19.09.2019
Judentum

Ausstellung über den Rabbiner und "Anwalt der Juden" Josel von Rosheim in Regensburg

Vor 500 Jahren vertrieben Christen die Juden aus Regensburg. Die Ausstellung "Josel von Rosheim" in der Jüdischen Gemeinde würdigt den Rabbiner und Anwalt der Juden, der mit Kaisern und Fürsten verhandelte, um seine Glaubensbrüder und -schwestern vor Vertreibung zu schützen. Das Gespräch mit Luther aber suchte dieser große Vermittler vergebens.
Ausstellung "Josel von Rosheim"
Streitgespräche zwischen Juden und Christen. Es existiert keine verlässliche zeitgenössische Abbildung des Josel von Rosheim.

Josel von Rosheim (1478-1554) war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Er wurde 1529 in Günzburg zum Vertreter aller Juden des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation gewählt. Er wirkte auf Reichstagen mit und setzte sich als politischer Fürsprecher für den rechtlichen Schutz der Juden ein. Und doch sucht man ihn in Geschichtsbüchern vergebens. "Er ist in Vergessenheit geraten", sagt Ilse Danziger, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. "Dabei war er ein großer Vermittler, hat bewirkt, dass Juden in den Städten nicht vertrieben wurden."

Auch in Regensburg konnten die Juden vorübergehend auf seine Intervention hin bleiben. Josel von Rosheim hatte auf dem Reichstag zu Augsburg 1530, dem Reichstag, bei dem die lutherische Confessio Augustana verabschiedet wurde, eines von vielen Streitgesprächen für sich entschieden. In diesem Fall ging es um antijüdische Behauptungen, die der zum Christentum konvertierte Regensburger Rabbinersohn Antonius Margaritha in seiner Schrift "Der gantz Jüdisch Glaub" aufgestellt hatte. ("In summa kein Jud will einem Christen wohl.")

Luthers Abhandlung "Von den Juden und ihren Lügen"

In Anwesenheit von Kaiser Karl V. überzeugte Josel von Rosheim, dass das Gesetz des Moses den Juden verbietet, die Götter anderer Religionen zu verfluchen. Er legte dar, dass die Bibel es den Juden gebietet, ihren Nächsten wie sich selbst zu lieben. Die Widerlegung gelang ihm so überzeugend, dass Antonius Margaritha verbannt wurde.

Luther ließ sich davon wenig beeindrucken. Vielmehr lehnte er 1537 ein Gesuch des Josel von Rosheim nach einer Unterredung ab. Luther bezog eine zunehmend feindliche Haltung gegenüber den glaubenstreuen Juden, was 1543 in seiner Abhandlung "Von den Juden und ihren Lügen" gipfelte. Er verlangte, dass man ihre Bücher und den Talmud konfisziere, die er als "Plunder von Lügen und Hass auf das Christentum" bezeichnete. In seiner letzten Predigt forderte er gar die Vertreibung der Juden.

Für Werner Transier, den inzwischen pensionierten Kurator der jüdischen Sammlung (Historisches Museum Speyer), war Luthers Schmähschrift "eine Steilvorlage für den Antijudaismus der nächsten vier Jahrhunderte", wie er dem Sonntagsblatt sagte. Darin habe Luther den im Prinzip schon bestehenden Katalog antijüdischen Verhaltens zusammengefasst. "Verbrennt ihre Bücher, verbrennt ihre Synagogen. Die Nazis setzten noch eins drauf, indem sie auch die Menschen verbrannten", sagte Transier.

Pogrome und Vertreibungen

Im Heiligen Römischen Reich gab es bereits zahlreiche Massaker an Juden. Vergessen war die Zeit, in der die Synagoge und die Kirche gleichberechtigt im Heilsplan Gottes standen. Stattdessen gab es Pogrome und Vertreibungen, Vorwürfe des Ritualmordes und der Hostienschändung.

Einer solchen Hostienschändung war auch Josel von Rosheim 1514 zusammen mit anderen Juden angeklagt. Doch er konnte seine Unschuld und die seiner Glaubensbrüder nachweisen und aus dem Kerker entkommen. Das war einer der vielen Siege, die der Talmudgelehrte und mächtige Netzwerker errang.

Josel von Rosheim stammte aus dem Elsass. Als "Josel ben Gerschom" 1478 in Hagenau geboren, wurde er Rabbiner und Kaufmann und siedelte sich 1514 in der elsässischen Reichsstadt Rosheim an, blieb aber ein ständiger Reisender zum Schutz der Juden.

Einen Schutzbrief für die Juden erwirkte er 1520 anlässlich der Kaiserkrönung Karls V. in Aachen. Zwischen 1530 und 1551 nahm er an acht Reichstagen teil, davon zwei in Regensburg (1541 und 1546), um für Privilegien und gegen Ungerechtigkeiten einzutreten. 25 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1554, wirkte er rastlos für seine Schutzbefohlenen. Ilse Danziger: "Es ist uns wichtig, dass die Geschichte der Vertreibung von 1519 in Regensburg aufgearbeitet wird." Für das orthodoxe Judentum habe Josel bis heute eine Bedeutung, "weil er vermitteln konnte, dass das orthodoxe Judentum keiner anderen Religion etwas Negatives antun möchte, sondern dass man sich gegenseitig respektieren soll".

INFO

Die Ausstellung "Josel von Rosheim zwischen dem Einzigartigen und Universellen. Ein engagierter Jude im Europa seiner Zeit und im Europa unserer Zeit" ist noch bis zum 6.10.2019 im Jüdischen Gemeindezentrum zu sehen.

Ende des 19. Jahrhunderts verfasste der Mainzer Rabbiner Marcus Lehmann eine Romanbiografie "Rabbi Joselmann von Rosheim". Franziska Grünauer liest am 19. September um 19 Uhr. Ort: Jüdische Gemeinde Regensburg.

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