Romani Rose ist seit Februar 1982 Vorsitzender des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma. Der 75-Jährige entstammt einer Sinti-Familie, 13 seiner Familienangehörigen wurden von den Nazis in Konzentrationslagern ermordet. Schon seit den 1970er-Jahren engagiert sich Rose in der Bürgerrechtsarbeit und hat den Anliegen der Sinti und Roma öffentliches Gehör verschafft.

Seit der Gründung des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma sind 40 Jahre vergangen. Was hat sich seither bewegt?

Rose: Seit 1997 gelten Sinti und Roma neben den Sorben, Friesen und Dänen als eine anerkannte Minderheit in Deutschland. Um unsere Kultur zu fördern und zu schützen, haben viele Bundesländer mit unseren Landesverbänden Staatsverträge abgeschlossen. Eine langjährige Forderung des Rats hat sich mit der Berufung von Mehmet Daimagüler zum ersten Beauftragte der Bundesregierung gegen Antiziganismus erfüllt. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass immer mehr Menschen erkennen, dass Antiziganismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Diskriminierungen können ihre volle Kraft nur dann entfalten, wenn ihnen nicht deutlich widersprochen wird.

"Sorgen bereitet uns ein zunehmend auch gewaltbereiter Antiziganismus in ganz Europa."

Was sind die Herausforderungen der nächsten Jahre in der Arbeit für gesellschaftliche Anerkennung von Sinti und Roma?

Rose: Die größte Aufgabe ist sicherlich, die Demokratie und den Rechtsstaat gemeinsam zu stärken. Politisch ist die Bundesrepublik europaweit beispielhaft im Umgang mit der Minderheit. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene bleibt allerdings noch viel zu tun. Studien zeigen, dass die Ablehnung von Sinti und Roma noch immer hoch ist. Sorgen bereitet uns als Verband ein zunehmend auch gewaltbereiter Antiziganismus in ganz Europa. Aktuell wird die öffentliche Wahrnehmung unserer Minderheit immer noch von Klischees und Vorurteilen bestimmt. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft die kulturellen Leistungen der Sinti und Roma anerkennt und ihre Rolle in der Entwicklung der europäischen Kultur zu würdigen weiß. Denn nur so können antiziganistische Vorurteile erfolgreich abgebaut werden.

"Sinti und Roma sind immer Teil der Gesellschaften ihrer Heimatländer."

Gibt es etwas, dass Sie jungen Menschen, besonders vielleicht jungen Sinti und Roma, mit auf den Weg geben möchten?

Rose: Ich möchte jungen Menschen, insbesondere den jungen Angehörigen unserer Minderheit sagen, dass sie sich Folgendes bewusst machen müssen: Kulturelle Identität bildet keinen Gegensatz zur nationalen Identität. Sinti und Roma sind immer Teil der Gesellschaften ihrer Heimatländer, auch für sie gilt der Satz: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann - frage, was du für dein Land tun kannst." Eine wehrhafte Demokratie besteht aus einem Bündnis aller Menschen, die für den Rechtsstaat einstehen. Doch wir müssen den Rechtsstaat auch aktiv bemühen und unsere verfassungsmäßig garantierten Rechte einfordern.

Gottesdienst und Podiumsgespräch zum Internationalen Roma-Tag

In diesem Jahr lädt die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau erstmals zum Welt-Roma-Tag zu einem thematischen Gottesdienst und einem Podiumsgespräch ein. Den ökumenischen Gottesdienst gestalten Pastoralreferentin Judith Einsiedel und Kirchenrat Björn Mensing, in der Erzdiözese München und Freising bzw. in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für die Gedenkstättenarbeit verantwortlich.

Die Kirche steht an einem Ort, der für die Sinti und Roma von großer Bedeutung ist. Als Gedenkort für die mehr als 2.300 Angehörigen der Minderheit, die vom NS-Regime ins KZ Dachau verschleppt worden sind. Aber auch als Ort, an dem Geistliche, die im KZ interniert waren, dem "Rassenforscher" Robert Ritter für seine antiziganistischen "Gutachten" zuarbeiten mussten, auf deren Grundlage oft die Deportation in Vernichtungslager erfolgte. Gegen den Weitergebrauch dieser "Gutachten" durch die Polizei nach 1945 und für die staatliche Anerkennung des NS-Völkermords an der Minderheit traten im April 1980 elf Sinti, unter ihnen KZ-Überlebende und als Sprecher Romani Rose, sowie die Münchner Sozialarbeiterin Uta Horstmann in der KZ-Gedenkstätte Dachau in den Hungerstreik. Die Versöhnungskirche stellte ihre Räume als Quartier zur Verfügung. 1993 suchten zahlreiche von der Abschiebung bedrohte Roma aus Südosteuropa über Wochen Zuflucht in der Versöhnungskirche.

Wann: Sonntag, 10. April 2022, 11 Uhr

Wo: Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau