18.12.2016
Handwerkskunst

Zinnfiguren seit über 200 Jahren

Ein Engel auf einer Rakete, ein verschneites Vogelhäuschen, der Nikolaus auf seinem Schlitten, ein Stern mit Kometenschweif: Die bunten Figuren von Zinngießer Jordi Arau sind - nicht nur zur Weihnachtszeit - Stücke für Liebhaber und Nostalgiker.
Das Nasenschild der Zinngießerei Wilhelm Schweizer in Dießen am Ammersee.
Das Nasenschild der Zinngießerei Wilhelm Schweizer in Dießen am Ammersee.

Was der Nikolaus wohl denken mag, während er konzentriert die große Glocke am Glockenständer läutet? Ob er den Duft der Maronen riecht, die hinter ihm auf dem Ofen geröstet werden? Und ob er bemerkt, dass der Spielzeugteddybär aus seinem abgestellten Geschenkesack ihn aufmerksam beobachtet?

Je länger man vor den Vitrinen im Verkaufsraum der Wilhelm-Schweizer-Zinnmanufaktur steht, desto mehr Geschichten fallen einem ein zu all den Figuren, die sich dort versammeln: Nikoläuse und Engel, Tier- und Märchenfiguren, Tänzer um einen bayerischen Maibaum und sogar noch die klassischen Zinnsoldaten - alle zweidimensional und detailreich bemalt.

»Ich denke mir auch manchmal Geschichten aus, wenn ich die Figuren für den neuen Katalog zusammenstelle«, erzählt Jordi Arau, Inhaber der Zinnmanufaktur in Dießen am Ammersee, und schmunzelt. Das dürfte ihm nicht schwerfallen - schließlich entstammen alle Figuren ja sowieso schon seiner Fantasie.

Zinngießer ist Jordi Arau seit 1981: Der Maschinenbauer aus Spanien brachte sich das Handwerk selber bei.
Zinngießer ist Jordi Arau seit 1981: Der Maschinenbauer aus Spanien brachte sich das Handwerk selber bei.

»Ich habe immer schon gerne gezeichnet und gebastelt«, erzählt Arau, der in Barcelona geboren ist. Zum Maschinenbaustudium kam der Spanier nach Deutschland, später lernte er Annemarie Schweizer kennen, deren Familie seit 1796 in Dießen Wallfahrtstafeln, Geschirr und Figuren aus Zinn herstellte. Schweizer hat selbst Graveurin gelernt, entschied sich dann aber für ein Medizinstudium.

Jordi Arau hingegen stieg 1981 in den Familienbetrieb ein, brachte sich selbst das Gravieren bei und kann nun vom Entwerfen der Figuren bis zur Herstellung der Gussformen ganz seine kreative Seite ausleben. Über 1000 alte Formen aus der Vergangenheit der Manufaktur lagern zwar noch im Haus, doch Arau denkt sich meistens neue Figuren aus, da die alten Motive oft aus der Zeit gefallen sind. Jedes Jahr gibt es einen besonderen »Jahresnikolaus« und einen »Jahresengel«. Viele Sammler warten dann schon ungeduldig auf die neuen Figuren. »Das Weihnachtsgeschäft ist das wichtigste für uns«, sagt Arau.

Die Handwerkskunst des Zinngießens ist in ihrer Produktionsweise seit 200 Jahren fast die gleiche geblieben.
Die Handwerkskunst des Zinngießens ist in ihrer Produktionsweise seit 200 Jahren fast die gleiche geblieben.

Während es für Zinngeschirr so gut wie keinen Markt mehr gibt, finden sich für die Figuren durchaus noch Käufer. Einige kaufen nur einmal ein Mitbringsel, andere kommen regelmäßig. Es gibt Zinnfigurenbörsen und Sammlertreffen - doch die Szene für Zinnsoldaten sterbe langsam aus, erzählt Arau. Über die Hälfte seiner Verkäufe geht mittlerweile ins Ausland. Die USA und Japan sind große Absatzmärkte. »Deutsche Handwerkskunst hat dort einen hohen Stellenwert. Sehr beliebt sind bayerische oder Märchenmotive.«

Diese Handwerkskunst ist in ihrer Produktionsweise seit 200 Jahren fast die gleiche geblieben. Durch den Flur des ebenso alten Haupthauses der Familie Schweizer-Arau gelangt man in den Hof, wo in einem Nebengebäude die Werkstatt untergebracht ist. Am Gießofen sitzt eine von Araus Mitarbeiterinnen. Sie klappt zwei Formen aus Schiefersteinen zusammen, gießt in ein Loch an der oberen abgeschrägten Kante einen Löffel mit 400 Grad heißem Zinn, wartet einen Augenblick und klappt dann die Formen auseinander.

Über die Hälfte von Jordi Araus bunten Figuren findet im Ausland ihre Liebhaber.
Über die Hälfte von Jordi Araus bunten Figuren findet im Ausland ihre Liebhaber.

Zum Vorschein kommt ein zweidimensionales mehrteiliges Bild mit Gespenstern und Kürbissen. »Für eine Nachbestellung aus den USA« erklärt Arau. Einige seiner Figuren verkauft er in der einfachen Metalloptik, die meisten werden nach der Herstellung von freiberuflichen Malerinnen in Heimarbeit aufwendig bemalt.

Zinnmanufakturen wie die von Wilhelm Schweizer gebe es noch etwa eine Handvoll in Deutschland, erzählt Arau. Der Ausbildungsberuf »Zinngießer« ist nach einer Handwerksreform in den 1990er-Jahren im Beruf »Metall- und Glockengießer« aufgegangen. Eine Ausbildung zum Graveur kann man zum Beispiel noch in der Berufsfachschule Kaufbeuren-Neugablonz machen.

Wie es mit seiner Manufaktur einmal weitergehen wird, weiß Arau noch nicht. Immerhin studiert sein Sohn Betriebswirtschaft - wichtige Voraussetzung für die Leitung eines Handwerksbetriebs. Doch das Wichtigste ist: die Fantasie der Menschen anzuregen und mit den Zinnfiguren Geschichten zu erzählen.

 

INTERNET: www.zinnfiguren.de

ZINN

ZINN IST ein sehr weiches und dehnbares Schwermetall. Es hat einen niedrigen Schmelzpunkt und lässt sich gut verarbeiten.

BÜRGERSILBER oder »Silber der armen Leute« wurde es genannt, weil es silbrig-weiß glänzt. Da es nicht gesundheitsschädlich ist, wenn es mit Nahrungsmitteln in Berührung kommt, wurde es oft als Werkstoff für Trinkgefäße und Teller verwendet.

GEFÖRDERT wird Zinn heute am meisten in China, Peru und Indonesien. Der Weltmarktpreis stieg im letzten Jahr kontinuierlich an.

Seit der Napoleonzeit werden in Dießen Zinnfiguren hergestellt (Ansicht des Hauses der Familie Schweizer von außen).
Seit der Napoleonzeit werden in Dießen Zinnfiguren hergestellt.
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