12.01.2017
Lebensgeschichten

Der offene Himmel im Altenheim

Dass sie 1945 nur knapp russischen Soldaten entkommen ist, hat die heute 87-jährige Bewohnerin einer Nürnberger Senioreneinrichtung nie vergessen. Eine 84-Jährige berichtet, wie die Begleitung ihres sterbenden Mannes am Sterbebett voll wundersamer Ereignisse war. Ein 60 Jahre alter Multiple-Sklerose-Patient dankt trotz seiner Krankheit Gott, dass seine erwachsene Tochter als Kind doch keinen Tumor hatte. Für alle drei, und noch 15 weitere Senioren, deren Geschichten und Porträts im Mittelpunkt einer Ausstellung im Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg stehen, hat sich mindestens einmal im Leben der Himmel geöffnet.
Die Altenheimseelsorgerinnen Sonja Dietel und Julia Arnold lassen in der Ausstellung »Wenn der Himmel sich öffnet« Bewohner Nürnberger Senioreneinrichtungen eindringliche Geschichten erzählen.
Die Altenheimseelsorgerinnen Sonja Dietel und Julia Arnold lassen in der Ausstellung »Wenn der Himmel sich öffnet« Bewohner Nürnberger Senioreneinrichtungen eindringliche Geschichten erzählen.

Was die Protagonisten den Altenheimseelsorgerinnen Julia Arnold, Sonja Dietel und zu Beginn des Projekts auch Pfarrerin Annette Lechner-Schmidt erzählt haben, das sind wahre Schätze. "Plötzlich war die Idee geboren, und die Art der Umsetzung hatten wir auch schnell im Kopf", erinnern sich Pfarrerinnen Julia Arnold und Sonja Dietel, die beide seit Jahren in der Altenheimseelsorge aktiv sind, an den Tag, als sie sich über die teils eindrucksvollen Geschichten austauschten, die sie von ihren Besuchen mitnahmen. Denn was man von Senioren so alles hört, das sei weitaus mehr als Alltägliches.

"Viele Senioren wollen ihr Erlebtes weitergeben, erzählen vom Licht, das sie in andere Dimensionen bringt", sind sie sich einig. Schnell war da das Bild aus 1. Mose 28, 10-19a vor Augen: Vom Traum Jakobs, in dem er Engel auf einer in den Himmel ragenden Leiter auf- und absteigen sah, von Gott, der damit seine direkte Verbindung zum Irdischen zeigen wollte. "Wenn der Himmel sich öffnet" ist daher auch das Motto der Schau, die vom 19. Januar bis zum 13. März in Nürnberg gezeigt wird und auf Wanderschaft gehen soll. Die Vernissage findet am 19. Januar um 18 Uhr im Caritas-Pirckheimer-Haus statt.

Die Geschichten wurden mitgeschnitten, abgeschrieben und den Heimbewohnern vorgelegt. Die Sprache ist direkt und persönlich. Die Bilder zeigen die Frauen und Männer, fröhlich, aber ungeschminkt, zusammen mit einer Leiter, die ein alter Holz-Künstler gezimmert hat und die in der JVA Nürnberg weiß gestrichen wurde.

Neben den Porträts, fotografiert von Wolfgang Noack und gestaltet von Katja Pelzner, stehen die Geschichten: von Schutzengel-Erlebnissen, vom Krieg, von Nahtoderfahrungen, aber auch vom Überwinden heimtückischer Krankheiten oder einfach nur dem Glück, in den Enkeln einen neuen Lebens-Ansporn gefunden zu haben.

Gott in kleinen Dingen entdeckt

"Da viele Menschen noch nie ein Altenheim betreten haben, gehen wir jetzt eben den umgekehrten Weg", erklären Dietel und Arnold. Gelegentlich bekommen sie zu hören, dass Altenheimseelsorge ja ein nicht gerade erstrebenswerter Job sei. Mit der Ausstellung wollen sie nicht zuletzt das Gegenteil beweisen.

Die Projektleiterinnen haben die Texte sogar für einen Audioguide aufsprechen lassen. Es sind ehrliche Geschichten, die nicht belanglos sind, sondern die den Betrachter ansprechen, teils von tiefer Lebensweisheit zehren und Mut machen. Auch, um wirklich Gottes Fügung hinter manchem Schicksal oder mancher Episode zu entdecken.

"Viele Menschen sind gegen Ende ihres Lebens auch erst bereit, von ihren Gefühlen oder ihrer Meinung zu berichten, ganz egal, was andere dazu sagen", ist Julia Arnold immer noch begeistert von der Ehrlichkeit, die hinter vielen Geschichten, die wertvolle Erfahrungs-Ressourcen für die Nachwelt seien, steckt. Es sei schön, dass diese Erzählungen nicht nur in den Familien bekannt sind. Jetzt regen sie auch die Besucher an, sich selbst zu fragen, wie ist es ist, wenn der Himmel sich öffnet.

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