22.06.2019
Zwischen Holzfabrik und Biotop

Gegen den Klimawandel: Kirche setzt auf nachhaltige Waldwirtschaft

Kahlschlag im Wald - es gibt kaum einen traurigeren Anblick. Dagegen labt sich die Seele am saftigen Grün und Schatten der Bäume: Wald ist ein emotionales Thema, zeigt die derzeitige Debatte um die Forste und sterbenden Bäume. Die Kirche will ihre Wälder langfristig pflegen.
Menschen Wald Baum Waldwirtschaft Forst Umwelt
Der Leiter der evangelischen Pfründestiftung Jörg Heinzler (links) mit seinem Team bei einer Waldinspektion in Hochfranken.

"Vielen blutet das Herz", sagt Claudia Blank. Die Lauferin ist mit und ohne Hunde oft im Sebalder Reichswald im Landkreis Nürnberger Land unterwegs. Dort schockieren sie immer wieder riesige Holzernter, die sogenannten Harvester. Kopfschüttelnd steht sie auf sieben Meter breiten "Rückegassen" für diese schweren Geräte. Sie hat beobachtet, dass in ihrem Wald während der Brutzeit der Vögel Bäume gefällt wurden und sie kritisiert Insektizidflüge über vom Schwammspinner befallenen Wäldern. Multifunktionale Waldwirtschaft, sagte die Vertreterin der Bundes-Bürger-Initiative Waldschutz (BBIWS) kürzlich bei einer Veranstaltung der evangelischen Stadtakademie Nürnberg, mache dem Menschen die Erholung kaputt und gefährde den Klimaschutz.

Dagegen müsse es eine Waldwirtschaft geben, die dem Wald in Zeiten des Klimawandels als ökologische Ausgleichfläche schützt. Die jetzige Forstwirtschaft reiße das schützende Kronendach des Waldes auf, das feucht-kühle Waldklima leide darunter. Eine Petition "Wälder sind keine Holzfabriken" der Gruppe haben im Internet bisher 92.000 Menschen unterschrieben.Auch der Bestsellerautor Peter Wohlleben ("Das geheime Leben der Bäume") ist auf ihrer Seite. 

In Zeiten des Klimawandels sind Kiefern und Fichten in den heimischen Wäldern von Schädlingen befallen. Viele kranke Bäume müssen gefällt werden, das bestreiten die Waldbesitzer nicht."Der Wald verreckt uns", drückt es Hans Ludwig Körner, der Geschäftsführer des Bayerischen Waldbesitzerverbands, drastisch aus. Waldeigentümer würden vor dem Ruin stehen und müssten "Schadensabwehr" betreiben. Von Borkenkäfern oder Schwammspinnern befallene Bäume müssen entfernt werden. "Der letzte Sommer steckt den Wäldern in den Knochen", bestätigt Kurt Amereller, Vizepräsident der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft.

"Die Forstwirtschaft hat den Klimawandel nicht verursacht, aber wir haben ihn jetzt an der Backe", sagt Jörg Heinzler, als Leiter der evangelischen Pfründestiftung oberster Waldverwalter der Landeskirche.

Die evangelische Landeskirche ist mit 1.700 Hektar nicht gerade ein großer Waldbesitzer. In ganz Bayern gibt es 2,6 Millionen Hektar Wald.

In den kirchlichen Forsten übernehmen die Waldbewirtschaftung meistens Waldbesitzervereinigungen vor Ort. Heinzler will, dass sie aktiv zum Artenschutz beitragen und integrative Nachhaltigkeit praktizieren. Wichtig sind der Umbau der Wälder zu Mischwäldern genauso wie der Artenschutz. Wenn Heinzler Anrufe von empörten Kirchenvorständen erhält, dass zum Beispiel im Stiftungswald in Unterleinleiter in der Fränkischen Schweiz "bestes Brennholz verrottet" und ungepflegt die Stämme kreuz und quer liegen, erklärt er, was nachhaltiges Wirtschaften bedeutet. Totholz liegen zu lassen, hilft Insekten oder Vögeln. Und es würde dem Waldboden schaden, mit dem Bulldog solche Stämme herauszuziehen.

