17.03.2014
Barmer Erklärung

Die siebte Barmer These

Warum sagte die Barmer Theologische Erklärung nichts gegen die Judenverfolgung in Deutschland? Und sollte das nachgeholt werden? Professor Jürgen Moltmann gibt bei einem Studientag der bayerischen Landeskirche Ende Mai 2014 in Nürnberg eine überraschende Antwort.
Judenverfolgung in München.
Judenverfolgung in München, März 1933.

Eine Diskussion, die sich nach dem Krieg kritisch an die erste Barmer These anschloss, war die Frage: Barmen I und die Juden. Karl Barth selbst hatte es nach einem Brief an Eberhard Bethge 1967 als seine »Schuld« bezeichnet, dass er im Unterschied zu Dietrich Bonhoeffer damals »die Judenfrage nicht ebenfalls entscheidend geltend gemacht habe«. In allen Erklärungen der Bekennenden Kirche wird zwar der Arierparagraf, d.h. die Entfernung von Judenchristen aus der Deutschen Evangelischen Kirche, abgewiesen, aber zur allgemeinen Judenverfolgung, die sofort nach der Machtergreifung 1933 einsetzte, sagt die Barmer Erklärung nichts. Lag das an der Exklusivität des Christusbekenntnisses in Barmen I, wie der Kirchenhistoriker Klaus Scholder vermutete? Wurde mit den Ereignissen, Mächten und Gestalten der Geschichte auch die Offenbarung Gottes durch Moses an Israel ausgeschlossen?

Ich glaube nicht, dass es diese dogmatischen Gründe des Christozentrismus waren. Man hatte das verfolgte Judentum so wenig im Blick wie die verfolgten politischen Gegner der Nazis. Bonhoeffer sah 1933 klarer als Karl Barth. Beide schrieben aber 1938 schon: Wer das Judentum verwirft, verwirft Jesus Christus. Karl Barth: »Wer ein Judenfeind ist, der gibt sich als ein prinzipieller Feind Jesu Christi zu erkennen.« Dietrich Bonhoeffer: »Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muss die Verstoßung Jesu Christi nach sich ziehen, denn Jesus Christus war Jude.«

Ergänzung nicht überzeugend

1984 haben wir – die Gesellschaft für Evangelische Theologie und der Reformierte Bund in Wuppertal – versucht, das in der Rezeption der Theologischen Erklärung von Barmen nachzuholen, und gesagt: »Der Jude Jesus Christus ist der für Israel und die Völker gekreuzigte und auferweckte Herr. Er ist das eine Wort Gottes, wie es uns in der Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testaments bezeugt wird.«

War das gut? Genügt das nach Auschwitz? Soll das Judentum, der Gott Israels und das erwählte Volk in der exklusiven Christologie von Barmen I immer schon mitgedacht und eingeschlossen werden? Ich glaube nicht, dass das überzeugend ist. Barmen muss in seiner historischen Judenblindheit stehen bleiben, und wir müssen für die Gemeinschaft von Christen und Juden neu die Augen öffnen.

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