5.10.2017
Kirchenordnung

Schon 1550 schlossen sich die Freiherren von Thüngen der Reformation an. Anders als üblich, reformierten sie ihre Untertanen nicht zwangsweise mit – die Bewohner folgten nach und nach freiwillig.
Die Schlossanlage in Thüngen
Die Schlossanlage in Thüngen bestimmt das Ortsbild der gleichnamigen Gemeinde. Die Freiherren schlossen sich schnell der Lehre Luthers an.

 

Freiheit herrschte auch in den Kirchen. Weil jeder Pfarrer und jeder Ort schnell sein eigenes Süppchen zu kochen begann, luden die von Thüngen die Pfarrer 1554 zu einer Synode ein, um eine Kirchenordnung zu verfassen.

Die schriftliche Sammlung sollte das kirchlich-lutherische Leben im ansonsten stark altkirchlich geprägten Unterfranken für die Zukunft ordnen. Entstanden ist ein Regelwerk von 16 Verordnungen, die viele Lebensbereiche der Menschen und der Glaubenspraxis betreffen.

So geht es beispielsweise um Taufen, Krankenkommunion, Hochzeiten, den Ablauf der Abendmahlsfeiern an Sonn- und Feiertagen, die Wochenpredigt oder auch das Messgewand.

Aus der frühen Diaspora

Die von Thüngen müssen gottesfürchtige Menschen gewesen sein. Sie haderten in der Zeit der Reformation mit dem Zustand der Kirche. Das Wort Gottes »war von nichtbiblischen Gepflogenheiten überdeckt worden«, schreibt der frühere Lohrer Dekan Michael Wehrwein.

Für Gegenmaßnahmen verzichteten die von Thüngen auf etliche Pfründen sowie Ämter. Die Familie hatte in ihren Reihen viele Geistliche, darunter auch einen Erzbischof, einen Fürstbischof, einen Diözesanbischof, viele Domherren und Universitätsrektoren. Konrad von Thüngen war von 1519 bis 1540 katholischer Fürstbischof im Bistum Würzburg. Die Region war einer der Brennpunkte der Bauernkriege, Konrad war also an mehreren »Fronten« gefordert. Und dennoch kam er in seinem Kampf gegen Luthers Lehre »ohne Terror und Gewalttätigkeiten« aus, urteilte Michael Wehrwein.

Das war unter seinen Nachfolgern anders. Als die Synode tagte, herrschte Melchior Zobel von Giebelstadt (1544-1558). Dieser widersetzte sich zunächst offen, später zumindest in seiner Herrschaftspraxis dem Augsburger Interim von Kaiser Karl V. Der Kaiser wollte damit die Wiedereingliederung der Protestanten in die katholische Kirche erreichen. Aber der Gegenwind im Fürstbistum Würzburg war für evangelische Herrscher wie die von Thüngen enorm.

Rekatholisiertes Maindreieck

Die Thüngen’sche Kirchenordnung wirkt heute streckenweise komisch. Die Pfarrer sollten beispielsweise darauf achten, dass die Bauern »still, züchtig und ehrbar bei der ganzen handlung bis zum ende derselbigen verbleiben«. Offenbar war es gang und gäbe, dass die Bevölkerung in der Kirche vieles tat, nur nicht dem Gottesdienst folgte – oder sogar während des Gottesdiensts die Kirche verließ und stattdessen auf dem Kirchhof lauthals ratschte. Auch wurde in der Ordnung die Heiligenverehrung als Abgötterei quasi verboten.

Die gut gemeinte Kirchenordnung hat allerdings nicht verhindert, dass ein Gros des einstigen Thüngener Herrschaftsgebiets mit Gewalt, List und Betrug wieder rekatholisiert wurde. Die einstmals überwiegend protestantische Region ist bis heute mehrheitlich katholisch.

 

500 Jahre Reformation

Dossier

Vor 500 Jahren hat der Theologe Martin Luther (1483-1546) mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen die Reformation angestoßen, die zur Spaltung von evangelischer und
katholischer Kirche führte. Wie haben Gemeinden, Dekanate und Kirchenkreise das Reformationsjubiläum 2017 gefeiert? Was ist für den Reformationstag am 31. Oktober geplant? Und warum ist der dieses Jahr ein Feiertag? Erfahren Sie mehr in unserem Dossier unter www.sonntagsblatt.de/reformation!

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