In der aufgeladenen Debatte um den Nahen Osten ringen der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi und der Historiker Michael Wolffsohn um Antworten. Im Münchner Café Luitpold diskutierten sie über den Hamas-Terror, die Sicherheit Israels und den Traum von einem Palästinenserstaat.
Israel steht am Pranger der Weltöffentlichkeit, und die Vorwürfe kommen vom Weltkirchenrat, den UN oder von den Straßen Berlins: Das Land betreibe in Gaza einen Völkermord, agiere als Apardheitsstaat und lasse die Kinder im Gazastreifen verhungern. Die Lösung? Israel boykottieren, Abzug der "zionistischen Besatzer" und Gründung eines unabhängigen Palästinenserstaates.
Törtchen und Talkshow-Ambiente
Genau darum ging es an diesem Freitagabend im Café Luitpold, Münchens legendärem Literatursalon mit Törtchen- und Talkshow-Ambiente. Der Claudius Verlag hatte geladen, über 100 Gäste kamen – nicht zum Dessert, sondern zur Debatte. Auf dem Podium: der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi und der Münchner jüdische Historiker Michael Wolffsohn. Moderiert wurde das Gespräch von Sonntagsblatt-Kulturredakteur Markus Springer, Anlass war Ourghis neues Buch "Die Liebe zum Hass".
Am Vortag hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angekündigt, er wolle im Herbst bei der UN als erster westlicher Staatschef einen Palästinenserstaat anerkennen. "Macron kann weiter träumen", konterte Ourghi trocken. Der 7. Oktober habe bewiesen: "Eine Lösung für einen palästinensischen Staat ist nicht mehr möglich."
Für den gebürtigen Algerier Ourghi ist ein palästinensischer Staat keine Friedensvision, sondern ein Sicherheitsrisiko – vor allem für Israel. "Noch zwei-, dreimal der 7. Oktober – das ist die Zukunft mit einem Palästinenserstaat", warnte er. Macron wolle, wie so viele, aus dem Nahostkonflikt politisches Kapital schlagen – auf dem Rücken von Israelis und Palästinensern. Frankreichs Probleme mit Islamismus, so Ourghi, seien "desolat". Es gebe "islamistische Orte" in der Republik, Integration: Fehlanzeige. Seine Diagnose: Macron solle sich lieber um Frankreich kümmern und "vor der eigenen Tür kehren".
Säkularer Staat ohne religiöse Dominanz
Seine eigene Lösung für den Nahostkonflikt: ein gemeinsamer, säkularer Staat namens Israel – ohne religiöse Dominanz, mit gleichen Rechten für alle. Vorbild seien jene arabischen Israelis, Drusen und Beduinen, die seit 1948 im Land leben, ihre Kultur bewahrt und sich dennoch als israelische Bürger etabliert hätten. Aber bis dahin sei es ein langer Weg – einer der Verständigung, nicht der Waffen. "Eine Ideologie kann man nicht mit Waffen besiegen", mahnte Ourghi. "Nur durch Aufklärung, Dialog und Geduld."
Michael Wolffsohn, bekannt für klare Kante, stieg mit einer Mahnung ein: Ja, das Leid der Palästinenser im Gazastreifen schreie zum Himmel – aber schuld sei nicht Israel, sondern die Hamas. "Wenn sie das Überleben ihrer Bevölkerung im Sinn hätte, hätte sie die Waffen längst niedergelegt." Die Bevölkerung sei Geisel der eigenen Führung. "Das Leid könnte morgen zu Ende sein", sagte Wolffsohn, "wenn die Hamas ihre Waffen niederlegt und die Geiseln freilässt."
Stille herrschte im Salon, als Ourghi ein dunkles Kapitel aus seinem neuen Buch ansprach: Die Hamas habe am 7. Oktober den Körper jüdischer Frauen zum Schlachtfeld gemacht. Seine Frage: Wo blieb der Aufschrei im Westen? Feministinnen und Linke, die sonst gegen sexualisierte Gewalt protestieren, schwiegen. Ourghi sprach von einer "Orientierungskrise der Linken und des Feminismus". Wenn die Würde jüdischer Frauen nicht zähle, stehe der Westen vor einem moralischen Abgrund.
Doch der Abend hatte auch Hoffnung im Gepäck: Wolffsohn erinnerte an die Annäherung Israels mit arabischen Staaten. "Die arabisch-sunnitische Welt ist heute Partner Israels."
Ein geschichtlicher Vergleich mit Deutschland nach 1945 macht Michael Wolffsohn Hoffnung: Die Deutschen seien bis zum 8. Mai 1945 – und auch noch eine Weile danach – keine überzeugten Demokraten gewesen. Doch sie hätten erkannt, dass ihre bisherige Ideologie, der Nationalsozialismus, das Land ins Verderben geführt habe. Erst durch die veränderten Machtverhältnisse nach dem Krieg habe sich Deutschland allmählich zu einer Demokratie entwickeln können – ausgelöst durch einen militärischen Sieg über das NS-Regime, der Millionen Opfer forderte, auch auf deutscher Seite.
Wolffsohns Fazit: Die Geschichte zeigt, dass ein Krieg gegen eine verbrecherische Ideologie letztlich auch Befreiung bedeuten kann. Deutschland sei dafür das beste Beispiel.
Im Salon Luitpold ging es an diesem Abend um große Fragen, um Krieg und Frieden, Schuld und Hoffnung – und die Einsicht, dass einfache Lösungen meistens die schlechtesten sind.
Abdel-Hakim Ourghi: Die Liebe zum Hass. Claudius Verlag. 224 Seiten. 24 Euro.
Kommentare
Da hat man es sich also im…
Da hat man es sich also im Elfenbein-Salon mit ein paar Törtchen gemütlich gemacht und die unangenehme Realität einfach mal ausgeblendet: Kriegsverbrechen, gezieltes Aushungern, geplante ethnische Säuberungen, immer mehr Völkerrechtler sprechen von Genozid. Aber nein, selbstverständlich sind die Palästinenser selbst schuld, sonst müsste man ja zugeben, dass man zwei Jahre (oder sein ganzes Leben lang) falsch lag.