Klar, die Stiftungen hätten meist den Zweck, einen Gewinn zu erwirtschaften, räumt der Pfründe-Chef ein, aber ein klimaneutrales und standortgerechtes Bewirtschaften sei ebenso eine Investition, nämlich in die Zukunft. "Die Kirche denkt über 100 Jahre im Voraus", stellt Heinzler fest. Wenn allerdings der BBIWS fordert, Waldflächen aus ökologischen Gründen stillzulegen, geht das Heinzler zu weit. Er sei sinnvoll, Holz als nachhaltigen Baustoff zu nutzen.

Dieser Meinung schließt sich der Umweltreferent der evangelischen Landeskirche, Wolfgang Schürger, an. Er warnt vor einer "Betroffenheitsdiskussion" um den Wald und fragt "Was sind die Alternativen?" Er wolle, dass heimisches Holz verarbeitet werde, statt Zellstoff aus Brasilien zu importieren. "Ehrlich den eigenen Lebensstil zu überprüfen", rät der Umweltbeauftragte den Waldkritikern.

Der Waldumbau werde mit dem Tempo des Klimawandels nicht mithalten können, erklärt Kurt Amereller.

Aber man habe in der staatlichen bayerischen Forstwirtschaft bereits einige Schritte getan. "Dem Wald wird weniger entnommen, als nachwächst". Die Flächen mit Fichten-Monokulturen in bayerischen Wäldern schrumpften, das zeigten die aktuellen Zahlen.

Kritikerin Claudia Blank überzeugt das noch nicht: Jahrzehntelang sei "Waldfrevel" begangen worden, sagt sie.

"Wir haben an unseren Wäldern etwas gutzumachen".

Bayerische Waldwirtschaft

Schädlinge, Stürme und der extrem heiße Sommer haben den Wäldern in Bayern in jüngster Zeit Probleme gemacht. Aufgrund der vielen Schäden ist außerdem sehr viel Holz auf dem Markt.

Mehr als ein Drittel der Fläche Bayerns ist bewaldet. Das geht aus der Dritten Bundeswaldinventur (BWI) aus dem Jahr 2012 hervor. Das sind 2,6 Millionen Hektar Wald mit 1,6 Milliarden Bäumen.

Der bayerische Wald gehört 700.000 Waldbesitzer. Über die Hälfte des Waldes (55 Prozent) sind in privaten Händen, knapp 30 Prozent hat der Freistaat Bayern, 12,4 Prozent sind Besitz von Gemeinden und Stiftungen. Ein geringer Teil von 1.700 Hektar Wald gehört evangelischen Stiftungen, während beispielsweise allein die katholische Erzdiözese München und Freising rund 4.500 Hektar Wald bewirtschaftet.

Seit der Einführung einer planmäßigen Forstwirtschaft in Bayern vor rund 300 Jahren setzten sich in den Wäldern die ertragreicheren Nadelbäume wie die Fichte durch. Im Zuge der naturnahen Waldwirtschaft wird wieder mehr auf die Laubbäume gesetzt. Die Waldinventur hat ergeben, dass sich der Anteil der Laubwaldflächen in Bayern von 22 Prozent im Jahr 1971 auf 36 Prozent im Jahr 2012 erhöht hat.

Die Waldwirtschaft setzt vermehrt auf Buchen oder Laubbäume wie Ahorn, Esche oder Hainbuchen. Bei den Nadelbäumen setzt man in Zeiten des Klimawandels vermehrt auf die Douglasie. Jeder zweite Jungbaum unter zwanzig Jahren in den bayerischen Wäldern ist laut Statistik ein Laubbaum. Auch bei den alten Bäumen über 160 Jahren gibt es zu gleichen Teilen Laub- und Nadelbäume.

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema: