10.11.2017
Diakonie

Zum Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung 2015 wurde die Erstaufnahmeeinrichtung in der Münchner Bayernkaserne zu einem Symbol der Überforderung. Die Kleiderkammer der diakonia will dort bis heute Menschen ein Extra-Stück Würde geben. Ihre Zukunft ist aktuell aber offen.
Vanessa Hadzic (links) und Katrin Ritter von der Kleiderkammer.
Vanessa Hadzic (links) und Katrin Ritter von der Kleiderkammer.

Als Erstes fällt die Stille ins Ohr, an diesem Abend in der Münchner Bayernkaserne: 2015 noch herrschte lautes, anstrengendes Treiben auf den asphaltierten Wegen der zur Erstaufnahmeeinrichtung umfunktionierten Kaserne aus den 1930er-Jahren. Heute drehen nur zwei, drei Kinder auf Fahrrädern ihre Runden. Vor einzelnen Baracken telefonieren junge Männer. Ansonsten: Ruhe. Licht brennt aber noch am äußersten Rand des Geländes – in »Halle 28« hat die Kleiderkammer der diakonia die schweren Metalltüren geöffnet.

Seit dem großen Ansturm im Herbst 2015 arbeitet in der alten Garagenhalle werktäglich ein Team um Leiterin Vanessa Hadzic: Drei Festangestellte und ehrenamtliche Helfer sortieren Kleiderspenden und geben gut erhaltene Stücke an Geflüchtete aus; was nicht mehr zu gebrauchen ist, wird von einem Partner­unternehmen wiederverwertet. Mit dem alten Bild einer Kleiderkammer für Bedürftige hat die Einrichtung aber nicht allzu viel zu tun. »Die Kleiderkammer soll nicht ›von oben herab‹ funktionieren«, sagt Hadzic. »Wir wollen den Menschen auch ein Lächeln geben. Da geht es auch um Würde.«

Kunden statt Almosenempfänger

Der größte Unterschied zum Klischee der Kleiderausgabe ist der Tresen: Dort werden nicht etwa Kleidungsstücke »zugewiesen«, wie Hadzic betont – sondern nur Hygiene-Produkte abgegeben. Aus dem Kleidungsangebot suchen sich die Bewohner der Bayernkaserne selbst das Passende: In Männer-, Frauen- und Kinderabteilungen hängen die Textilien an Kleiderständern, sortiert wie in einem Warenhaus. Die Mitarbeiterinnen machen auch amüsante Beobachtungen: Grabbeltische zum Beispiel scheinen bei Frauen aus allen Kulturkreisen beliebt – wie im Kaufhaus, so in der Kleiderkammer.

In den Anfangstagen gab es vor allem eins: Enorm viel Arbeit. 60 000 Mal haben die Mitarbeiter seit 2015 hier und in zwei weiteren Kleiderkammern der diakonia Kleidung ausgegeben, wie Hadzics Kollegin Katrin Ritter erklärt: »Wir haben praktisch eine mittelgroße Stadt versorgt«, sagt sie. Und das nach strengen Regeln: Neuankömmlinge in der Bayernkaserne bekommen eine »Grundausstattung«, die säuberlich auf einem mit leicht verständlichen Piktogrammen versehenen Laufzettel abgehakt wird. Später kann es alle drei Monate Nachschlag geben. Neben warmer Kleidung im Winter eben auch Hygieneartikel wie Windeln oder Shampoo – Letztere meist aus Spenden von Großunternehmen.

Piktogramme lotsen durch die Kleiderkammer.
Piktogramme lotsen durch die Kleiderkammer.

Ein paar Paradoxien gibt es freilich auch: »Bei den Spenden profitieren wir stark davon, dass es einen Überkonsum beim Kleidungskauf gibt«, erklärt Katrin Ritter. Über die seltsamen Zusammenhänge im globalen Kleidungshandel klären die diakonia-Mitarbeiterinnen auch bei Vorträgen und Betriebsführungen auf. Etwa darüber, dass die kommerzielle Herstellung günstiger Klamotten in einigen Ländern die Umwelt zerstört – und so neue Fluchtursachen schafft.

»Armut in München wächst«

Wie es mit der Kleiderkammer in der Bayernkaserne weitergeht, ist offen. Denn momentan kommen wenige Geflüchtete in München an – kein Vergleich mit Zeiten, in denen sich 350 Menschen pro Tag in der Kleiderkammer drängten. Antje Leist, die den Betrieb »soziale Aufgaben« der diakonia leitet, bricht dennoch eine Lanze für die Einrichtung. »Die Erfahrung zeigt, dass etwa alle zehn Jahre größere Zahlen von Flüchtlingen nach München kommen. Und jedes Mal werden die Strukturen aufwendig von Neuem aufgebaut.«

Leist, Hadzic und Ritter haben auch aus diesem Grund weiterführende Ideen für das Projekt. Bis 2021 ist die Kleiderkammer bei der Stadt beantragt. Denkbar wäre aber eine Entwicklung in Richtung Sozialkaufhaus, finden sie. »Die Armut in der Stadt wächst«, sagt Leist. Viele alte Menschen sind davon betroffen. Ihnen bedeute es viel, eine schöne Kleinigkeit für die Enkel kaufen zu können. »Auch, wenn es nur ein paar Cent kostet.« Mit dem alten Bild der Kleiderkammer hat das dann nichts mehr zu tun.

Kleider & Co für Bedürftige

SACHSPENDEN nimmt die diakonia in ihren drei Annahmestellen entgegen:

Die Stellen München-West (Dachauer Str. 192) und München-Ost (Stahlgruberring 8) haben folgende Öffnungszeiten: Mo, Di, Mi, Fr 9-16 Uhr, Do 9-19 Uhr, Sa 9-12 Uhr

Die Annahmestelle Ebersberg (Münchner Str. 7) hat geöffnet Di-Fr 10-18.30 Uhr und Sa 10-16.30 Uhr

Außerdem unterhält die diakonia 20 Kleidercontainer im Stadtgebiet. Info: www.diakonia.de

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt