Das Nadelholz raschelt leise im fränkischen Wind, als eine neunte Klasse schrittweise den Hangwald des Evangelischen Bildungszentrums Pappenheim (EBZ) betritt. Zehn Meter über dem schattigen Waldboden hängt ein imposantes Gebilde aus stählernen Rahmen und engmaschigen Netzen zwischen zwei über 41 Meter hohen Douglasien. Es ist das sogenannte Kobelnest – das spektakuläre Herzstück des neu geschaffenen Lern- und Erlebnisareals "Pappen.Hain".
Unten am Hang zieht Diplom-Sozialpädagoge Michael Herrmann, Teamleiter für Erlebnispädagogik am EBZ, mit einem Flaschenzug schwungvoll den grünen Netztunnel herab. Der elastische Schlauch rüsselt bodennah herab und gibt den Aufstieg frei. Herrmann schmunzelt in die Runde der Jugendlichen, die mit einer Mischung aus Neugier und Respekt nach oben blicken. Bevor die Ersten in den Tunnel klettern, fordert er sie augenzwinkernd auf, sich die Schuhe an den Fußleisten abzuputzen, denn Eichhörnchen seien schließlich reinliche Tiere und niemand wolle den Dreck des Vordermanns im Gesicht haben.
Meter für Meter schlängeln sich die Schülerinnen und Schüler durch die versetzten Zwischenebenen des Netztunnels nach oben. Kein sperriger Klettergurt bremst die Bewegung, kein Helm drückt auf die Stirn. Das Sicherheitskonzept setzt vollkommen auf die umschlossene Netzstruktur: Herausfallen ist unmöglich.
Als die Ersten die Fußplattform auf zehn Metern Höhe erreichen, entfährt einer Schülerin ein unwillkürliches "Ach du Sch...!", das sofort vom besorgten Rat ihres Mitschülers begleitet wird, bloß nicht nach unten zu gucken, sondern den Blick fest auf die Mitschüler zu richten. Herrmann beruhigt die Gruppe schmunzelnd und erinnert daran, dass jedes einzelne der tragenden Stahlseile die gesamte Last problemlos halten würde. Hier oben schwankt der Untergrund minimal, doch das Gefühl von Höhe ist intensiv.
Hand in Hand über das wackelnde Netz
Um das Vertrauen in den Raum und das Miteinander zu stärken, lädt Michael Herrmann die Neuntklässler zu einer besonderen Übung ein. Erst laufen sie Hand in Hand im gemeinsamen Rhythmus über das wackelnde Netz, wobei schallende Kommandos wie "Rechts, links, stopp!" über die Baumkronen rufen. Danach kreuzen sie die Seiten völlig ohne Handkontakt. Die Orientierungslosigkeit wächst, zwingt aber dazu, jeden Schritt auf den Seilknoten bewusst zu setzen.
Das anschließende flache Hinlegen auf den Rücken bringt Entspannung: Mit Blick ins saftige Kronendach lauschen die Schüler dem Wind und den Vögeln. Doch als Herrmann sie bittet, sich auf den Bauch zu drehen und die Arme durch die Netzmaschen nach unten hängen zu lassen, schlägt die Stimmung um.
Das Gefühl, hilflos in den Abgrund zu schauen, verdeutlicht eindringlich, wie ungewohnt dieser Fokus für bodengebundene Menschen ist – während Eichhörnchen und Vögel lebenslang genau diese Perspektive einnehmen. Vor dem Abstieg wagen Mutige sogar noch einen flüssigen Purzelbaum auf dem elastischen Netz.
Das Video entstand mit Schülerinnen und Schülern aus Pappenheim und Diplom-Sozialpädagoge Michael Herrmann, Teamleiter für Erlebnispädagogik am EBZ, für www.sonntagsblatt.de.
Video und Musik: Timo Lechner
Individuell zugeschnittenes Programm
Das Projekt "Pappen.Hain" unterscheidet sich grundlegend von kommerziellen Kletterparks. Herrmann betont im Gespräch, dass das EBZ bewusst Abstand von standardisierten Massenangeboten nimmt. Jede Gruppe, die das Areal bucht – sei es eine Grundschulklasse, ein Azubi-Team aus der Industrie, ein Sportverein oder ein kirchliches Seminar –, erhält ein individuell zugeschnittenes Programm, das sich strikt an den pädagogischen Zielen der Gruppenleitung orientiert. Neben dem fünfköpfigen Festangestellten-Team der Erlebnispädagogik bringt sich seine Kollegin Christine Hennings intensiv in die Vorbereitung und Durchführung der Aktionstage ein. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass Sicherheit und pädagogischer Freiraum Hand in Hand gehen.
