Martin Wirth weiß um die Bedeutung der Bücherei. »Die Bibliothek ist für uns ein zentraler Treffpunkt mit vielen Sozialkontakten durch alle Altersstufen, der auch kirchenferne Schichten und Alleinstehende erreicht«, sagt er. Diese von Offenheit und kritischer Vernunft geprägte Art der Bildungsarbeit und weltanschaulichen Orientierung vermittele ein Gefühl des Angenommenseins - »quasi als Kontrapunkt zur allgegenwärtigen Kultur der Angst und Verunsicherung«.

Die engagierte Arbeit der evangelischen und der beiden katholischen Büchereien erspart Bad Reichenhall den Unterhalt einer eigenen Stadtbibliothek. Alle drei zusammen müssen sich einen Förderbetrag von 33.000 Euro für Neuanschaffungen teilen.

Auch da ist wieder die Kreativität von Regina Gündisch und ihren Mitstreiterinnen gefragt.

 

INTERNET:

http://evang-buecherei-badreichenhall.de/

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Sonntagsblatt