8.12.2017
Dekanat Bamberg

Von »bedrückenden Nachrichten für unser Dekanat« sprach Pfarrerin Anette Simojoki, von »niederschmetternden Fakten« Dekan Hans-Martin Lechner. Die Veranstaltung über den Umgang der evangelischen Kirche mit Pfarrern, die NS-Täter waren, im völlig überfüllten Gemeindezentrum der Bamberger Erlöserkirche ließ viele ratlose Gesichter zurück.
Marion Krüger-Hundrup, Anette Simojoki, Björn Mensing und Hans-Martin Lechner bei der Informationsveranstaltung im Gemeindezentrum der Bamberger Erlöserkirche.
Ihr erklärtes Ziel ist die kritische Aufarbeitung (von links): Marion Krüger-Hundrup, Anette Simojoki, Björn Mensing und Hans-Martin Lechner bei der Informationsveranstaltung im Gemeindezentrum der Bamberger Erlöserkirche.

 

Den aktuellen Anlass hatte die Journalistin Marion Krüger-Hundrup von der Tageszeitung Fränkischer Tag Bamberg geliefert. Sie hatte aufgedeckt, dass der ab 1946 als Pfarrer in der Erlöserkirche eingesetzte Alfred Schemmel SS-Kompanieführer im Vernichtungskonzentrationslager Auschwitz war. Diese Vorgeschichte Schemmels im Nationalsozialismus war der bayerischen Landeskirche bisher nicht bekannt. Schemmel hatte seinen Lebenslauf gefälscht und die Mitgliedschaft in der SS seinem neuen Dienstgeber nach dem Krieg verheimlicht.

Sie bezweifle, dass Schemmel überhaupt Pfarrer war, sagte Krüger-Hundrup aufgrund ihrer ausführlichen Recherchen. Als Pfarrer sei Schemmel in der historischen Literatur gar nicht zu finden, lediglich als Lehrer und Gründer einer Jugendgruppe. Dennoch stellte die Journalistin klar, dass sie sich kein Urteil »über diesen Mann« anmaße. Gleichwohl könne Schemmel, immer mit der Angst im Rücken, enttarnt zu werden, kein glückliches Leben in Bamberg geführt haben. Ob er durch seine seelsorgerische Tätigkeit eine wirkliche Umkehr vollzogen habe, darüber könne niemand ein wirkliches Urteil fällen.

Unterstützung bei der Rechereche

Gleichwohl schloss Marion Krüger-Hundrup die Vermutung nicht aus, dass der oft als »beliebter und fürsorglicher Seelsorger« beschriebene Schemmel sogar einer der Mörder der Philosophin und Frauenrechtlerin Edith Stein, die von der katholischen Kirche als Heilige und Märtyrerin verehrt wird, sein könnte.

Auf die Spur Schemmels sei sie durch eine mehr oder wenige anonyme Mail gestoßen, die offensichtlich der Sohn eines einstigen Freundes von Schemmel an die Tageszeitung geschickt hatte. Ihre Recherchen seien im Großen und Ganzen unterstützt worden, lediglich bei der Bamberger Kreisgruppe des Verbands der Siebenbürger Sachsen sei sie auf eine Mauer des Schweigens und der Abwehr gestoßen. Der 1987 verstorbene Schemmel hatte die Kreisgruppe 1961 gegründet.

Profunde Aufarbeitung der NS-Zeit

Für die übrigen Fakten war Björn Mensing zuständig. Der Historiker und Pfarrer an der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau hatte in seinem Buch »Pfarrer und Nationalsozialismus« aus dem Jahr 1999 die ideologische Verstrickung von Pfarrern im Nationalsozialismus bis 1945 profund aufgearbeitet.

Von den evangelischen Pfarrern in Bayern sei etwa jeder siebte NSDAP-Mitglied gewesen, sagte Mensing. Von den damals 13 Pfarrstellen im Bamberger Dekanat seien fünf Pfarrer, und damit überdurchschnittlich viele, während der NS-Zeit in die NSDAP eingetreten. Die US-Besatzung hatte die Entlassung politisch belasteter Pfarrer gefordert. Obwohl bayernweit 170 Pfarrer in diese Kategorie fielen, habe die Landeskirche bis zum Frühjahr 1946 keinen einzigen Pfarrer wirklich entlassen. Lediglich 28 Pfarrer seien bayernweit angewiesen worden, sich der Dienstgeschäfte zu enthalten.

Milde gegenüber NS-Pfarrern

Die formale Belastung sei teilweise sehr hoch gewesen, doch letztlich seien alle als Mitläufer eingestuft und zu einer symbolischen Sühnezahlung verurteilt worden, die dann später meist auch noch erlassen wurde. Alle anderen Pfarrer hätten als nicht belastet und damit als entnazifiziert gegolten. »Die Milde der Spruchkammer gegenüber Pfarrern übertraf noch die Milde gegenüber der übrigen Bevölkerung«, sagte Mensing.

»Das war und ist kein Ruhmesblatt vor 1945 für die evangelische Kirche gewesen und auch im Nachhinein nicht«, sagte Dekan Lechner. Es stellte aber auch unmissverständlich fest: »Es steht uns nicht zu, als Nachgeborene über andere zu urteilen.« Kein Mensch könne wirklich wissen, wie er sich selbst in diesem Umfeld von Terror und Gewalt verhalten hätte.

Es mache sprachlos, wenn Schemmel auf der einen Seite in den Akten als liebenswürdig und hilfsbereit beschrieben werde, er aber auf der anderen Seite augenscheinlich sogar mit dem Mord an Edith Stein zu tun habe. Kein Mensch könne nachvollziehen, wie Schemmel mit dieser »furchtbaren Lebenslüge« zurecht gekommen und trotzdem durch ihn über viele Jahre hinweg das Evangelium geflossen sei und er viele Bamberger konfirmiert oder getraut habe.

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