22.05.2016
Spiritualität

Drei Tage und drei Nächte einsam in der Wildnis verbringen. Fasten, nachdenken, beten. Kann man so Gott begegnen? Ulrich Schineis meint: Ja. Der Pfarrer aus Buxach bei Memmingen organisiert regelmäßig Waldexerzitien und sogenannte Visionssuchen.
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Ulrich Schineis ist evangelischer Pfarrer in Buxach bei Memmingen. Er organisiert regelmäßig so genannte Waldexerzitien und Visionssuchen. Dabei sitzen die Teilnehmer ein bis drei Tage und Nächte an einem einsamen Platz in der Wildnis und meditieren. Das könne Ihnen dabei helfen, ihre eigenes Leben zu überdenken und Gott in der Natur zu begegnen, sagt Schineis.

Herr Schineis, was passiert bei einer Visionssuche?

Ulrich Schineis: Die Teilnehmer gehen hinaus in die Natur, suchen sich einen Platz und bleiben dort drei Tage lang ganz alleine. Das soll ihnen helfen, einen neuen Blick zu bekommen auf ihr bisheriges, ihr jetziges und ihr künftiges Leben. Möglicherweise eröffnet Gott ihnen diesen Blick. Letztlich geht es daher auch um eine Begegnung mit Gott in der Natur.

Geht das in der Natur besser als in der Kirche?

Schineis: Es ist etwas anderes. Ich höre von Menschen, die nicht in die Kirche gehen, immer wieder den Satz: Ich brauche keine Kirche, ich gehe zum Beten lieber in den Wald. Oder: Ich kann Gott viel besser in der Natur finden. Also gehe ich eben mit ihnen in die Natur hinaus, um Gott zu begegnen. Das ist im Christentum nicht so ungewöhnlich.

Inwiefern?

Schineis: Ganz viele Gottesbegegnungen der Bibel fanden in der Natur statt. Denken Sie an Mose, dem Gott im Dornbusch erscheint. Oder Abraham, der Gottes Gegenwart im nächtlichen Sternenhimmel wahrnimmt. Viele große Offenbarungen sind in der Wildnis passiert. Mit der Visionssuche nehmen wir das auf und beleben gleichzeitig ein altes, christliches Ritual wieder: Schon die Mönche zogen sich zurück in die Natur, um dort Gott zu suchen und mit ihm in Kontakt zu kommen.

Wen wollen Sie mit dieser Suche ansprechen?

Schineis: Ursprünglich war das Angebot für Männer gedacht. Viele Männer sagen ausdrücklich, dass sie Gott lieber in der Natur als in der Kirche begegnen wollen. Logisch - auch Frauen suchen ein solches intensives Erlebnis, daher haben wir unser Angebot geöffnet. Bei der letzten Visionssuche waren drei Frauen und fünf Männer dabei. Oft sind es Menschen, die sich in einer Übergangsphase in ihrem Leben befinden, an einem Wendepunkt, und sich fragen, welchen Weg sie einschlagen sollen.

Wie läuft die Visionssuche ab?

Schineis: Sie dauert in der Regel insgesamt elf Tage. Drei Tage davon verbringen die Teilnehmer einsam in der Wildnis. Darauf bereiten wir sie einige Tage vor. Auch danach nehmen wir uns Zeit, um das Erlebte festzuhalten und es mit hineinzunehmen ins normale Leben.

Was passiert während der drei Tage Einsamkeit?

Schineis: Man begibt sich an einen Platz, den man sich zuvor ausgesucht hat, an seinen »Kraftplatz«. Dort sitzt man im Freien, fastet, betet, denkt nach, langweilt sich, weint - oder tut einfach gar nichts. Wann bietet sich einem sonst die Chance, so intensiv das eigene Leben und die großen Fragen wahrzunehmen? Dafür Zeit und Inspiration geschenkt zu bekommen, verändert viel. Natürlich geben wir den Teilnehmern eine Grundanleitung mit. Aber was bei jedem Einzelnen passiert, ist offen.

Was berichten die Teilnehmer: Begegnen sie Gott in der Einsamkeit der Natur?

Schineis: Die Berichte sind ganz unterschiedlich. Es ist jedoch fast immer so, dass die Teilnehmer nach drei Tagen die Schutzschicht fallen lassen, die sie im Alltag um ihre Seele errichtet haben. Die Seele gerät ins Schwingen, man nimmt außergewöhnliche Dinge wahr. Manche sprechen dann davon, Gott begegnet zu sein. Das ist bei jedem anders: Es ist Gott, so wie jeder Einzelnen ihn erfährt. Dahinter steht jedoch das Bewusstsein: Gott ist da, er ist Realität.

 

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