10. Mai 2021
Beinahe ein Astro-Superstar

Simon Marius aus Gunzenhausen hat 1610 zeitgleich mit Galilei die vier großen Jupitermonde entdeckt

Pierre Leich hat nicht nur ein Herz für die Wissenschaft, sondern auch für vom Schicksal etwas benachteiligte Forscher. So lässt sich vielleicht erklären, dass der Nürnberger Astronomiewissenschaftler seit einigen Jahren einen Verein und ein Internetportal zu Ehren von Simon Marius (1573-1624) betreibt: Der markgräfliche Hofastronom aus Gunzenhausen hatte im Januar 1610 in Ansbach zeitgleich mit Galileo Galilei die vier großen Jupitermonde entdeckt, dies aber erst 1614 publiziert.
Pierre Leich ist Vorsitzender der Simon-Marius-Gesellschaft. Der Astronom aus Gunzenhausen hatte 1610 zeitgleich mit Galilei die vier großen Jupitermonde entdeckt.

Es muss eine verrückte Zeit gewesen sein, zu Beginn des 17. Jahrhunderts: Nikolaus Kopernikus hatte bereits 1543 das heliozentrische Weltbild mit der Sonne als Zentrum des Universums mit um sie bewegenden Planeten entworfen und damit das geozentrische Weltbild abgelöst, nach dem die Erde ruht. Ketzerei in den Augen der nach wie vor dominanten katholischen Kirche, deren Weltbild und Selbstverständnis durch den Protestantismus ohnehin gerade in Frage gestellt wurde und die sich jetzt auch noch mit Wissenschaftlern herumschlagen musste, die wiederum eigene Lesarten des biblischen Textes vorbrachten.

"Es gibt rund zwei Dutzend Stellen im Alten Testament, die von den Theologen als klarer Beweis für das ursprüngliche Weltbild angesehen werden", erklärt Leich, im Hauptberuf Projektleiter der "Langen Nacht der Wissenschaften" in der Metropolregion Nürnberg. Das wohl bekannteste Beispiel findet man in Josua 10: "Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen, bis sich das Volk an seinen Feinden gerächt hatte." Weil in diesen Jahren für die Frage des richtigen Weltbildes zunehmend auch Argumente aus der Bibel herangezogen wurden, habe nicht nur Simon Marius der Verlockung einer solchen Vermengung nicht widerstehen können, meint Leich.

Bibel im Mittelalter als wissenschaftliche ernst genommen

Und dann kam dann auch noch ein Galilei daher, der erklärte, dass nicht nur die Sonne der Mittelpunkt eines Systems sei, sondern die um sie kreisenden Planeten auch noch selbst kreisen. "Die Bibel galt damals noch als durchaus wissenschaftlich ernst zu nehmendes Buch, deren Inhalt man nicht in Frage stellen durfte", sagt Leich. Galilei gab sich mit der Brücke nicht zufrieden, die ihm die Kirche bauen wollte, indem sie von ihm verlangte, seine Beobachtungen als "metaphorisch und hypothetisch" anzusehen. Folge: Ihm wurde der Inquisitionsprozess gemacht, erst 1992 wurde er wieder rehabilitiert.

Zu Lebzeiten musste sich Galilei dann aber noch mit dem fränkischen Kollegen und seinen Entdeckungen herumschlagen: Der Mathematiker, Arzt und Astronom Simon Marius habe einfach von ihm abgeschrieben, verbreitete er. Eine Haltung, die erst um das Jahr 1900 ein posthumes Happy End fand, als die erneute Beschäftigung mit ihm ans Tageslicht brachte, dass Marius gleichzeitig die selben Schlüsse aus der Forschung an Kometen, Sonnenflecken, Jupitermonden und Venusphasen gezogen hatte wie der damals schon berühmte Galilei.

In Zeiten des Internets, wo jeder Mensch auf der einen Seite des Globus seine Erkenntnisse in Echtzeit mit einem auf der entgegengesetzten Seite teilen kann, kaum mehr vorstellbar. Und ein Dilemma. "Marius hat nachweislich schon vor Galilei vom Teleskop gewusst, aber erst später als er eines zur Verfügung gehabt", meint Leich im Hinblick auf die 1608 in Den Haag erstmals vorgestellte Innovation, die das "Sternegucken" revolutionierte.

Marius’ Forschungen führten ihn zum tychonischen Weltsystem, welches mit der Vorstellung vom Universum und seinen Planeten gleichgesetzt wurde. "Auf dem Weg vom geo- zum heliozentrischen Weltbild vertritt Marius ein interessantes Zwischenmodell", meint Leich. Er wurde rehabilitiert, seine Erkenntnisse blieben aber bis vor wenigen Jahren einer breiteren Expertenrunde vorbehalten.

Eingeschworene Gemeinschaft von Astronomen

Pierre Leich hatte Marius während seines Studiums in den 1980er-Jahren entdeckt, die Gesellschaft wurde aber erst 2014 ins Leben gerufen. Rund 80 Mitglieder zählt sie heute – eine eingeschworene Gemeinschaft von Astronomen und Heimatforschern aus der Region, aber auch mit Mitgliedern auf anderen Kontinenten, die das Interesse an Astronomiegeschichte eint. Seit wenigen Monaten gibt es auf der eigenen Internetseite einen Kurzfilm, der in zwei Minuten den Werdegang und die wichtigsten Forschungsergebnisse Marius´ vorstellt. Im Menü "Video – Filme und Podcasts" finden sich 19 Vorträge, TV- und Internet-Berichte sowie Animationen und in 34 Menüsprachen alle Schriften von und über Marius.

Und wie hielt er selbst es mit der Religion? "Marius hat sich, wie sein Zeitgenosse und Astronom Johannes Kepler und Galilei auch, als streng gläubigen Christen gesehen. So äußert er sich auf jeden Fall selbst öfters", erklärt Pierre Leich. Im Ansbacher Todten-Almanach lobte der Gelehrte Johann August Vocke (1750-1810) vor allem die Frömmigkeit des Marius: "Er war ein eifriger Verehrer der Religion, und hatte 19-mal die Bibel durchgelesen."
 

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