Es gehört derzeit fast schon zum guten Ton bestimmter Debatten, über den Begriff "antimuslimischer Rassismus" zu spotten. Bei "Markus Lanz" fiel kürzlich die Frage: "Was zum Teufel ist Rassismus in Bezug auf eine Religion?" Reichweitenstarke Journalisten wie Jan Fleischhauer oder Ulf Poschardt argumentieren seit Jahren ähnlich. Die dahinterstehende Logik lautet: Muslime seien keine Rasse, also könne es auch keinen antimuslimischen Rassismus geben.

Das klingt auf den ersten Blick schlüssig. Ist es aber nicht. Die Vorstellung, Rassismus existiere nur gegenüber biologisch definierten "Rassen", verrät vor allem eines: ein erstaunlich oberflächliches Verständnis davon, wie Rassismus funktioniert. Zumal die moderne Wissenschaft seit Jahrzehnten weiß, dass es menschliche "Rassen" gar nicht gibt.

Rassismus beginnt nicht dort, wo Menschen vermeintlich einer biologischen Gruppe angehören. Er beginnt dort, wo Menschen als Gruppe konstruiert werden. Wo ihnen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Wo Individuen verschwinden und nur noch das Kollektiv übrig bleibt.

Es beginnt mit Zuschreibungen. Mit der Behauptung, eine bestimmte Gruppe gehöre irgendwie nicht richtig dazu. Mit dem Verdacht, diese Menschen seien anders, gefährlich, illoyal oder eine Bedrohung für das, was man selbst für die eigene, die eigentliche Gesellschaft hält.

Antimuslimischer Rassismus ist keine Theorie

Wie präsent antimuslimischer Rassismus in Deutschland ist, zeigt ein aktuelles Lagebild der vom Bund geförderten, zivilgesellschaftlichen Organisation CLAIM. Für das Jahr 2025 wurden in Deutschland 4.096 antimuslimische Vorfälle dokumentiert – im Durchschnitt mehr als elf pro Tag. Erfasst wurden Beleidigungen, Bedrohungen, Diskriminierungen, Sachbeschädigungen und körperliche Angriffe. Die Zahl liegt deutlich höher als im Vorjahr: 2024 waren es noch 3.080 dokumentierte Fälle.

Dabei handelt es sich nicht nur um verbale Angriffe. CLAIM registrierte 2025 auch 214 schwere Übergriffe in Form von Körperverletzungen sowie zwei Tötungsdelikte. Die Beispiele reichen von angegriffenen Schulkindern über Bombendrohungen gegen Moscheen bis hin zu rassistischen Beleidigungen und Angriffen auf Frauen mit Kopftuch.

Die Zahlen zeigen: Antimuslimischer Rassismus ist keine theoretische Debatte über Begriffe. Er betrifft Menschen ganz konkret – auf der Straße, in Schulen, am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld und im Kontakt mit Behörden. Und die tatsächliche Zahl dürfte noch höher liegen, weil viele Betroffene Vorfälle nicht melden oder anzeigen.

Ohne die Bundesrepublik Deutschland mit der Weimarer Republik oder Muslime mit Juden gleichzusetzen, lohnt ein Blick auf die Mechanismen, die sich historisch wiederholen können. Auch heute wird wieder über eine Minderheit oft gesprochen, als sei sie vor allem ein Problem. Muslime erscheinen in vielen Debatten nicht als Millionen unterschiedlicher Menschen, sondern als Projektionsfläche. Der Islam wird mit Terrorismus assoziiert, muslimische Männer mit Gewalt, muslimische Frauen mit Unterdrückung. Einzelne Straftaten oder extremistische Gruppen werden zu Belegen für angebliche Eigenschaften einer ganzen Bevölkerungsgruppe.

Die Grenze zwischen Kritik und Generalverdacht

Besonders aufmerksam sollten wir werden, wenn aus Kritik an konkreten Missständen Verallgemeinerungen über Menschen werden. Denn selbstverständlich gibt es islamistische Organisationen und Netzwerke. Selbstverständlich gibt es Prediger und Organisationen, die demokratische Werte ablehnen. Wer vor politischem Einfluss islamistischer Akteure warnt, betreibt keine Hetze.

Aber genau hier verläuft die entscheidende Grenze: Zwischen der Kritik an Islamisten und einem Generalverdacht gegen Muslime. Und diese Grenze verschwimmt zunehmend.

Als kürzlich ein CDU-Mitglied in einem Video erklärte, man solle Muslime "vergasen", war der öffentliche Aufschrei groß. Die Partei distanzierte sich umgehend, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch erschreckend ist, dass ein Mensch offenbar glaubte, solche Worte überhaupt aussprechen zu können. Noch erschreckender ist die historische Selbstverständlichkeit, mit der dabei auf die Ermordung der Juden Bezug genommen wurde.

Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Aber sie kehrt oft als Echo zurück. Deshalb lohnt auch der Blick auf aktuelle Debatten. Wenn in Talkshows über islamistische Einflussnahme gesprochen wird, ist das legitim, solange man sich an Fakten hält. Problematisch wird es dort, wo aus der berechtigten Sorge vor Gewalt ein Misstrauen gegenüber Millionen Menschen wird, die damit rein gar nichts zu tun haben.

Antimuslimischer Rassismus bedeutet nicht, dass eine Religion über Kritik erhaben wäre. Er beginnt dort, wo Menschen wegen ihres Namens, ihres Aussehens oder ihrer Herkunft zu Verdächtigen gemacht werden. Wo nicht mehr gefragt wird, was jemand denkt oder tut, sondern nur noch, welcher Gruppe er zugerechnet werden kann.

Nie wieder beginnt mit dem Blick auf die Gegenwart

Nie wieder, heißt es immer wieder. Ja, in der Tat: Nie wieder. Nie wieder die Gewöhnung daran, Menschen als homogenes Kollektiv zu betrachten. Nie wieder die Einteilung in "wir" und "die". Nie wieder die Erzählung, eine Minderheit sei das eigentliche Problem der Gesellschaft, "unser Unglück".

Die Juden waren damals nicht das Problem. Sie wurden dazu gemacht. Die Deutschen wachten nicht eines Morgens im Jahr 1933 auf und beschlossen, Millionen Juden zu ermorden. Der Weg dorthin war gepflastert mit Erzählungen. Mit der Behauptung, Juden seien nicht loyal. Mit dem Verdacht, sie würden im Verborgenen Einfluss ausüben. Mit der Vorstellung, sie seien irgendwie fremd und gehörten nicht wirklich dazu.

Diese Erkenntnis sollte uns wachsam machen, wie heute über Muslime gesprochen wird. Nicht weil sich Geschichte wiederholen würde. Sondern weil die ersten Schritte auf gefährlichen Wegen oft erschreckend ähnlich aussehen.