Die Vielseitigkeit des Geländes zeigt sich täglich: Das Kobelnest dient morgens zur Teambildung einer Schulklasse und nachmittags für ein zünftiges Weißwurst-Frühschoppen in zehn Metern Höhe, bei dem die Speisen über speziell konstruierte Mini-Aufzüge nach oben befördert werden. Die Wurzeln dieser Neuausrichtung liegen im Rückbau des früheren Kletterwalds. Auf dem drei Hektar großen Hanggrundstück reifte die Idee, Erlebnispädagogik und Umweltbildung nahtlos zu verschmelzen. In Zusammenarbeit mit der spezialisierten Fachfirma ActionWorks aus Hannover entstand nach vierjähriger Planungsphase ein deutschlandweit einmaliges Bildungsareal. Um eine mächtige Douglasie nicht fällen zu müssen, wurde die Netzkonstruktion sogar gewagt auskragend gebaut.
Von der Photosynthese zum Niedrigseil: Naturwissenschaft hautnah erleben
Nach den Bewegungsabenteuern auf dem elastischen Netz des Kobelnests sammeln sich die Schülerinnen und Schüler auf dem schattigen Waldweg. Herrmann greift zu einem frischen Holunderblatt und platziert es unter einem mobilen Digitalmikroskop. Auf einem tragbaren Bildschirm werden bei vierfacher Vergrößerung die leuchtend grünen Chloroplasten sichtbar. Herrmann erklärt lebendig, wie diese biologischen Kraftwerke mithilfe von Sonnenlicht, Kohlendioxid und Wasser den Sauerstoff produzieren, den der Mensch zum Atmen braucht. Die Schüler staunen über die sichtbaren Zellstrukturen – Bio-Unterricht wird direkt unter den Baumkronen greifbar und lebendig.
Direkt im Anschluss wartet die nächste Herausforderung: der Niedrigseilgarten. Auf stabilen Schraubfundamenten im Waldboden verankert, überwinden die Jugendlichen in etwa 40 Zentimetern Höhe einen Parcours aus straff gespannten Stahlseilen. Ohne schützende Haltelianen hängt der Erfolg ausschließlich vom Miteinander ab: Als sogenannte Spotter stützen sich die Mitschüler gegenseitig an den Schultern ab und reichen wackelnden Läufern rettende Hände. Hier zeigt sich der Kern der Erlebnispädagogik: das Einüben von Sozialkompetenz, Vertrauen und echter gegenseitiger Verantwortung im analogen Raum.
Nachhaltige Architektur im Wald: Die Wurzelhütte als smarte Bildungszentrale
Ein zentraler Baustein des Geländes ist die Wurzelhütte. Der frühere Kiosk wurde ökologisch saniert und erreicht mit Holzfaserdämmung nahezu Passivhausstandard. Die Hütte kombiniert modernste Tagungstechnik – darunter Smartboard, 5G-WLAN und Tische aus Recyclingmaterial – mit Umweltbildungsmaterialien wie Mikroskopen, Fledermausdetektoren und Becherlupen. Eine smarte Heizungssteuerung heizt automatisch vor Buchungen auf, während eine geruchsfreie Komposttoilette im Außenbereich das Wasserschutzgebiet schont. Zur Sicherheit überwacht eine verdeckt installierte, solarbetriebene KI-Kamera das Areal.
Um die Wurzelhütte erstreckt sich ein öffentlich zugängliches Areal für Familien, Wanderer und Einheimische. Ein Baumlehrpfad führt durch den einstigen Versuchswald mit Flatterulmen, Kaukasischen Flügelnüssen und majestätischen Douglasien. Picknickbänke, Liegen am Zimmerer Berg und ein Barfußbad – gestiftet vom Elternbeirat der Grundschule Pappenheim-Zennhofen – runden das vielseitige Geländekonzept harmonisch ab.
Grenzbereiche im Wipfelblick und solide Finanzierung für die Zukunft
Für besonders Mutige hält die Abseilplattform "Wipfelblick" in 15 Metern Höhe Nervenkitzel bereit. Über eine Strickleiter gesichert geht es nach oben, von wo aus sich die Teilnehmenden eigenständig am Seil abseilen. Das Gesamtprojekt schlug mit rund 300.000 Euro zu Buche und wurde zu 50 Prozent netto über das EU-Förderprogramm LEADER unterstützt. Baulich wurde extrem schonend vorgegangen: Kein gesunder Baum wurde gefällt, Beton gänzlich vermieden und Schraubanker verwendet, die sich rückstandslos entfernen ließen.
Der hohe Buchungsvorlauf bestätigt den großen Erfolg des Konzepts. Gleichzeitig stellt die faire Preisgestaltung sicher, dass auch finanziell schwächer gestellte Schulklassen und Jugendgruppen Zugang zu diesem einmaligen Lernort erhalten. Zwischen den Kronen der Pappenheimer Douglasien wird somit täglich bewiesen, dass Mut, Gemeinschaft und Naturverständnis am besten dort gedeihen, wo Umwelt hautnah erfahrbar wird.