23.03.2018
Richard Wagner Museum

Ausstellung über "Entartete Musik" in Bayreuth

Die Ausstellung "Entartete Kunst" zählt zu den hässlichsten Beispielen von Kultur-Rassismus während der NS-Diktatur. 80 Jahre nach dieser Propaganda-Veranstaltung zeigt das Richard Wagner Museum Bayreuth unter dem Titel "Das verdächtige Saxophon. 'Entartete Musik' im NS-Staat" eine kritische Rekonstruktion dieser Schau – mit bemerkenswerten Bezügen zur Lokalgeschichte.
Das Zerrbild eines schwarzen Jazzmusikers mit einem Davidstern am Revers war das ursprüngliche Plakatmotiv der Propaganda-Ausstellung »Entartete Musik«.
"Das verdächtige Saxophon": Das Zerrbild eines schwarzen Jazzmusikers mit einem Davidstern am Revers war das ursprüngliche Plakatmotiv der Propaganda-Ausstellung "Entartete Musik".

Auf die Bücherverbrennung von 1933 und die Vertreibung und Inhaftierung regimekritischer Künstler folgte 1937 die Münchner Ausstellung "Entartete Kunst". Auch in der Musik wurden vor allem die ästhetischen und stilistischen Tendenzen der Moderne als "Degeneration" und "Zersetzung" gebrandmarkt. Daher wurde im Mai 1938 bei den "Reichsmusiktagen" in Düsseldorf eine Ausstellung "Entartete Musik" gezeigt. Wie die Münchner Schau stellte sie angeblich "Undeutsches" an den Pranger und diskriminierte jüdische Operetten- und Schlagerkomponisten, atonale Werke und den Jazz als "artfremd".

50 Jahre nach der Eröffnung der Ausstellung "Entartete Kunst" haben Peter Girth (Düsseldorfer Symphoniker) und der Musikwissenschaftler Albrecht Dümling (Berlin) in einer kommentierten Rekonstruktion der NS-Schau an die diskriminierende ideologische Reglementierung und Indienstnahme des deutschen Musiklebens durch den Nationalsozialismus erinnert. Im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker und der Tonhalle Düsseldorf entstand 2007 eine überarbeitete und erweiterte Neufassung unter dem Titel "Das verdächtige Saxophon. ›Entartete Musik‹ im NS-Staat".

"Entartete Musik": Wie das deutsche Musikleben zerstört wurde

"Während die Kunstausstellung nach dem Kriege mehrfach rekonstruiert wurde, war die Musikschau fast vergessen", berichtet Dümling über die Anfänge der kritischen Rückblende. Neben dem Rekonstruktionsversuch zeigt sie die Zerstörung des Musiklebens der Weimarer Republik und gibt einen kursorischen Überblick über das deutsche Musikleben in den 1930er-Jahren. Beleuchtet wird nach Dümlings Worten auch "die 'Forschung' prominenter deutscher Musikwissenschaftler, die sich 1938 in Düsseldorf vor allem Rasseproblemen widmeten". Zu Zielscheiben wurden dabei zeitgenössische Komponisten wie Kurt Weill, Arnold Schönberg, Paul Hindemith oder Igor Strawinsky.

Für das Cover der Broschüre mit der Eröffnungsrede von Hans Severus Ziegler, damals Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar, verwendeten die Nazis eine Karikatur, die den schwarzen Jazzmusiker Jonny aus Ernst Kreneks populärer Oper "Jonny spielt auf" (1927) zeigt; sie verwandelten dabei seine Nelke in einen Davidstern. Ziegler, seit 1925 Mitglied der NSdAP, hatte schon 1930 als stellvertretender Gauleiter einen Erlass unter dem Titel "Wider die Negerkultur, für deutsches Volkstum" für das Land Thüringen herausgegeben. 1964 veröffentlichte er sein Skandalbuch "Adolf Hitler – aus dem Erleben dargestellt". 84-jährig starb Ziegler in Bayreuth.

Richard Wagner im Nationalsozialismus

Zurück ins Jahr 1938. Während die zu Wagners 125. Geburtstag eröffneten Reichsmusiktage mit der Ausstellung zur "Entarteten Musik" deren Diffamierung popularisierten, wurde in Bayreuth dieser Gedenktag mit der endgültigen Verstaatlichung des Wagner-Erbes begangen: Auf Anregung Winifred Wagners wurde am 22. Mai 1938 per Führer-Erlass die "Richard-Wagner-Forschungsstätte" errichtet und direkt der Reichskanzlei unterstellt.

Als oberstes Ziel formulierte die der Gründung zugrunde liegende Denkschrift die stete "Gegenwartsbezogenheit" der Wagner-Forschung. Neben zahllosen Zeugnissen stramm nationalsozialistischer Gesinnung bestand diese fragwürdige Forschung vorwiegend in dem langwierigen Nachweis einer angeblich "arischen" Abkunft Richard Wagners. Ansonsten diente die "Forschungsstätte" der pseudowissenschaftlichen Affirmation der Wahnfried-Ideologie.

Wanderaustellung war schon in München und Nürnberg zu sehen

Standen schon die Festspiele mit ihrer vor allem Juden ausgrenzenden Besetzungspolitik fest auf dem Boden der Nürnberger Gesetze, war nun auch die ideologische Fundierung des nationalsozialistischen Wagner-Bilds ein gemeinsames Anliegen der Wahnfried-Familie und der politischen Propaganda des Regimes. Thomas Mann sprach später von den Bayreuther Festspielen als "Hitlers Hoftheater".

Nach München (1988) und Nürnberg (1990) ist Bayreuth die dritte Station der Wanderausstellung in Bayern. Die Präsentation im Richard Wagner Musuem wird ergänzt durch eine Dokumentation der politischen Indienstnahme des Wagner-Erbes.

 

Informationen zur Ausstellung "Das verdächtige Saxophon. 'Entartete Musik' im NS-Staat"

Die Wanderausstellung "Das verdächtige Saxophon. 'Entartete Musik' im NS-Staat" ist bis 27. Mai 2018 im Richard Wagner Museum in Bayreuth zu sehen. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Mehr Informationen zu Eintrittspreisen und Programm finden Sie auf der Website.

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Jahrespressekonferenz

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm
Der bayerische evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zeigt sich besorgt über einen stärkerwerdenden Rassismus und Antisemitismus in Deutschland. Hier müssten Christen laut werden, es brauche eine neue geistliche Grundhaltung, forderte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Donnerstag bei seiner Jahrespressekonferenz im Münchner Presseclub. Er kritisierte, dass Haltungen wieder salonfähig würden, die längst als überwunden gegolten hätten.
ShareFacebookTwitterGoogle+Share
Sonntagsblatt