20.11.2016
Geschichte

Verstoßene jüdische Schüler unvergessen machen

Sie sollten sich "eine Institution ihresgleichen suchen", stand in den 1930er-Jahren in Schulverweisen des Nürnberger Melanchthon-Gymnasiums. Gemeint waren jüdische Schüler, die nun unerwünscht waren. Sechs Jahre lang haben heutige Schüler und Lehrer die Schicksale der früheren Melanchthonianer untersucht. Herausgekommen sind eine Ausstellung und ein Buch. Und Erinnerungen, die nachdenklich stimmen.
Ausstellungsplakat »Schalom Melanchthon«
Ausstellungsplakat »Schalom Melanchthon«

Was wohl Schulgründer Philipp Melanchthon dazu gesagt hätte, als vor rund 80 Jahren Schüler wegen ihres nicht erwünschten Glaubens der Lehranstalt verwiesen wurden? "Wir wollten die Humanität Melanchthons mit der Inhumanität der Nazis spiegeln. Und mit der eigenen Schuld", sagt Martina Switalski, Studienrätin der Traditionsschule, über die Ausstellung "Schalom Melanchthon. Schicksale am Melanchthon-Gymnasium nach 1933".

Bis zum 27. Januar 2017 werden Dokumente der Jahre nach der Machtergreifung Hitlers bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs nun im kleinen Foyer des Stadtarchivs Nürnberg gezeigt. Fotos der Verstoßenen, originale Schriftstücke, in denen im strengsten Behördendeutsch über Schicksale entschieden wurde, und weitere Zeitzeugnisse hinterlassen beim Besucher Kopfschütteln.

Ehemaliger Schüler als Anstoß

Auslöser der Auseinandersetzung war der Besuch von Jacob Rosenthal im Jahr 2010, der zur Gedenkveranstaltung anlässlich des 450. Todestags des Schulgründers erschien. Ein Besuch, der eine wahre Welle der geschichtlichen Aufarbeitung an der Schule auslöste. In der Folge beschäftigten sich mehrere Abiturienten-Jahrgänge mit der Geschichte jüdischer Schüler am Melanchthon-Gymnasium, durchleuchteten das Verhalten der Lehrer, recherchierten in den schulischen sowie städtischen Archiven. Zeitzeugen wurden aufgespürt und befragt, Kunst-Projekte angeleiert und ein Schüleraustausch ins Leben gerufen.

Schüler Theo Tharandt und Studienrätin Martina Switalski in der Nürnberger Ausstellung »Schalom Melanchthon«.
Schüler Theo Tharandt und Studienrätin Martina Switalski begutachten die Ausstellung »Schalom Melanchthon«, die Schicksale jüdischer Schüler am Melanchthon-Gymnasium aufarbeitet.

Aufgaben und Erlebnisse, an denen die Schule und deren Lehrer wie Schüler gewachsen sind. Und die der Schule sogar einigen Ruhm eingebracht haben, wovon zum Beispiel Preise der Stadt Nürnberg oder sogar eine Einladung ins Auswärtige Amt zeugen.

Martina Switalski hat die Ergebnisse jahrelanger Recherchen in einem Buch zusammengefasst, das im Zuge der Ausstellung erschienen ist. Freilich war die Nürnberger Schule nicht die einzige, an der teils in vorauseilendem Gehorsam rigoros Nazi-Ideologie in die Tat umgesetzt und jüdische Mitschüler ausgegrenzt wurden. Doch wohl selten hat sich eine Lehranstalt so intensiv der Dokumentation dieses dunklen Flecks der eigenen Geschichte gestellt.

Von der Schulbank zur Flak

In den Kapiteln wird von NS-Ideologie im Unterricht ebenso berichtet wie von der Entnazifierung nach 1945. Und es kommen Zeitzeugen zu Wort wie der heute 90-jährige Otto Hornstein, der 1943 von der Schulbank direkt zur Flak musste und vom "Schusserplatz" in Nürnberg aus mit der Kanone die Bomber der Aliierten beschoss und dabei um sein Leben bangen musste.

Und es waren nicht nur die "Nazi"-Jahre, in denen es jüdische Schüler schwer hatten. Antisemitismus gab es bereits zur Zeit des Ersten Weltkriegs, wie der 18-jährige Theo Tharandt dem Sonntagsblatt erklärte. Der Nürnberger hat das Kriegstagebuch des jüdischen Schülers Walter Freudenthal aus dem Jahr 1918 aufgearbeitet und berichtet von der Auseinandersetzung mit dessen jüdischem Glauben und dem Schüler-Dasein. "Er kann nicht mehr erfahren, dass 100 Jahre später ein Melanchthonianer von seinem Leben erzählt. Aber ich bin froh, dass ich auf diese Weise Walter Freudenthal unvergessen machen kann."

 

BUCHTIPP: Martina Switalski (Hg.): "Schalom Melanchthon. Schicksale am Melanchthon-Gymnasium seit 1933", ISBN 978-3-939171-48-5

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