27.06.2018
AfD-Parteitag in Augsburg

Regionalbischof Michael Grabow: "Wir müssen Gesicht zeigen"

Vor dem Parteitag der rechtspopulistischen AfD in Augsburg mahnt Augsburgs evangelischer Regionalbischof Michael Grabow an, rechten Tendenzen entgegenzutreten
Friedenstafel auf dem Augsburger Rathausplatz
Friedenstafel auf dem Augsburger Rathausplatz: In Augsburg leben Menschen aus mehr als 140 Nationalitäten friedlich zusammen. Damit das so bleibt, sei es wichtig, gegenüber rechten Tendenzen "klare Kante" zu zeigen, sagt Michael Grabow.

Zahlreiche Gruppen, Verbände und Initiativen beteiligen sich in Augsburg an Aktionen gegen den Bundesparteitag der AfD, der am Samstag (30. Juni) und Sonntag (1. Juli) auf dem Augsburger Messegelände stattfindet. Das Bündnis für Menschenwürde Augsburg, zu dem auch die evangelische Kirche gehört, lädt am Samstag zu einer Kundgebung auf dem Rathausplatz. Unter dem Motto "Zeig' dich Aux" wollen die Teilnehmer der Veranstaltung für "Haltung, Solidarität und Toleranz" protestieren - und gegen das Erstarken rechter Tendenzen in der Gesellschaft.

Herr Grabow, wie sehr beunruhigen Sie solche Tendenzen?

Michael Grabow: Ich mache mir große Sorgen darüber. Rechtsradikalismus und Antisemitismus sind wieder in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Es sind längst nicht mehr nur die Glatzen mit Springerstiefeln, sondern auch Vertreter ehrenwerter Berufe, die ihren Ressentiments freien Lauf lassen. Das geht von der Benutzung diskriminierender Ausdrücke gegen bestimmte Menschengruppen bis zur gezielten Verharmlosung des verbrecherischen Naziregimes. Wer so redet, macht sich mitschuldig an der Zerstörung unserer Grundwerte und spaltet die Gesellschaft.

Welche Rolle spielt die AfD dabei?

Grabow: Zunächst einmal: Die AfD, ganz gleich, wie man zu ihr stehen mag, sitzt demokratisch legitimiert in zahlreichen Parlamenten der Länder und im Bundestag. Die Verantwortung, die ihr damit übertragen wurde, bedeutet aber auch, dass man ihre Programmatik sorgfältig darauf prüfen muss, welche Ziele diese Partei verfolgt und welchen Stil im politischen Umgang mit Andersdenkenden sie pflegt. Da gibt es reichlich Anlass, sehr kritisch zu fragen, ob die Politik der AfD und ihre Rhetorik den Grundwerten unseres demokratischen Gemeinwesens schaden.

Wie ist Ihre Meinung dazu?

Grabow: Die AfD hat sich von einer europa- und eurokritischen Partei immer weiter nach rechts entwickelt. Man muss dabei jedoch differenzieren. Nicht alle AfD-Mitglieder und bisherigen AfD-Wähler sind mit den Äußerungen ihrer Leitfiguren einverstanden. Aber führende AfD-Funktionäre verharmlosen das Naziregime, wenn sie, wie etwa Alexander Gauland, Hitler und die Nazis als "Vogelschiss in über 1000 Jahren deutsche Geschichte" bezeichnen. Oder wenn Björn Höcke die Kanzlerschaft Angela Merkels "das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik" nennt. Damit wird das verbrecherische, unmenschliche Naziregime relativiert und demokratisch gewählte Regierungen, die Deutschland viel Gutes gebracht haben, verbal mit dem Dritten Reich auf eines Stufe gestellt.

Porträtbild Michael Grabow
"Wir müssen für unsere christlichen Werte eintreten und mit ihnen in die Gesellschaft hineinwirken", sagt Michael Grabow.

Wie kann Kirche solchen Tendenzen entgegentreten?

Grabow: Wir müssen für unsere christlichen Werte eintreten und mit ihnen in die Gesellschaft hineinwirken. Das heißt: Wir müssen Gesicht zeigen - für Nächstenliebe, Menschenwürde und Gleichberechtigung. Aber wir dürfen das nicht besserwisserisch tun. Ich denke, es ist wichtig, zuzuhören. Was bewegt die Menschen, die sich Sorgen um ihre Zukunft machen? Was bringt sie dazu, einer populistischen oder extremen Partei ihrer Stimme zu geben? Aber: Wo Menschen ihre Würde abgesprochen wird, wo Hass gepredigt oder unsere Gesellschaft gespalten wird, da müssen wir klare Kante zeigen und sagen: Stopp, so geht es nicht.

Sollten sich Kirchengemeinden an den Aktionen gegen den AfD-Parteitag beteiligen?

Grabow: Nicht gegen den Parteitag, sondern für unsere Werte: Der Dekanatsbezirk Augsburg hat die Gemeinden eingeladen, "ein Zeichen für das friedliche Miteinander und Füreinander" in Augsburg zu setzen und "die gegenwärtigen Herausforderungen in unserem Land vor Gott zu bringen". Ich halte das für richtig. Darüber hinaus sollte sich Kirche auf jeden Fall an der Auseinandersetzung mit den programmatischen Aussagen der AfD und den teilweise extremen Äußerungen einzelner ihrer Vertreter beteiligen und auch Stellung beziehen - über den Parteitag in Augsburg hinaus."

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